© Kurier/Franz Gruber

Interview
05/09/2021

Scheidungsanwältin: "Mord aus Liebe ist Quatsch mit Soße"

Die bekannte Scheidungsanwältin Helene Klaar kritisiert, dass Gewalt gegen Frauen heimlich goutiert wird.

von Ida Metzger

Seit vier Jahrzehnten trägt Helene Klaar einen Titel – nämlich die meist gefürchtete Scheidungsanwältin Österreichs zu sein. Eine Beschreibung, über die sie lacht. Aber die Feministin ist für ihre pointierten Analysen („Eine Ehe ohne Liebe ist besser als eine Scheidung ohne Geld“) bekannt. Ihre Ratschläge in Sachen Partnerschaft sind nüchtern. Das ist sie auch, wenn es um die Ursachen für Femizide geht.

KURIER: Frau Klaar, Justizministerin Alma Zadic möchte nun das Scheidungsrecht reformieren, damit es zu weniger Femiziden kommt. Hat die Verschuldensfrage einen Anteil daran, dass die Gewalt bei Trennungen eskaliert?

Helene Klaar: Das kann ich ganz klar mit Nein beantworten. Weg vom Verschuldensprinzip zu gehen, setzt Frauen einmal mehr dem Terror der Männer aus. Denn dann kann man nicht einmal mehr sagen, du hast dich falsch verhalten. Dann ist jede Gemeinheit und jeder Fehltritt in der Ehe ohne Konsequenzen erlaubt. Jede Abwertung, Enttäuschung und Kränkung interessiert dann keinen Richter mehr. Ich weiß nicht, was das daran ändern soll, dass Männer gegenüber Frauen nicht gewalttätig werden. Im Gegenteil. Ich habe kein Verständnis dafür, warum man aus einer Ehe leichter herauskommen soll als aus einem Mietvertrag. Außerdem werden die meisten Ehen in Österreich einvernehmlich geschieden. Nur bei rund acht Prozent der Scheidungen spielt die Verschuldensfrage eine Rolle. Interessanterweise wird bei Femiziden immer nach Ursachen geforscht, statt die Verantwortung dort zu suchen, wo sie ist – bei den Tätern. Es gibt viele andere Menschen, die auch in furchtbaren Verhältnissen leben, aber ihre Partnerinnen nicht ermorden.

Wann entsteht dann eine toxische Emotion?

Emotion entsteht, wenn der Partner entdeckt, dass er betrogen wurde. Emotion entsteht, wenn die Frau oder der Mann entdeckt, dass der Ehepartner den Schmuck heimlich versetzt hat. Emotion entsteht nicht, wenn man das vor Gericht bespricht. Zu sagen, es entsteht Emotion, weil man die Probleme aufarbeitet, ist das eine Gemeinheit gegenüber den Opfern.

Ist die Ursachenforschung nicht wichtig, um die Situation zu verbessern?

Natürlich kann man sich überlegen: Wie wird ein Mann gewalttätig? Warum glaubt er, dass die Frau zu guschen hat? Hat er das zu Hause erlebt? Hatte er Vorbilder, die ihm sagten, Probleme löst man mit Gewalt? Aber: Wenn ein Flüchtling aus Nigeria, der hier nicht arbeiten darf, in den U6-Stationen Drogen verkauft – da fragt kein Mensch: Warum tut er das? Der wird immer verurteilt. Da sagt keiner: Na ja, der war in einer Notlage, weil er nicht arbeiten darf. Oder der kommt aus einer Kultur, wo man zu Drogen ein lockeres Verhältnis hat. Immer nur bei Gewaltdelikten zwischen Männer und Frauen werden alle ganz rührselig und suchen Ursachen im Verhalten des Opfers. Sie war nicht lieb genug zu ihm, sie hat ihn abblitzen lassen oder er war halt eifersüchtig. Der gewöhnliche Hühnerdieb hat dieses Verständnis nie.

Tatsache ist aber: Es werden mehr Frauen als Männer in Österreich ermordet. Was kann man also dagegen unternehmen?

Es würde damit beginnen, wenn es ein gesellschaftliches Unwerturteil geben würde. Wenn es eben nicht heimlich noch immer fesch wäre, wenn der Mann der Alten eine in die Gosch’n haut, wenn sie nicht spurt. Keinen Unterhalt für Kinder zahlen, ist noch immer halbwegs akzeptabel. So ein Verhalten wird nicht wirklich missbilligt. In Wahrheit bedienen wir diese Bilder nach wie vor mit Beschreibungen wie: Ein echter Mann lässt sich nichts gefallen. Oder: Wer will schon einen Mann, der mit dem Schürzerl herumrennt und Hausarbeit macht oder in Karenz geht? Eine zweite Maßnahme wäre: Gefährliche Gewaltverbrecher gehören aus dem Verkehr gezogen. Diese Männer werden viel zu wenig oft in U-Haft genommen. Da wird offenbar nie eine Gefahr gesehen. Hier hört man oft Argumente wie: Wenn wir alle Männer inhaftieren, die drohen, ihre Frauen abzustechen, wären die Gefängnisse überfüllt. Na und? Dann sterben wenigstens ein paar Frauen weniger.

Das Wort Beziehungsdrama werden Sie dann nicht hören wollen ...

Mord aus Liebe – das ist Quatsch mit Soße. Man mordet nicht aus Liebe.

„Gewalt von Männern gegen Frauen gibt es in allen sozialen Schichten, Nationen, Familienverhältnissen und Berufsgruppen. Morden an Frauen werden auch als Femizide bezeichnet. Der Begriff soll ausdrücken, dass hinter diesen Morden oft keine individuellen, sondern auch gesamtgesellschaftliche Probleme wie etwa die Abwertung von Frauen und patriarchale Rollenbilder stehen.

Hilfe für Gewalt-Betroffene gibt es hier:

Frauenhelpline (Mo – So, 0 – 24 Uhr, kostenlos), 0800 / 222 555

Männernotruf: (Mo – So, 0 – 24 Uhr, kostenlos), 0800 / 246 247

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