Anschlag auf CSD in Berlin: Mutmaßlicher Täter bei Polizeieinsatz getötet
Zusammenfassung
- Nach dem mutmaßlich islamistischen Anschlag am Rande des CSD in Berlin mit einem Van und einer Stichwaffe wurde der Tatverdächtige bei einem Polizeieinsatz am Sonntag getötet; eine Frau starb, 29 Menschen wurden verletzt.
- Bundesinnenminister Dobrindt sprach von einem islamistischen Anschlag; der Verdächtige war den Sicherheitsbehörden als Gefährder bekannt und hatte laut Generalstaatsanwaltschaft mehrfach versucht, sich dem IS anzuschließen.
- Der CSD mit Hunderttausenden Teilnehmern wurde abgebrochen, die Ermittlungen zu Hintergründen und möglichen Beteiligten dauern an, während Politik und Sicherheitsbehörden Konsequenzen und zusätzliche Schutzmaßnahmen prüfen.
Nach dem mutmaßlich islamistischen Terroranschlag am Rande des Christopher Street Days (CSD) in Berlin ist der Tatverdächtige bei einem Polizeieinsatz am Sonntag getötet worden. Das bestätigte die Senatsinnenverwaltung.
Der Verdächtige sei gegen 18.00 in einer Kleingartensiedlung in Spandau lokalisiert worden, lässt die Polizei Berlin über ihren X-Account wissen. Der mutmaßliche Attentäter habe nach bisherigen Erkenntnissen Polizisten in Berlin mit einer Stichwaffe angegriffen. Er soll mit einer Waffe auf die Einsatzkräfte zugelaufen sein, woraufhin er von der SEK Berlin erschossen wurde. Trotz Reanimationsmaßnahmen sei er gestorben, teilte die Berliner Polizei auf der Plattform X mit.
Bereits am Sonntagmittag wurde bekannt, dass die Polizei den Beifahrer des mutmaßlichen Attentäters schon in der Nacht auf Sonntag festgenommen hatte. Der Mann soll iranischer Staatsbürger sein.
Der deutsche Bundesinnenminister Alexander Dobrindt (CSU) sprach am Sonntag am Tatort vor Journalisten von einem islamistischen Anschlag. Der CSU-Politiker gab die Zahl der Verletzten dabei mit 29 an. Eine Frau wurde getötet. Niemand der teils schwerverletzten Verletzten in den Krankenhäusern sei momentan in einem kritischen, lebensbedrohlichen Zustand, erklärte die Polizei dann am Sonntagnachmittag.
Van rast in Menschenmenge
Ein weißer Van war Samstagabend in den Park des Berliner Stadtteils Tiergarten in eine Menschenmenge gerast und knallte danach gegen einen Baum. Nach der Amokfahrt sei der mutmaßliche Täter mit einer Stichwaffe, Berichten zufolge soll es sich bei der Waffe um eine Machete gehandelt haben, auf Fußwegen im Tiergarten auf weitere Passanten losgegangen, erklärt Dobrindt die aktuellen Erkenntnisse. Die Feier, an der Hunderttausende Menschen teilnahmen, wurde daraufhin gegen 22.00 Uhr abrupt abgebrochen. Nachahmer-Taten könnten nicht ausgeschlossen werden.
Amtsbekannter „Gefährder“
Der mutmaßliche und mittlerweile getötete 21-jährige Abdul D. sei deutscher Staatsbürger mit libanesischem Hintergrund und 2005 in Deutschland geboren. Seine Mutter sei 2002 eingebürgert worden. Er wurde als „Gefährder“ geführt, inhaftiert war er wegen Vorbereitung einer staatsgefährdenden Gewalttat. Er habe demnach Kontakt zur Extremisten-Miliz „Islamischer Staat“ gesucht und stand in Verbindung zu Islamisten. Bei den Verfassungsschutzbehörden sei er bekannt gewesen.
Im vergangenen Jahr habe er mehrmals versucht, sich im Ausland dem bewaffneten Kampf der Terrormiliz Islamischer Staat anzuschließen, teilte die Berliner Generalstaatsanwaltschaft mit. Demnach versuchte Abdul B. erfolglos, über die Türkei nach Mauretanien auszureisen. Wenig später reiste er dann über die Türkei in den Libanon, „um von dort aus nach Syrien zu gelangen und sich dem IS anzuschließen“, hieß es in der Mitteilung.
Im Libanon soll er zu mehreren Personen Kontakt aufgenommen haben, die möglicherweise Mitglieder des IS waren. „Zumindest ging Abdul B. mutmaßlich davon aus“, teilte die Generalstaatsanwaltschaft mit. Am 24. Juli 2025 sei er im Libanon festgenommen und dort in Untersuchungshaft genommen worden. Ein Militärgericht habe ihn dort „unter anderem wegen Anstiftung zu religiösen und konfessionellen Konflikten“ zu drei Monaten Haft verurteilt. Nach seiner Haftentlassung sei Abdul B. am 17. November 2025 nach Deutschland zurückgekehrt und noch am Flughafen BER erneut festgenommen worden.
Generalstaatsanwaltschaft wollte Bewährungsstrafe verhindern
Abdul B. war dann monatelang in Untersuchungshaft in Deutschland, ehe er am 12. Mai von einem Jugendschöffengericht am Amtsgericht Tiergarten „wegen der Vorbereitung einer schweren staatsgefährdenden Gewalttat in einem Fall sowie der Zuwiderhandlung gegen ein vollziehbares Verbot nach dem Vereinsgesetz in zwei Fällen zu einer Jugendstrafe von einem Jahr und zehn Monaten“, verurteilt wurde. Das Gericht hob demnach einen bestehenden Haftbefehl auf, „da die Untersuchungshaft vorrangig der Sicherung des Strafverfahrens dient und keine vorweggenommene Strafe darstellt“.
Die Verurteilung ist nicht rechtskräftig, da die Generalstaatsanwaltschaft Berufung eingelegt hat. „Die Generalstaatsanwaltschaft hatte eine höhere, nicht mehr bewährungsfähige Jugendstrafe sowie die Aufrechterhaltung des Haftbefehls beantragt“, teilte sie mit. In der Verhandlung zeigte sich Abdul B. der Mitteilung zufolge „überwiegend geständig“ und distanzierte sich vom IS.
Fahrzeug sichergestellt
Noch ist unklar, ob der Verdächtige wirklich das Fahrzeug steuerte. Das leere und stark demolierte Fahrzeug wurde im Bereich des Tatorts sichergestellt. Die genauen Hintergründe des Angriffs sind nach wie vor unklar.
In den Stunden nach der Attacke gab es nach Angaben des Polizeisprechers mehrere Polizeieinsätze in Berlin, die im Zusammenhang mit der Tat standen. Dazu gehörte eine Durchsuchung gegen 1.10 Uhr in einer Wohnung im Stadtteil Schöneberg. Da dort niemand angetroffen wurde, habe es auch keine Festnahme gegeben, sagte Nath der dpa.
Hunderttausende auf der Straße, Gelände war gesichert
Hunderttausende Menschen feierten in der Hauptstadt den CSD. Mit ihrer Demonstration wollten die Veranstalter ein Zeichen für Demokratie, Toleranz und Vielfalt setzen. Samstagabend trat unter anderem Sarah Connor bei der Abschlusskundgebung am Brandenburger Tor auf. Mit einer Regenbogenflagge um die Schultern spielte sie rund eine halbe Stunde lang ihre Songs.
Gegen 22.00 Uhr wurde das Fest dann abrupt abgebrochen. Nach Angaben eines dpa-Reporters vor Ort wurden die Besucher auf der Ostseite des Brandenburger Tors zunächst nicht über die Lage informiert. Viele verfolgten das Geschehen und die Nachrichten allerdings auf dem Handy. Der Bereich direkt am Brandenburger Tor wurde abgesperrt.
Berlins regierender Bürgermeister Kai Wegner (CDU) erklärte am Sonntag am Tatort, dass das Gelände des CSD während der Veranstaltung rund um das Brandenburger Tor von der Polizei gut abgesichert worden sei. Der bzw. die Täter seien nicht auf das Festivalgelände gekommen, erklärt er. Allerdings waren auch im Umfeld, etwa im Tiergarten, viele Besucher unterwegs. Man müsse nun in der weiteren Aufarbeitung überlegen, wie man Veranstaltungen noch besser schützen könne, sagt Wegner. Er lobt zudem die Zusammenarbeit der Polizei und des CSD-Vereins. Die Evakuierung sei schnell und hochprofessionell abgelaufen.
Am Sonntagnachmittag fand eine Gedenkveranstaltung in Berlin, sowie ein Gedenkgottesdienst statt.
Merz verurteilt Tat
Der deutsche Bundeskanzler Friedrich Merz und der Berliner Bürgermeister Kai Wegner verurteilten die Tat. „Hunderttausende Menschen aus aller Welt feierten friedlich beim Christopher Street Day. Sie wollten, dass wir gut und tolerant miteinander umgehen. Das ist ein Angriff auf unsere Gesellschaft“, betonte der Christdemokrat. Sein Parteikollege Wegner sah einen Angriff auf „unsere freie und weltoffene Gesellschaft“.
Auch Deutschlands Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier sprach von einem Angriff auf die offene Gesellschaft und „auf unsere Art zu leben und zusammenzuleben“.
Aus der österreichischen Politik sind am Sonntag entsetzte Reaktionen auf den Angriff gekommen.
„Was gestern in Berlin geschehen ist, war ein Angriff auf unsere offene Gesellschaft“, schrieb Bundeskanzler Christian Stocker (ÖVP) auf X. „Eine junge Frau wurde durch eine von Hass getriebene Tat aus dem Leben gerissen, viele Menschen wurden verletzt. Meine Gedanken sind bei den Angehörigen und bei allen, die diese Tat miterleben mussten“, schrieb Stocker weiter.
Außenministern Beate Meinl-Reisinger (NEOS) und SPÖ-LGBTIQ+ Sprecher Mario Lindner reagierten ähnlich.
Meinl-Reisinger drückte auf X ihre Erschütterung aus und meinte: „Der CSD steht für Liebe, Freiheit und Zusammenhalt. Diese Werte lassen wir uns nicht nehmen. Liebe ist stärker als Hass.“
Lindner, der auch Vorsitzender der sozialdemokratischen LGBTIQ+ Organisation SoHo ist, erklärte in einer Aussendung: „Wenn die Feinde unserer offenen Gesellschaft unsere Vielfalt angreifen, dann werden wir immer mit mehr Zusammenhalt, mehr Sichtbarkeit und mehr Solidarität antworten.“
Gewessler: Gegen Hass und menschenfeindliche Ideologien
Die Grüne Bundessprecherin Leonore Gewessler ließ mittels Aussendung mitteilen: „Was ein Tag der Sichtbarkeit, des Zusammenhalts und der Solidarität sein sollte, wurde von Gewalt überschattet.“ Hass und menschenfeindliche Ideologien hätten in unserer Gesellschaft keinen Platz, so Gewessler.
FP-Darmann: Europa „in Geiselhaft des islamistischen Terrors“
Die FPÖ nimmt in ihrer ersten Reaktion auf den tödlichen Angriff Bezug auf den mutmaßlich islamistischen Hintergrund des Tatverdächtigen. FPÖ-Sicherheitssprecher Gernot Darmann kritisierte in einer Aussendung die europäische und österreichische Asyl- und Migrationspolitik.
Polizeigewerkschaft fordert mehr Befugnisse
Die Deutsche Polizeigewerkschaft forderte als Konsequenz des mutmaßlichen Terrorakts weitergehende Befugnisse wie den Zugriff auf Dateien auf Computern, Smartphones und Tablets. Die Sicherheitsbehörden hätten solche Befugnisse vor allem zur Ermittlung, also nach einer Tat, aber nur teilweise zur Gefahrenabwehr, also vor einer Tat, sagte der Bundesvorsitzende der Gewerkschaft, Heiko Teggatz, der „Augsburger Allgemeinen“ laut Vorabbericht. Auch eine verstärkte Videoüberwachung auf öffentlichen Plätzen sei nötig.
Verstärkte Sicherheitsmaßnahmen in Amsterdam
In Amsterdam werden nach dem tödlichen Angriff Berlin für die gegenwärtig stattfindende „World Pride“ zusätzliche Sicherheitsmaßnahmen getroffen. Die World Pride gilt als eines der größten internationalen Events der LGBTQ+-Bewegung. Das Festival findet heuer zum ersten Mal in Amsterdam statt. Die mehrtägigen Veranstaltungen wurden am Samstag im Beisein von Königin Máxima ohne Zwischenfälle feierlich eröffnet. Als Höhepunkt ist für den kommenden Samstag die Bootsparade Pride Amsterdam über die Grachten der niederländischen Hauptstadt geplant.
Kommentare