Salzburger Festspiele werden feierlich eröffnet
Heute werden die Salzburger Festspiele mit einem Festakt in der Felsenreitschule von Bundespräsident Alexander Van der Bellen eröffnet. Die Festrede hält die belarussische Bürgerrechtlerin Maria Kolesnikowa.
Die 44-jährige Flötistin, Dirigentin und Kulturmanagerin saß wegen ihres Engagements gegen das Regime von Diktator Alexander Lukaschenko fünf Jahre lang in ihrer Heimat im Gefängnis.
„Freiheit wird kostbar, wenn man den Preis kennt“
Noch vor Kurzem hätte sie sich nicht vorstellen können, auf einer Bühne zu stehen, Musik zu hören und vor einem voll besetzten Saal zu sprechen, sagt Kolesnikowa. Seit 226 Tagen lebt sie wieder in Freiheit. Und die werde besonders kostbar, wenn man den Preis kennt.
Mehr als fünf Jahre lang sei sie von einer Welt umgeben gewesen, in der Hass, Aggression, Demütigung und der Wille, einen Menschen zu brechen, allgegenwärtig gewesen sei, erzählt sie. „Mein größter Sieg nicht nur darin bestand, zu überleben, sondern dass ich nicht zuließ, dass Hass in meinem Herzen Wunden schlägt.“ Großer Applaus.
„Wenn du hasst, haben sie bereits gewonnen“ - dieser Satz sei zu ihrem inneren Kompass geworden. „Ich wollte mir meine Menschlichkeit bewahren.“ Sie habe weder das Vertrauen in die Menschen, noch den Glauben an das Gute verloren.
Seit sie frei ist, sei sie nicht nur erstaunt über die technologischen Entwicklungen, meint sie in Bezug auf E-Autos und Künstliche Intelligenz. Sie sei vor allem überrascht von der Gereiztheit und Entfremdung in der Gesellschaft. Es sei eine der größten Herausforderungen der Zeit, einander zuzuhören. „In dem Moment, wo wir damit aufhören, hören wir auf, den anderen als Menschen wahrzunehmen.“
„Wir machen es uns mit unseren Luxusproblemen bequem“
Die Begrüßung nahm Landeshauptfrau Karoline Edtstadler (ÖVP) vor und zitierte aus „Die Welt von gestern“ von Stefan Zweig. Die Menschen damals hätten gedacht, ihre Freiheit sei unverrückbar - und stellten dann, nach Ausbruch des Zweiten Weltkriegs, das Gegenteil fest. Edtstadler sieht Parallelen zur aktuellen Situation - etwa in Hinblick auf den Angriffskrieg Russlands in der Ukraine, nicht weit von Österreich entfernt.
„Sind Freiheit, Demokratie, Menschensrechte und Rechtsstaatlichkeit so selbstverständlich wie die Sterne am Himmel?“, sagte sie auch in Bezug auf den Angriff gestern beim Christopher Street Day in Berlin. „Wir wissen, dass Freiheit und Frieden nicht unverrückbar sind, wir bekommen es jeden Tag vor Augen geführt.“
Es sei nur unbequem, sich damit zu beschäftigen, „deshalb haben wir es uns gemütlich gemacht unseren Luxusproblemen“. Etwa, indem man sich in Empörung übe und Debatten über wirkliche und angebliche Ungeheuerlichkeiten von Politik und Gesellschaft anfeuere.
Ihr Appell: „Wir sind ganz im Sinne Stefan Zweigs aufgefordert, den Zustand unserer eigenen Welt zu reflektieren.“ Das sei eine Chance, aber auch ein Auftrag und eine Verantwortung.
„Wenn Vernunft ohne das Herz wirkt“
Als nächster sprach Vizekanzler und Minister für Kultur und Sport Andreas Babler (SPÖ). Diesmal ohne Zwischenfall. Im Vorjahr stürmten ja Pro-Palästina-Aktivisten während seiner Rede die Bühne und die Arkaden der Felsenreitschule.
Babler begrüßte die Festgäste und alle Menschen hinter, vor und neben der Bühne (ob er wohl das Security-Personal meinte?) sowie Nationaltrainer Ralf Rangnick, der heute sein Gast ist.
Babler sprach über Errungenschaften wie Demokratie und das Völkerrecht, die „Kinder der Vernunft“ seien. „Aber wenn Vernunft ohne das Herz wirkt und nur egoistischen Motiven gilt, dann verkommt sie zur kalten Rationalität.“
Er zitiert Ingeborg Bachmann, die schrieb: „Die Geschichte lehrt, aber sie hat keine Schüler.“ Er hoffe, sie behält nicht recht. „Vielleicht kann uns die Kunst in der Zwischenzeit etwas lehren.“ Der „Jedermann“ etwa habe dem Mammon nachgejagt und feststellen müssen: „Was er besitzt, besitzt längst ihn selbst.“
Die Kunst könne helfen, weil sie einen Denkraum öffne, „in dem alles ganz anders sein könne“.
Babler: „Wir brauchen die Vernunft, um die Welt zu verstehen, wir brauchen die Kunst, um uns eine andere Welt vorstellen zu können, aber wir brauchen das Herz, um diese andere Welt möglich zu machen.“
170 Aufführungen
Am Abend geht im Großen Festspielhaus mit Georges Bizets „Carmen“ dann auch die erste szenische Opernproduktion in diesem Sommer über die Bühne.
Bis einschließlich 30. August stehen über 170 Aufführungen in 45 Tagen an 19 Spielstätten sowie 37 Vorstellungen im Jugendprogramm „jung & jede*r“ auf dem Programm.
Die Salzburger Festspiele starteten bereits am 17. Juli mit der Ouverture spirituelle in die heurige Saison. Am 18. Juli wurde die erste Schauspielpremiere mit dem „Jedermann“ in der wiederaufgenommenen Inszenierung von Robert Carsen mit Philipp Hochmair in der Titelrolle und Roxane Duran als neuer Buhlschaft gefeiert.
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