Rudolf Mayer, Präsident des Box Club Favoriten

© Kurier/Juerg Christandl

Unsere Präsidenten
10/10/2016

Rudolf Mayers schlagkräftige Argumente

Österreich steht ohne Präsidenten da? Mitnichten! Rudolf Mayer ist Präsident des "Box Club Favoriten". Mit Video-Ansprache.

von Thomas Trescher

Der „Stutzi“ war ein leichtes Opfer, damals im Park. Klein war er, Ballett hat er gemacht. Beim Raufen hat er immer den Kürzeren gezogen. Bis er zu boxen begann. „Heute ist das ja verboten, im Park zu raufen“, erzählt Rudolf Mayer, wie der Stutzi von einst wirklich heißt, und er lässt keinen Zweifel daran, dass er das schade findet. Der 69-jährige Mayer ist einer der bekanntesten Anwälte des Landes, er hat Josef Fritzl, Elfriede Blauensteiner und Estibaliz C., bekannt als „Eis-Lady“, verteidigt. Aber in seiner Freizeit ist er Präsident, jener des Boxclubs Favoriten, der in einem Keller auf der Quellenstraße angesiedelt ist.

(Über 120.000 Präsidenten gibt es in Österreich. Einige von ihnen porträtieren wir in unserer neuen kurier.at-Serie "Unsere Präsidenten" - so lange, bis Österreich wieder einen Bundespräsidenten hat)

Seit 50 Jahren Boxer

Da steht er jetzt also, in seinem Anzug, schlägt und tritt auf einen der unzähligen Boxsäcke ein, die im Club herumstehen. Mit 16 hat er mit dem Boxen begonnen, dass er im Ballett der Wiener Staatsoper war, hat ihm bei seinem neuen Hobby geholfen, so paradox das klingt. „Beim Boxen macht die Beinarbeit siebzig Prozent aus, alle guten Boxer waren auch gute Tänzer, weil sie mit tänzelnden Bewegungen ihre Gegner irritierten.“ Rund fünfzig Jahre später boxt er immer noch, „damit ich mich dann im Altersheim gegen die Pfleger wehren kann.“

Es hat ihm nicht nur im Park, sondern auch vor Gericht geholfen. Durchsetzungskraft und schlagkräftige Argumente sind beim einen wie beim anderen das Wichtigste, sagt er. Deshalb steht er vor einem Prozess in seiner Wohnung und übt sich im Schattenboxen, um den Kreislauf anzukurbeln und vor dem Prozess in Betriebstemperatur zu kommen: „Im Alter sinkt die Testosteronproduktion, Kampfsport kurbelt sie wieder an“, sagt er. Mayers Karriere als Anwalt hat viel später begonnen als die des Boxers. Mit 29 Jahren inskribierte er auf dem Juridicum, war zuvor Kellner, Bewährungshelfer und Beamter. „Das hat mir im Beruf viel geholfen - wenn jemand frisch von der Schule kommt, wie soll er denn als Anwalt Fälle beurteilen, die sich im normalen Leben zugetragen haben?“

Die Seele, das weite Land

Viele seiner Fälle spielen aber abseits des normalen Lebens, weit weg von simplen Einbrüchen oder Körperverletzungen. Rudolf Mayer hat sich spezialisiert auf spektakuläre und grausame Fälle, die das Land erschüttern. Die Serienmörderin Elfriede Blauensteiner, die im Prozess mit einem Kruzifix in der Hand „Ich wasche meine Hände in Unschuld“ rief. Josef Fritzl, der sich über Jahrzehnte an seiner in den Keller gesperrten Tochter verging. Estibaliz C., die zwei Männer ermordet, zerstückelt und einbetoniert hat. Was fasziniert ihn an diesen Fällen? Es ist eine fast kindlich wirkende Neugier, die durchscheint, wenn er davon erzählt. „Ich möchte das Seelenleben ergründen, schon Arthur Schnitzler hat gesagt: Die Seele ist ein weites Land.“ Die Protagonisten seiner drei bekanntesten Fälle eint, dass die Dissonanz zwischen ihrem persönlichen Auftreten und ihren Taten so groß ist, erzählt Mayer. „Das sind die Fälle, die einem zu denken geben, die man für sich knacken muss.“

Genau wegen dieser Fälle wurde er auch persönlich angefeindet. „Das Problem ist, dass man in der Umgangssprache unter verteidigen versteht, dass man auch die Ansichten, Werte und Handlungen seines Klienten billigt. Das habe ich zu spüren bekommen, wenn ich Personen verteidigt habe, die furchtbare Taten gesetzt haben. Dann haben die Leute gesagt, ‚Der gehört weg und sein Anwalt auch gleich‘.“

Die Tünche Zivilisation

Die Fälle, die Rudolf Mayer bekannt gemacht haben, scheinen auch sein Menschenbild geprägt haben; es erinnert mehr an Thomas Hobbes denn Arthur Schnitzler: Der Mensch ist dem Menschen ein Wolf. „Wir sind archaische Wesen mit einer kleinen Tünche Zivilisation drüber. Die ist in Kriegen und Notzeiten sofort weg und es kommt das hervor, das der Mensch wirklich ist: Eine Selbstbehauptungsmaschine.“ Die Erziehung und das Rechtssystem sind es nach Mayers Ansicht, die den Menschen davon abhalten, einander an die Gurgel zu gehen. „Wenn man einen Tag das Strafgesetzbuch außer Kraft setzt, und das gilt ab 8:00 Uhr, dann sind um 8:05 Uhr alle Waffengeschäfte ausverkauft. Dann werden alle Rechnungen, die Nachbarn untereinander haben, gleich mit bellenden Waffen beglichen.“

Für seine These hat er auch einen Beleg, und der hat bereits einmal für eine Kontroverse gesorgt: „Wenn man sich anschaut, wie die Menschen die Tierwelt für ihren Gaumengenuss behandelt, weiß man schon, wie viel Archaisches im Menschen steckt“, sagt Mayer. Als der überzeugte Vegetarier 2012 von Armin Wolf in der „Zeit im Bild 2“ gefragt wurde, ob es jemanden gäbe, den er nicht verteidigen würde, sagte der: Tierquäler. Massenmörder ja, Tierquäler nein. Dazu steht er bis heute: „Der Mensch kann sich im Gegensatz zu einem wehrlosen Tier schützen; einer mehr, der andere weniger.“ Und Mayer will einer derer sein, die sich mehr schützen können.

„In der DDR gab es den Ausspruch: 'Frieden schaffen mit Waffen', das wird heute belächelt. Aber was tun gegen einen Aggressor, der Waffen hat? Mit Beten wird das nicht gehen und ich werde auch einen Dschihadisten nicht mit Argumenten davon überzeugen können, mir nicht die Kehle durchzuschneiden. Wer sagt, Pazifismus um jeden Preis, der kann gerne seine Kehle hinhalten.“ Nachsatz: „Ich möchte das nicht.“

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