Straches Beschützer wurde zum erbitterten Feind des FPÖ-Chefs.

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Politik Inland
11/27/2019

Wie Straches Bodyguard mit echten und falschen Rechnungen jonglierte

Straches Sicherheitsmann sammelte jahrelang echte und falsche Belege in Schuhschachteln. Das Spesensystem im Detail.

von Ida Metzger

Die Bombe platzte für die blaue Spitze am Bundesparteitag am 14. September in Graz: Damals erfuhren der eben erst zum FPÖ-Chef gewählte Norbert Hofer und Ex-Innenminister Herbert Kickl, dass Strache sein üppiges Spesenkonto von 10.000 Euro pro Monat, das ihm die Wiener Landespartei zur Verfügung gestellt hatte, nicht nur für Wirtshausrunden und Wahlkampfevents verwendet haben soll, sondern mutmaßlich auch, um private Aufwendungen daraus zu finanzieren.

Ibiza war für die Parteispitze schon schwer nachvollziehbar, aber mit diesem Verdacht war die rote Linie – vor allem für Kickl – überschritten. "Es geht darum, dass er durch mutmaßlich gefälschte Spesenabrechnungen seine eigene Partei geschädigt hat, um private Aufwendungen zu finanzieren. Also nicht die FPÖ hat ihn zum Opfer gemacht, sondern er steht im Verdacht, als Täter die FPÖ geschädigt zu haben", sagt Kickl gegenüber dem KURIER.

Bodyguard Schlüsselfigur

Steht nur die Frage im Raum: Wie kann man einen mutmaßlichen Spesenbetrug in Zeiten der Registrierkassen überhaupt durchziehen? Einfach eine handschriftliche Rechnung mit einem anderen Verwendungszweck ausstellen lassen, wie es noch vor einigen Jahren durchaus üblich war, funktioniert ja nicht mehr.

Straches Ex-Bodyguard, der ehemalige Wega-Polizist Oliver R., der viele Jahre Tag und Nacht an der Seite des Ex-FPÖ-Chefs verbracht hat, ist bei diesem Plan eine Schlüsselfigur. Er soll der Staatsanwaltschaft – nach der Hausdurchsuchung und seiner kurzfristigen Festnahme wenige Tage vor der Nationalratswahl Ende September – nicht nur das Spesenkonto-System Straches im Detail erklärt haben, sondern den Ermittlern auch "in einigen Schuhschachteln" die Belege dafür übergeben haben.

Seit 2008 soll Oliver R. die Belege gesammelt haben. "Zuerst nur, um sich selbst zu schützen, weil er wusste, dass das nicht sauber ist, was hier abläuft", erzählt eine Bekannte von Oliver R.

Ungefähr 2015 dürfte es zu einer Art Zerwürfnis mit Strache gekommen sein. R. erkrankt schwer, und als er rekonvaleszent zurückkehrt, hat er seinen Job bei Strache verloren. Plötzlich steht er nicht mehr in dessen Gunst, er ist nur mehr teilweise einsatzfähig. Auch wird er offenbar nicht mehr so gut bezahlt wie früher.

Von nun an werden die gesammelten Belege zur Waffe gegen den Ex-FPÖ-Chef. Der Bodyguard verwandelt sich von Straches Schutzschild zu seinem erbitterten Feind.

In einem Wiener Innenstadt-Lokal trifft er offenbar immer wieder auf den Anwalt M., der als einer der Drahtzieher des Ibiza-Videos gilt. Oliver R. soll nicht nur die wichtigen Details aus Straches Lebenswandel für die Produktion des fatalen Ibiza-Videos geliefert haben, er hat Straches Spesensystem möglich gemacht.

Ersatzbelege organisiert

Und das soll so abgelaufen sein: Wenn Strache beispielsweise Einkäufe getätigt hat, die nicht von der FPÖ-Wien als Spesen akzeptiert worden wären, soll Oliver R. Ersatzbelege organisiert haben. Das bedeutet konkret: Straches Ex-Bodyguard soll Konsumationsrechnungen in der gleichen Höhe bei Szenelokalen und Restaurants für "seinen Chef eingesammelt" haben, berichtet ein Insider. Diese Belege wanderten dann in die FPÖ-Buchhaltung.

Was Strache offenbar nicht wusste, und was ihm jetzt zum Verhängnis werden könnte: Sicherheitsmann Oliver R. kopierte jeden Beleg, den er für Strache organisierte, und sammelte diese Ersatzrechnungen angeblich in mehreren Schuhschachteln – immerhin lief das System seit 2008 ja wie geschmiert. Auch die tatsächlichen Rechnungen, die Strache dem Bodyguard übergeben haben soll, legte Oliver R. akribisch ab – ein Geschenk für die Staatsanwaltschaft.

Strache dementiert die missbräuchliche Verwendung von Spesengeldern. Für ihn gilt die Unschuldsvermutung.