Schutzmaske im Wiener Prater

© Kurier / Jeff Mangione

Politik Inland
11/03/2021

Neuinfektionen-Rekord: Wie viele davon sind Impfdurchbrüche?

Sind die aktuellen Rekordwerte ein Indiz dafür, dass die Impfung doch nicht wirkt? Im Gegenteil – das zeigt sich gleich anhand mehrerer Faktoren.

von Karl Oberascher, Ute Brühl, Michael Leitner

Man möchte es kaum glauben, aber die aktuellen Zahlen liegen tatsächlich leicht über den Werten von vergangenem Herbst.

Bei 368 lag die 7-Tages-Inzidenz am 3. November 2020 – heute, genau ein Jahr später liegt sie bereits bei 430, nachdem fünf Tage hintereinander mehr als 5.000 Neuinfektionen gemessen wurden und heute mit 6.506 Neuinfektionen der bisherige Höchstwert des Jahres registriert wurde.

Wie kann das sein? Hat die Politik die Corona-Pandemie im Sommer nicht schon längst zur Privatsache erklärt? Die Geimpften, hieß es, seien aus dem Schneider. 

Jetzt müssen – wenn die Entwicklung so weitergeht – bald wieder planbare Operationen verschoben werden, um die Intensivstationen zu entlasten. Sind die aktuellen Zahlen also sogar ein Indiz dafür, dass die Impfung doch nicht so wirkt wie behauptet? Im Gegenteil. Das zeigt sich - schon rein statistisch - gleich anhand mehrerer Faktoren.

Da sind zum einen die Neuinfektionen selbst – und wer davon betroffen ist. Laut jüngster Auswertung der AGES (Stand. 1.11.) liegt die Sieben-Tages-Inzidenz bei den 18- bis 59-Jährigen bei 219, bei den unvollständig oder gar nicht geimpften Bevölkerungsgruppe liegt sie bei knapp 850.

Parallele Entwicklungen zeigen sich bei der Gruppe der Über-60- und den 12- bis 17-Jährigen - siehe folgende Grafik:

Wobei die Zahlen der Schultests, die nach den langen Herbstferien nun auch zu dem deutlichen Anstieg bei den Neuinfektionen beigetragen haben, hier noch gar nicht erfasst sind. Genaue Zahlen, wie viele Schüler am Dienstag, also am ersten Tag nach den Herbstferien, positiv getestet wurden, gibt es noch nicht. Für Bildungsminister Heinz Faßmann ist der deutliche Anstieg allerdings „keine zufällige Koinzidenz". Er sieht die regelmäßigen Testungen als "eine Sicherheit, die Schule offen halten zu können".

Simulationsforscher Niki Popper weist gegenüber dem KURIER auf einen anderen Effekt hin. Demnach hätten die Herbstferien das Infektionsgeschehen sogar leicht verlangsamt. „Weil sich die Familien in den Herbstferien doch nicht so viel getroffen haben. Viel spannender wird hier, was an Weihnachten passiert.“

In absoluten Zahlen bedeutet oben stehende Grafik übrigens, dass innerhalb der vergangenen vier Kalenderwochen (KW 40-43) 49.609 symptomatischen laborbestätigten SARS-CoV-2 Infektionsfällen dieser Zeitperiode 19.575 Fälle auftraten, die vollständig geimpft waren. 39,46 Prozent der Fälle sind damit also auf einen Impfdurchbruch zurückzuführen. Von einem solchen spricht man, sobald eine Infektion verbunden mit zumindest milden Symptomen wie Halsschmerzen nachgewiesen werden kann. 

Impfeffektivität vs. Impffortschritt

Der Anteil der Impfdurchbrüche am gesamten Infektionsgeschehen sagt jedoch weniger etwas über die Impfeffektivität als über den Impffortschritt aus. Die Gruppe der Geimpften ist inzwischen einfach deutlich größer als die der Ungeimpften. 64 Prozent der aller Österreicher sind vollständig geimpft.

Womit wir bei den Intensivstationen sind. Auch hier gibt es eine wachsende Anzahl an Patienten mit Impfurchbrüchen. Und auch hier ist dieser Umstand weniger ein Zeichen für mangelnde Impfeffektivität, wie das zuletzt wieder einmal FPÖ-Chef Herbert Kickl insinuierte, sondern zunächst ein rein mathematisch erklärbarer Effekt.

"Mit hoher Durchimpfungsrate gibt es selbstverständlich verhältnismäßig viele geimpfte Personen im Spital. Sind alle Personen geimpft, gibt es auch bei bester Impfwirksamkeit nur noch geimpfte Personen im Spital", sagte Mathematiker Dieter Süss gegenüber dem KURIER. 

Mitte Oktober waren rund 85 Prozent der Patientinnen und Patienten in Wien nicht vollständig oder gar nicht geimpft. Österreichweite Daten werden nicht erhoben - wobei auch so zuletzt ein deutlicher Trend hin zu mehr Geimpften auf den Intensivstationen zu beobachten war. So ist etwa in Oberösterreich rund die Hälfte der Hospitalisierten über 60 und geimpft. Aus diesem Grund sprach sich das nationale Impfgremium am Dienstag auch für eine vorgezogene Booster-Impfung für alle aus. Daten aus Israel würden zeigen, dass etwa die Antikörper durch die Impfung sechs Monate nach dem Zweitstich um bis zu 80 Prozent abfallen können.

Dabei entspricht der Wert von 60 Prozent in Oberösterreich – so überraschend das klingen mag – ziemlich genau dem effektiven Impfschutz von 90 Prozent, wie der Mathematiker Süss zuletzt im KURIER vorrechnete.  

Der  Prozentsatz von aktuell rund 40 Prozent geimpften Patienten in Spitälern "ist genau der Prozentsatz, den man im Best-Case-Szenario mit einer Impfeffizienz von 90 Prozent erwartet.“ Die aktuellen Zahlen zeigen, so Süss, "dass die Impfung so wirksam ist wie erwartet, also eine Impfstoffwirksamkeit von 90 Prozent gegen schwere Verläufe aufweist.

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