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Politik Inland
05/13/2020

Urlaub in Italien: Kurz sieht "Basis derzeit nicht gegeben"

Niedrige Infektionszahlen sprechen für Grenzöffnung. Lage in Italien wird weiter beobachtet. Kanzler hofft, dass viele ihren Urlaub in Österreich buchen. Die Branche jubelt.

von Raffaela Lindorfer

Wer heuer im Sommer das Meer sehen will, muss ein wenig kreativ werden: Die Grenzen zu Deutschland sollen ab 15. Juni geöffnet werden, und Deutschland öffnet da auch seine Grenze nach Frankreich. In einem ersten Schritt werden die Kontrollen ab Samstag gelockert. Da gäbe es jedenfalls Strände. 

Urlaub in den Touristenhochburgen an der italienischen Adria ist aber noch länger nicht in Sicht. Die Grenzen zu Italien bleiben vorerst geschlossen. Das machte Kanzler Sebastian Kurz am Mittwoch bei einer Pressekonferenz auf Nachfrage eines Journalisten klar. 

"Wenn wir uns die aktuelle Situation anschauen, dann würde ich sagen, dass die Entwicklungen in Deutschland den Plan zur Grenzöffnung decken", sagte Kurz. "In Italien sehe ich die Basis dafür aber derzeit nicht gegeben."

Mit der Schweiz und mit Liechtenstein stehe man in Kontakt, „um ein ähnliches Prozedere zustande zu bringen“, so Kurz. Auch mit den östlichen Nachbarländern bestehe diesbezüglich „sehr intensiver Kontakt“.

Zuvor hatte das Schweizer Justiz- und Polizeidepartement (Ministerium) in Bern gegenüber der Nachrichtenagentur Keystone-SDA bereits die Öffnung der Schweizer Grenze zu Österreich und Deutschland mit 15. Juni bestätigt. Bedingung dafür sei, dass die pandemische Entwicklung positiv bleibe, hieß es demnach am Mittwoch.

Sorge bei Urlaubsbekanntschaften

Kurz sagt, ihm sei bewusst, dass viele jetzt an ihren Sommerurlaub denken. Und meinte: "Wir sind grundsätzlich über jeden froh, der seinen Urlaub derzeit in Österreich plant." Das sei auch ein Turbo für Wirtschaft und Arbeitsplätze.

Andererseits treibt die Regierung aber die Sorge um, mit wem Österreicher im Ausland zusammentreffen – und sich eventuell infizieren. Es gehe ja nicht nur darum, in welches Land man reist, sondern auch, wen man dort trifft. Innerhalb Österreichs sieht Kurz das Risiko offenbar niedriger.

Deutsche als wichtigste Gäste-Gruppe

Mit Ende Mai öffnen übrigens auch wieder die Beherbergungsbetriebe in ÖsterreichMit der Grenzöffnung - rechtzeitig zum Start in die Hauptferienzeit von Juni bis August - werden nun auch deutsche Urlaubsgäste erwartet. 

Die Tourismus- und Freizeitwirtschaft jubelt: "Die angekündigte vollständige Öffnung ist ein enorm wichtiger Schritt für die Tourismusbetriebe und ihre Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter. Damit kommen die Unternehmerinnen und Unternehmer wieder näher an die Wirtschaftlichkeit“, sagt Petra Nocker-Schwarzenbacher, Obfrau der Bundessparte in der Wirtschaftskammer Österreich (WKÖ).

Die Deutschen sind - neben den Inlandstouristen - die mit Abstand wichtigste Gästegruppe, im Sommer wie im Winter. Auf deutsche Urlauber entfielen im Sommer 2019 rund 7,9 Millionen Ankünfte und 29,5 Millionen Nächtigungen.

Zum Vergleich: Inländische Gäste waren für 23,3 Millionen Übernachtungen in Hotels, Pensionen oder Ferienwohnungen verantwortlich. Die Abhängigkeit vom deutschen Markt ist in den vergangenen drei Jahrzehnten deutlich gesunken, auch wenn nach wie vor mit Abstand die meisten ausländischen Gäste aus Deutschland stammen.

Der Übernachtungsanteil deutscher Gäste lag 1991 noch bei 50,7 Prozent, im vergangenen Sommer hingegen nur mehr bei 37,4 Prozent, wie aus Zahlen der Statistik Austria hervorgeht.

Experte prognostiziert aber schwache Nachfrage

Der Tourismusexperte Oliver Fritz vom Wirtschaftsforschungsinstitut (Wifo) dämpfte den Optimismus am Mittwoch im Ö1-„Mittagsjournal“ aber etwas. Er erwartet trotz der Grenzöffnungen eine deutliche Zurückhaltung bei den Buchungen, also eine schwache Nachfrage.

„Auch wenn die Grenzen offen sind, heißt das natürlich nicht, dass die Leute diese Grenzen auch überschreiten wollen“, sagte Fritz mit Blick auf eine mögliche Angst vor Ansteckungen. Insbesondere für den Westen Österreichs seien die Grenzöffnungen aber „gute Nachrichten“.

In Tirol und Vorarlberg sei der Anteil der Deutschen bei den Nächtigungen bei über 50 Prozent. Auch für den Städtetourismus in Wien sei der deutsche Markt wichtig. Leicht werde es für viele Hoteliers heuer im Sommer aber trotzdem nicht. Es gebe in der Branche eine hohe Verschuldung und eine geringe Eigenkapitalquote.

Reaktionen aus den Ländern

Im Tiroler Hotel Stanglwirt in Going am Wilden Kaiser freute sich Maria Hauser „riesig“ über die Öffnung. Auch wenn viele Buchungen von österreichischen Gästen eingegangen waren, sei die Grenzöffnung eine „große, große Freude“, sagte sie zur APA.

Etwa 80 Prozent der Gäste im Stanglwirt kommen aus Deutschland, die meisten hätten dem Hotel auch die Treue gehalten und auf die Grenzöffnung gehofft. Einige hätten aber auch umgebucht. Die Sommersaison sei damit „gerettet“, immerhin sei man im Sommer „quasi ausgebucht“, berichtete Hauser.

In Vorarlberg hat Landeshauptmann Markus Wallner (ÖVP) in den vergangenen Tagen wiederholt offene Grenzen in der Bodenseeregion gefordert, entsprechend groß war am Mittwoch die Freude.

Im Vierländereck Österreich-Deutschland-Schweiz-Liechtenstein gelegen, sind offene Grenzen für die positive Entwicklung Vorarlbergs ein Muss - nicht nur für den Tourismus. Für die stark exportorientierte Wirtschaft ist Deutschland der mit Abstand wichtigste Absatzmarkt.

Im Handel wiederum sind die Einkäufer aus der Schweiz von größerer Bedeutung. Dank des starken Schweizer Frankens decken sich die Eidgenossen üblicherweise reichlich in Vorarlberg ein - und sorgen so für 300 Mio. Euro Umsatz im Jahr.

Der neue Präsident der Wirtschaftskammer Salzburg, Peter Buchmüller, sprach heute von einem „Durchatmen“ für den Tourismus, aber auch von einem bedeutenden Schritt für den Handel sowie die tausenden Pendler. Besonders in der Landeshauptstadt dürften zunächst auch die Geschäfte und die Gastronomie von der Öffnung profitieren, weil viele Bayern zum Einkaufen nach Salzburg kommen.

Aufgrund des großen Anteils deutscher Urlauber im Bundesland - er lag in der Stadt zuletzt bei nicht ganz 20 Prozent, im Land bei rund 40 Prozent - ist die baldige Grenzöffnung für die Tourismusbranche überlebensnotwendig. „Mit den österreichischen Gästen allein hätte sich für viele Betriebe eine Öffnung nicht ausgezahlt“, sagte Spartenobmann Albert Ebner. „Damit besteht die Hoffnung, dass wir die Sommersaison doch noch einigermaßen retten können.“

Die beiden Kämmerer setzen auch auf weitere Verhandlungen, um den Öffnungstermin noch um die eine oder andere Woche vorzuverlegen. 

Als „wichtige und erfreuliche Botschaft“ bewertete auch der Geschäftsführer der Kärnten Werbung, Christian Kresse, die angekündigte Öffnung der Grenze zu Deutschland. „Das gibt Planungssicherheit für die Menschen, die auf Urlaub fahren wollen“, sagte Kresse auf Anfrage der APA. Es sei ein Signal für „hoffentlich bald weitere Schritte, die nötig sind“.

Es gebe nun doch eine bessere Perspektive für Juli und August, denn die heimischen Gäste allein seien für den Tourismus in Kärnten zu wenig.

Tourismuslandesrat Sebastian Schuschnig (ÖVP) zeigte sich in einer Aussendung erleichtert über die Grenzöffnung: „Mit den deutschen Gästen wird ein erfolgreicher Neustart des Kärntner Tourismus erleichtert. Deutschland zählt zu den wichtigsten Herkunftsländern des Kärntner Tourismus, allein im Jahr 2019 waren rund 30 Prozent unserer Gäste aus Deutschland.“

Kärntner Landeshauptmann fordert Richtlinien für Corona

Nun müsse rasch Planungssicherheit auch bei den Rahmenbedingungen geschaffen werden, unter denen die Hotellerie öffnen könne. Landeshauptmann Peter Kaiser (SPÖ) forderte einen Kriterienkatalog für die Öffnung von Grenzen zu Nachbarländern und klare Richtlinien für den Fall, dass ein Urlaubsgast positiv getestet werde. So müsste es zusätzliche Erhebungen beim Check-in im Hotel geben, um im Fall der Fälle ein effizientes und rasches „Contact Tracing“ zu gewährleisten.

Kaiser übte gegenüber der APA Kritik an der Vorgangsweise der Bundesregierung: „Was ich mir jedenfalls erwarten würde ist, dass es in so wichtigen Fragen und Entscheidungen eine Einbeziehung der Landeshauptleute gibt.“