Politik | Inland
11/27/2012

Streit um Schmieds Sexfibel für Volksschüler

Achtjährigen wird unter anderem erklärt, wie es zu gleichgeschlechtlichem Sex kommt. Kritik kommt von ÖVP, FPÖ, BZÖ und Elternvertretern.

Knapp ein Vierteljahrhundert nach der umstrittenen Einführung des Sex-Koffers gibt es wieder Aufregung um die Aufklärung: „Wer darf dir an den Hoden oder zwischen die Beine an die Schamlippen greifen?“ Oder: „Zwei nackte Frauen liegen in der Badewanne. Beschreibe das Bild und wie du die gezeigte Situation findest.“

Derartige Beispiele und Formulierungen sind in einer Broschüre zu finden, die seit Beginn des Schuljahres an Lehrer von Volks- und Hauptschulen verteilt werden. „Ganz schön intim, Sexualerziehung für 6- bis 12-Jährige“ nennt sich das Werk, das vom Verein Selbstlaut erstellt wurde. Teilweise auch zweisprachig für die Türken in Österreich. Die Schüler sollen die darin beschriebenen Übungen umsetzen.

„Gegen das Gesetz“

„Mindestens sechs Punkte widersprechen der aktuellen Gesetzeslage in Österreich. So ist eine Leihmutterschaft ebenso wenig erlaubt wie das Kaufen von Samen. Außerdem wird geschrieben, dass jeder mit jedem darf, aber nichts davon, dass es ein Schutzalter für Kinder gibt“, sagt Gudrun Kugler – Theologin, Juristin und dreifache Mutter. „Kinder werden mit Beispielen indoktriniert, die verboten sind“, meint Stephanie Merckens von der Bioethik-Kommission im Bundeskanzleramt.

Werner Amon, VP-Bildungssprecher, sieht eine „Diskreditierung der sogenannten Kernfamilie. Schwul, lesbisch, hetero und trans werden als gleichwertig dargestellt.“ Sein FP-Pendant Walter Rosenkranz zeigt sich empört und sieht „ideologische Stimmungsmache“.

„Die Kinder reden darüber. Da ist es besser, wenn sie mit Lehrern darüber reden als auf dem Schulhof“, kontert Josef Galley, Sprecher von Unterrichtsministerin Claudia Schmied (SPÖ). Deshalb werde auch behandelt, was „ficke deine Mutter“ bedeuten könnte. Galley: „In der Broschüre werden die von der WHO geforderten Prinzipien umgesetzt. Gleichgeschlechtliche Lebensweisen sind anerkannt.“ Zielgruppe seien Kinder, die Lesen und Schreiben können – vor allem acht- und neunjährige Buben und Mädchen. Das Ministerium sagte am Abend, dass es zu kleinen Überarbeitungen kommen soll, etwa bei der Leihmutterschaft.

Vorsichtige Kritik an der Broschüre kommt von Elternvertreterin Katja Kolnhofer: „Grundsätzlich halte ich die Broschüre für sinnvoll, aber Volksschülern kann man das nicht alles zumuten. Es ist auch zu technisch, das Familiäre fehlt komplett.“ Deshalb gebe es vereinzelt Beschwerden von Eltern. Unterstützung für Schmied kommt dafür von der Sozialistischen Jugend: „In welchem Zeitalter leben ÖVP und FPÖ?“, fragt Wolfgang Moitzi.

Warum die Aufklärungsfibel gerade jetzt gedruckt wurde, ist unklar. Auffällig ist, dass eine der Autorinnen die Klubvorsitzende der SPÖ-Josefstadt ist. Christa Jordan-Rudolf vom Verein Selbstlaut ist über die Debatte wenig überrascht. Aber: „Es wird niemand von uns zwangsbeglückt. Die Broschüre muss von den Lehrern selbst bestellt werden.“ Die Nachfrage sei seit einigen Tagen massiv gestiegen.

Ein Satz aus der Broschüre bringt es wohl auf den Punkt: „Es ist erlaubt, verschiedener Meinung zu sein.“

www.selbstlaut.org

„Das Wort ,wichsen’ bedeutet eigentlich, dass jemand weiß, wie sie/er gut zu sich selber sein kann.“

„Eigentlich können Kinder gar keine Huren oder Stricher oder Sexarbeiter/innen sein, weil sie noch keinen Beruf haben.“

„Die Samenbank ist ein ,Geschäft’, in dem Menschen Sperma (Samenzellen) kaufen. Das machen zum Beispiel Paare... oder lesbische Leute, die gerne mit einem Kind leben möchten.“

„Schwangerschaft nach einer Zeugung: Ein Paar oder einfach zwei Leute haben miteinander Sex.“

„Beispiele für ein mehrsprachiges Klassenwörterbuch: Penis (deutsch), kurac (türkisch, eher wie Spatzi), penis (türkisch, offizieller).“

„Geschlechtsverkehr haben Erwachsene und Jugendliche, weil sie sich gern haben und einander auch körperlich-sexuell nah sein wollen und/oder weil es ihnen einfach Spaß macht.“

Leihmutterschaft: Eine Frau trägt für eine andere Frau deren Baby aus. Das bedeutet: die Eizelle, aus der das Baby entsteht, stammt von der sogenannten biologischen Mutter und nicht von der Frau, die das Baby in sich wachsen lässt und die es gebärt.“ (Leihmutterschaften sind in Österreich nicht erlaubt, Anm. d. Red.)

„Kindliche Sexualität ist anders als die von Erwachsenen. Die meisten Erwachsenen mögen es, sich gegenseitig zu streicheln und zu küssen und sie berühren sich an den Geschlechtsteilen oder haben miteinander Geschlechtsverkehr. Kinder entdecken ihre Sexualität oft mit sich selbst oder beim Erkunden mit Freund/innen.“

„Trotz vieler Bearbeitungen von Schulbüchern und Medien . . . hält sich das Bild der klassischen Mutter-Vater-Kind-Familie als anzustrebendes Ideal hartnäckig.“

„Es ist kompliziert mit der Liebe. Für Kinder. Und Erwachsene. Das wurde mir damals klar.“