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Politik Inland
11/10/2020

Schul-Lockdown: Kommt wieder die große Pause?

Infektionszahlen sprechen für Schließung, aber nicht nur Eltern sind dagegen.

von Bernhard Gaul, Raffaela Lindorfer, Ute Brühl

Es ist die Frage, die derzeit Hunderttausende Familien in Österreich wohl am meisten beschäftigt: Werden nun die Schulen wieder geschlossen und auf Distanzunterricht umgestellt?

Nein. Jedenfalls vorerst.

Für die Schließung wäre jedenfalls das Gesundheitsministerium zuständig. Das Bildungsministerium verweist in dieser Frage auf eine aktuelle Umfrage von Peter Hajek Public Opinion Strategies. Die wichtigsten Punkte:

  • Eine Schließung der Schulen wird von einer Mehrheit der Eltern relativ klar abgelehnt. 37 Prozent sind für Schulschließung, 57 Prozent sind dagegen. Dafür sind eher Eltern der Generation 50-Plus und nicht berufstätige Eltern.
  • Die Herausforderungen innerhalb der Familien haben sich im Vergleich zum April deutlich zugespitzt, zeigt die Umfrage. Im April sprachen nur sieben Prozent von großen Problemen, im November waren es mit 18 Prozent bereits doppelt so viele.
  • Auch die Betreuungsquote bei Schließung der Schulen dürfte sich dadurch stark geändert haben. Eine Betreuung an den Schulen war auch im Frühjahr möglich, wurde aber kaum in Anspruch genommen. Im April wollten nur vier Prozent Schulbetreuung in Anspruch nehmen, nun sind es mit 19 Prozent fast fünf Mal so viele.

Lehrer schleppen Virus ein

Schulschließungen sind angesichts der österreichweit steigenden Infektionszahlen wieder Thema, wissenschaftlich lässt sich aber nicht mit Gewissheit sagen, wie sehr die rund 5.500 Bildungseinrichtungen für die Virus-Weitergabe verantwortlich sind.

Innerhalb der Schulen gab es jüngst aber eine erstaunliche Analyse der Gesundheitsagentur AGES: Häufiger sind es demnach die Pädagogen, die das Virus in die Schulen einschleppen und Kollegen wie Schüler infizieren – nicht umgekehrt. Das erfuhren Abgeordnete des Parlaments bei einem Gesprächstermin bei Minister Rudolf Anschober und seinen Experten am Montag.

Neos-Sozialsprecher Gerald Loacker fordert nach dieser Erkenntnis einmal mehr, Alternativen zur Schulschließung zu evaluieren: Etwa den Ausbau der Testkapazitäten für Schulen und Kindergärten, eine erweiterte Maskenpflicht oder die Einteilung in Gruppen.

Die SPÖ drängt ebenfalls auf eine Ausweitung des Testangebots – und schlägt etwa Gurgeltests für Eltern zu Hause vor, wenn ihre Kinder gerade jetzt, in der kühleren Jahreszeit, Symptome zeigen. Eines stehe aber fest, so Gesundheitssprecher Philip Kucher: „Keiner der Experten hat Daten vorgelegt, die die Notwendigkeit zeigen, Schulen zu schließen.“

Kompromiss

AHS-Direktorensprecherin Isabella Zins schlägt einen Kompromiss vor, falls es zu Schließungen kommt: "Wir wollen, dass die Schulen offen bleiben. Sollte es dazu kommen, dass auch in den Unterstufen au Distance-Learning umgestellt werden muss, so sollte das nur für die Schülerinnen und Schüler der 7. und 8. Schulstufen geschehen. Das würde auch die Eltern entlasten, denn in diesem Alter benötigen  die Jugendlichen nicht mehr ganz so viel Betreuung."

Allerdings fordert eine Gruppe österreichischer Wissenschafter unterschiedlicher Fachrichtungen sofort deutliche strengere Maßnahmen. Es brauche jetzt die sofortige Schließung aller Schulen, die „Pflicht zum Homeoffice, wo immer möglich“ sowie die Erhöhung des Mindestabstands von einem auf zwei Meter, andernfalls würden Österreich überlastete Spitäler und Triage drohen.

„Der ,Lockdown light‘ setzt, im Gegensatz zum rigorosen Lockdown im Frühjahr, teils auf die falschen Maßnahmen und ist viel zu locker“, meinen der Mathematiker Peter Markowich, der Informatiker Georg Gottlob und die beiden Physiker Christoph Nägerl und Erich Gornik, allesamt Träger des Wittgenstein-Preises – dem höchsten Wissenschaftsförderpreis Österreichs. Sie sehen „nach aller wissenschaftlicher Evidenz Österreich seit Wochen ungebremst in die Katastrophe überlasteter Spitäler fahren“.

Gänzlich anders sieht das die Gesellschaft für Kinder- und Jugendheilkunde, die an diesem Dienstag zu einem Mediengespräch laden: „Die aktuellen Zahlen sind nach unserer Einschätzung ein klarer Beweis dafür, dass die Schließungen von Schulen keine effiziente Maßnahme ist, um die Ausbreitung des Virus einzudämmen. Die Tiroler Oberstufen sind jetzt seit drei Wochen im Distanzunterricht, und am exponentiellen Anstieg der Infizierten in der Bevölkerung hat sich nichts geändert“, schreiben die Mediziner.

Negative Effekte für alle

Belegt ist inzwischen auch, dass der Heimunterricht enorm negative Konsequenzen für die Kinder (Bildungsverlust) bis hin zur Volkswirtschaft haben.

Übrigens wird die Initiative „Religion ist Privatsache“ beim VfGH wegen der Ungleichbehandlung der Schüler gegenüber Religionen Klage einbringen. Kirchen sind, anders als die Oberstufe, weiterhin offen.

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