Bürgermeister Michael Häupl besucht ein Flüchtlingsheim in Ottakring am 7.10.2015

© Kurier/Juerg Christandl

SPÖ-Wahlkampf
10/09/2015

Häupl: "Es wird doch ein knappes Rennen"

Ursprünglich wollte Michael Häupl der FPÖ ausweichen. Die Flüchtlingskrise zwang zum Duell.

von Michael Jäger, Elias Natmessnig

Seit mehr als 20 Jahren regiert Michael Häupl als Bürgermeister von Wien. Doch just seine wohl letzte Wahl entscheidet, ob er zur roten Legende wird – oder nicht. Einst rotes Rückgrat Österreichs, ist auch in Wien längst nicht mehr alles beim Alten. Spätestens nach dem Erdrutschsieg der FPÖ in der Steiermark im Mai war auch in der Bundeshauptstadt Feuer am Dach.

Herzschlagfinale

Jetzt kommt es im rot-blauen Duell am Sonntag zum Herzschlagfinale. "Es wird doch ein knappes Rennen", sagte Häupl am Donnerstag dem KURIER. Gewinnt er den Kampf um Platz eins? "Das glaube ich schon, aber es ist ka gmahte Wiesen", will Häupl auch seinen Anhängern beim Wahlabschluss heute, Freitag, in Wien sagen.

Ursprünglich wollte der Wiener Bürgermeister einer Konfrontation mit dem FPÖ-Chef aus dem Weg gehen. "Bloß nicht auf das Feld von Strache bewegen – das hilft nur ihm", war noch im Frühjahr zu hören. Doch am 31. Mai war das nur noch Makulatur. Bei den Wahlen in der Steiermark verlor die SPÖ den Landeshauptmann, im Burgenland ging Niessl in eine Koalition mit den Blauen. Für die Wiener Roten ein Verrat an den Partei-Idealen.

Als Reaktion kündigte Bürgermeister Häupl eine härtere Gangart gegen die FPÖ an. "Ich werde gegen diese Hetz-Politik bedingungslos und mit aller Härte eintreten. Weicheierei ist mir ohnehin nie gelegen", sagte Häupl.

Nur einen Tag später ergänzte sein Parteimanager Georg Niedermühlbichler im KURIER. Die FPÖ setze auf Ausgrenzung und Hetze und verbreite "Weltuntergangsstimmung". "Nach den Wahlen im Burgenland und in der Steiermark war uns klar, dass wir die Gegenposition zur FPÖ einnehmen müssen." Das ursprüngliche Konzept Häupls und seiner Strategen auf Themen in einer wachsenden Stadt zu setzen, musste in der Hintergrund treten.

Denn für die Wiener Roten tat sich ein zweites Mega-Thema auf, das so gar nicht ins ursprüngliche Wahlkonzept passen wollte. Die sich im Laufe des Sommers zuspitzende Flüchtlingskrise war durch nichts mehr wegzubringen. Und Häupl bezog hier eine Position, die er seit drei Jahrzehnten vertritt: "Menschen in Not, die uns bitten zu helfen, ist auch zu helfen."

Das goldene Wiener Herz reagierte unterschiedlich. Der Wiener Bürgermeister zeigt sich hier realitätsnah: "Auf der einen Seite verspüre ich Zustimmung, weit über meine Partei hinaus. Natürlich merke ich auch, dass es hier sehr viel Ängste bis hin zur Ablehnung gibt, mit der ich mich auseinanderzusetzen habe."

Seit Wochen versucht Häupl daher, die besorgten Wiener mit Argumenten zu beruhigen. "Nur fünf Prozent der Flüchtlinge sind in der Stadt geblieben." Und nur ein Drittel jener 12.000 bis 15.000, die jetzt um Asyl ansuchen, würde dies auch erhalten. Und für diese Gruppe Jobs in der Stadt zu schaffen, sei angesichts von täglich 250.000 Arbeitspendlern eine verkraftbare Größe.

Schlüssel zum Erfolg

Ein wichtiger Schlüssel zum Erfolg oder Misserfolg ist die Mobilisierungskraft der Wiener SPÖ. Da gab es in der Vergangenheit Schwächen. Doch Häupl ist überzeugt, dass seine Funktionäre "mit Sicherheit erkannt haben", dass es am Sonntag für die Roten "um den ersten Platz geht". Die Parteibasis wurde wie noch nie zuvor auf den harten Wahlkampf gegen die FPÖ eingeschworen. Mit dem "Blaubuch FPÖ" erhielten die Wahlkämpfer eine Argumentationsfibel in die Hand gedrückt, um am Stammtisch gegen Strache & Co. bestehen zu können. Und klar gestellt ist, dass es unter Michael Häupl mit der FPÖ keine Koalition geben wird.

Das Wahlziel des Bürgermeisters ist aber bescheidener geworden. Die absolute Mehrheit hängt unerreichbar hoch. Häupl: "Unter diesen gegebenen Bedingungen ist alles, was ein Dreier mit einer hohen zweiten Zahl dabei hat, gut."

Michael Häupl im Video-Interview

Wir werden es schaffen. Ich spüre es

Nur der Himmel war nicht blau, an diesem Donnerstagnachmittag in der Wiener Innenstadt. Ein Tiefdruckgebiet sorgte für eine dicke, graue Wolkendecke und Regen. Dennoch herrschte eine ausgelassene Stimmung. Eine Stunde lang sorgte die John Otti Band, Fixpunkt jeder blauen Wahlkampfveranstaltung, für die unvermeidbare Hump-da-da-Stimmung. Otti spielte von Strauss, Verdi bis Rammstein alles, was Stimmung machte.

Am altehrwürdigen Stephansplatz lud die Wiener FPÖ zum "Finale der Oktoberrevolution". Einer Presseaussendung von Ursula Stenzel ist zu entnehmen, dass die Bezirksvorsteherin des Ersten Bezirks eine "Respektzone um den Stephansplatz" fordert, sie möchte den Platz von "Veranstaltungen aller Art" befreien, da diese Orte "Rummelplätzen" gleichen würden. Okay, das forderte Stenzel 2006, damals als ÖVP-Bezirkschefin. 2015, an diesem Donnerstag, fungierte sie als neues bürgerliches Zugpferd für die FPÖ auf der Bühne und als Einpeitscherin für ihren neuen Chef. "Das rot-grüne Tief gehört weggefegt", rief sie gewohnt näselnd den Sympathisanten zu. Sich zur FPÖ zu bekennen, sei nicht mutig, sondern eine Selbstverständlichkeit. "Viele fragen mich, was HC Strache besser machen kann in Wien. Und ich sage darauf: Alles", streute sie ihrem Parteichef Rosen.

Und dann kommt der Chef, Heinz-Christian Strache: SPÖ-Chef Werner Faymann hatte sich im ORF-Sommergespräch noch mokiert darüber, dass Strache nur in Ibiza zeige, was er kann. Wäre er gestern am Stephansplatz gewesen, hätte ihm Strache zeigen können, was er wirklich gut kann: Wahlkämpfen. Auch wenn die aktuelle FPÖ-Kampagne samt Slogans wie die letzte und die vorletzte wirkt: "Ja zu HC Strache. Aus Liebe zur Heimat."

Strache hatte sich in seinem Wahlkampf bereits zum dritten Mal nach 2005 und 2010 auf die SPÖ eingeschossen und zum "Duell um Wien" aufgerufen: "Tauschen wir Häupl gegen HC Strache". Was bisher denkunmöglich war – die FPÖ in Wien auf Platz 1 vor der SPÖ – können Demoskopen jetzt nicht mehr ausschließen. "Wenn die SPÖ wieder stärkste Kraft wird, heißt das nur, dass der Leidensweg noch fünf Jahre weitergeht", ruft Strache von der Bühne. "Aber wenn die FPÖ gewinnt, dann bleibt in der SPÖ kein Stein auf dem anderen, das könnt ihr mir glauben. Man sieht es Häupl ja an, dass er keine Lust und keine Kraft mehr hat. Der wird sich nach der Wahl in die Pension verabschieden."

Einen großen Teil seiner Rede widmete er freilich dem Flüchtlingsthema. Österreich erlebe hier seit Wochen eine "Farce", weil es "bis heute keinen Grenzschutz" gebe, und das Bundesheer "nur als Begrüßungskomitee an der Grenze" agiere. Dabei seien unzählige "Kriminelle und Dschihadisten" ins Land gelassen worden. Er werde diesen Menschen "die Tür hinaus aus Österreich" weisen. Dafür spendete das Publikum einen Sonderapplaus.

Zum Abschluss schwenkten die blauen Spitzenkandidaten Wien-Fahnen, auch Johann Gudenus, Straches Statthalter in Wien, der, sofern Strache nicht doch Bürgermeister wird, wieder als Oppositionschef im Gemeinderat das Ruder übernehmen wird. Strache hatte Gudenus in seiner Rede nicht einmal erwähnt, Stenzel, "eine unglaubliche Dame, die Maggie Thatcher von Wien", sehr wohl.

Mag sein, dass Gudenus das gar nicht stört. Strache ist in der Kanzlerfrage seit Monaten deutlich auf Platz 1. Vielleicht ahnt Strache, dass er trotz Zugewinnen kaum Aussichten hat, Bürgermeister zu werden, weil nur die sehr schwache ÖVP eine Koalition mit ihm nicht ausschließt. Michael Häupl wird er also eher nicht beerben können – aber vielleicht Werner Faymann?

Die nächste Nationalratswahl findet planmäßig 2018 statt. Bis auf ein aktuelles Foto von sich und eine neue Wahlkampf-Hymne von John Otti hat Heinz-Christian Strache schon jetzt alles parat.