© dapd/Matthias Rietschel

Nach Häupl-Eklat

Wie viel Lehrer arbeiten und was sie verdienen

Junglehrer müssen bald länger als 22 Stunden in der Klasse stehen. Expertin für Jahres-Arbeitszeit-Modell.

von Bernhard Gaul

04/16/2015, 09:46 AM

Wütende Proteste der Lehrer, großer Unmut auch in der eigenen Fraktion: Wiens Bürgermeister Michael Häupl hat mit dem Ausspruch ("Wenn ich 22 Stunden die Woche arbeite, bin ich Dienstagmittag fertig und kann heimgehen.") weite Teile der 126.000 Lehrer in Österreich brüskiert.

Aber worum geht es bei Häupls Sager im Kern, wie viele Stunden arbeiten Lehrer in Österreich und warum darf man die Unterrichtszeit nicht mit der Arbeitszeit gleichsetzen?

Derzeit existieren parallel zwei Dienstrechts-Modelle für Lehrer – das alte und seit 2013 das neue Dienstrecht.

Noch sind praktisch alle Lehrer nach dem alten Dienstrecht angestellt, seit dem Schuljahr 2014/2015 können neu eintretende Lehrer zwischen dem alten und neuen Modell wählen. Ab 2019 gilt das neue Dienstrecht für alle neu Eintretenden verpflichtend.

Häupl bezog sich also auf das alte Dienstrecht. Dabei wird grundsätzlich unterschieden, ob es Bundeslehrer (AHS, BMHS) oder Landeslehrer (NMS, VS) betrifft. Landeslehrer sind schlechter gestellt (weil sie keine universitäre Ausbildung hatten), sie verdienen weniger, müssen öfter in der Klasse stehen und haben eine Verpflichtung zur Fortbildung (AHS-Lehrer müssen das nie).

Bund und Land

Bei Bundeslehrern gilt eine grundsätzliche Verpflichtung von 20 Wochenstunden – je nach Fach können das aber mehr oder weniger Stunden sein. Intensive Fächer wie Mathematik oder Sprachen zählen pro Unterrichtseinheit mehr, Turnstunden oder Zeichnen weniger. Somit kann die tatsächliche Anzahl, wie viele Unterrichtsstunden ein AHS-Lehrer in der Klasse steht, zwischen 17 und 24 Stunden variieren. Klarerweise gilt: Unterrichtszeit ist nicht gleich Arbeitszeit.

Landeslehrer müssen eine Jahresnorm erfüllen, die sich auf die allgemein gültige Jahresarbeitszeit eines österreichischen Angestellten bezieht, nämlich auf 1776 Jahresstunden. Das wird bei Volksschullehrern in etwa so berechnet: Es gelten 22 Unterrichtsstunden, die 36 Wochen pro Jahr geleistet werden – insgesamt also 792 Stunden. Dazu kommen 50 Minuten pro abgehaltener Stunde für Vor- und Nachbereitung des Unterrichts (660 Stunden). Weiters werden noch 100 Stunden für "lehramtliche Pflichten" wie Konferenzen oder Sprechstunden addiert, 66 Stunden für Administration der Klasse (z. B. Klassenbuchführung), 20 Stunden Supplierverpflichtung und 15 Stunden verpflichtende Fortbildung.

Die restlichen 123 Stunden sollen sich aus diverser Arbeitszeit (Planung, Kustodiate, Schulveranstaltungen) ergeben. Das ist also gemeint, wenn es heißt: Arbeitszeit eines Lehrers ist mehr als die reine Zeit in der Klasse.

Beim neuen Dienstrecht gilt eine Lehrverpflichtung von 24 Stunden (egal, welches Fach), Klassenvorstände oder Lehrer der Oberstufe in Schularbeitsfächern müssen zwei Stunden weniger unterrichten. Dafür gibt es ein höheres Einstiegsgehalt (und ein niedrigeres Gehalt am Ende der Karriere).

Jahres-Modell

Dass das neue Dienstrecht schon wieder reformbedürftig ist, meint die Bildungsexpertin Christiane Spiel gegenüber dem Ö1-Morgenjournal. Sie ist mit der neuen Debatte unglücklich und plädiert für mehr gegenseitige Wertschätzung. Die Uni-Professorin schlägt ein Jahres-Arbeitszeit-Modell vor. Dabei könnte auch jener Arbeitsaufwand, der nicht im Klassenzimmer stattfindet miteinberechnet werden.

Auf diesen Zug springt auch die Gewerkschaft auf: Per Aussendung kritisiert Thomas Bulant, Vorsitzender der FSG in der Gewerkschaft der PflichtschullehrerInnen, einmal mehr die Stundenzählerei: Die Gesamtarbeitszeit von 1776 Jahresstunden entspreche der Arbeitsleistung österreichischer Arbeitnehmer. Laut Bulant hätte die Politik der Öffentlichkeit anhand der Jahresnorm die Leistung und das Engagement der LehrerInnen über die Unterrichtstätigkeit in der Klasse hinaus dokumentieren können. "Die Regierung hat sich im Dezember 2013 jedoch mit dem Beschluss eines neuen Lehrerdienstrechts dagegen entschieden."

Mit zwei Stunden mehr Unterricht im OECD-Schnitt

Eine Erhöhung der Lehrverpflichtung um zwei Stunden würde über alle Lehrergruppen gerechnet Österreich in etwa auf den Schnitt der OECD-Staaten bringen. Das zeigt der im Vorjahr veröffentlichte jüngste OECD-Vergleich "Bildung auf einen Blick 2014". Allerdings: Volksschullehrer unterrichten schon jetzt so lang wie im OECD-Schnitt und würden nach einer Erhöhung weit drüber liegen.

Im Volksschulbereich kommen Österreichs Lehrer laut "Bildung auf einen Blick" derzeit auf eine Netto-Unterrichtszeit von 779 Stunden. Das liegt ziemlich genau im OECD-Schnitt (782), wobei die Berechnung dieser Zahl recht kompliziert ist. Die Lehrverpflichtung von 22 Wochenstunden (zu je 50 Minuten) wird dabei auf 60-Minuten-Einheiten umgelegt und zusammen mit der Pausenaufsicht auf eine wöchentliche Unterrichtszeit umgerechnet, dann auf einen Tag heruntergebrochen und mit der Zahl der Unterrichtstage pro Jahr (180) multipliziert.

Eine Erhöhung der Unterrichtspflicht um zwei Schulstunden pro Woche würde die Netto-Unterrichtszeit nach den OECD-Vorgaben auf 846 Stunden pushen, was schon recht weit über dem OECD-Mittelwert liegt. Ganz anders im Bereich der Sekundarstufe I (AHS-Unterstufe/Hauptschule/Neue Mittelschule): Hier liegt Österreich aktuell bei einer Netto-Unterrichtszeit von 607 Stunden - das ist weit unter dem OECD-Schnitt von 694 Stunden. Auch mit zwei Stunden mehr käme man erst auf 666 Stunden.

Im Bereich der AHS-Oberstufe kommen die österreichischen Lehrer auf einen Wert von 589 Stunden. Das ist unter dem OECD-Schnitt von 655 Stunden - ein zweistündiges Lehrverpflichtungs-Plus würde diesen Wert auf 648 und damit praktisch auf den OECD-Schnitt erhöhen.

Der EU-Schnitt liegt übrigens recht deutlich unter jenem der OECD-Staaten: Im Volksschulbereich beträgt die Netto-Unterrichtszeit in der EU 754 Stunden (derzeit in Österreich: 779), in der Sekundarstufe I 653 Stunden (607) und in der Oberstufe 622 Stunden (589).

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