Politik | Inland
08.10.2017

Rollenwechsel: "Kern war der Herausforderer"

Bundeskanzler Kern attackierte, ÖVP-Chef Kurz wirkte souveräner.

Symbolhaft war die Geschenkübergabe am Beginn des ersten Duells von SPÖ-Spitzenkandidat Christian Kern und Sebastian Kurz. Der ÖVP-Chef und Außenminister brachte ein gebrauchtes Buch von J. F. Kennedy mit. Kurz wollte mit dem Geschenk und mit dem Kennedy-Zitat "Frage nicht was dein Land für dich tun kann, sondern was du für dein Land tun kannst!" den SPÖ-Wahlslogan "Hol’ Dir, was Dir zusteht" karikieren. Kern gab seinem Herausforderer einen Gutschein für ein Candle-Light-Dinner "mit seiner Frau". "Mit diesem Geschenk positioniert sich Kurz als Kennedy Österreichs", interpretiert Medientrainer Gerald Groß die Gabe.

Die hitzige Debatte Sonntagabend auf Puls 4 begann mit gegenseitigen Anschuldigungen in der Causa Tal Silberstein. Kurz warf Kern "strukturiertes Dirty Campaigning auf Weltniveau" vor und verlangte ein neues Gesetz gegen unlautere Methoden im Wahlkampf. Kurz sprach auch von "Unwahrheiten", die Kern ihm gegenüber über Tal Silberstein im Sommer gesagt habe (Silberstein habe nur Meinungsumfragen gemacht).Kern hielt seinem Herausforderer vor, dass ein ÖVP-Blogger ("politischer Auftragstäter") gegen seine Ehefrau Eveline Steinberger-Kern schreibe. Der SPÖ-Chef kritisierte auch die schwarze "Obstruktionspolitik" seit Monaten gegen die Regierung. Gestritten haben beide auch über Paul Puller, der an den Facebook-Seiten für Silberstein gearbeitet hatte.

Nach gut 20 Minuten kamen Kern und Kurz kam es dann zu einem inhaltlichen Schlagabtausch über Migration. Wer hat den Flüchtlingsstrom eingedämmt, war die Frage. Kurz kritisierte die Zickzack-Linie des Kanzlers bei Migration. "Sie produzieren Schlagzeilen, wir (die Staats- und Regierungschefs, Anm.) sind an Lösungen interessiert", konterte er. Thema war auch die Aussage von Kurz, die Westbalkanroute geschlossen zu haben. "Das war Bundeskanzlerin Merkel und der Türkei-Deal", antwortete Kern. Streit gab es auch bei der Frage Kontrolle von Moscheen und islamischen Kindergärten. Kurz verlangte mehr Kontrolle durch das Kultusamt. Kern meinte, der Integrationsminister komme seiner Aufgabe nicht entsprechend nach. Der ÖVP-Minister beschwerte sich, dass ihn SPÖ-Politiker an seiner Arbeit blockieren.

Gefragt nach den Großspendern an die ÖVP antwortet Kern, dass diese davon mit fünf Millionen Euro pro Jahr profitieren würden. 40.000 alleinstehenden Frauen sollte laut SPÖ der Staat den Unterhalt garantieren, die ÖVP lehne dies ab. "Pierers gehen mit einem dicken Scheck nach Hause", sagte Kern. Konter von Kurz: "Herr Kern, sie positionieren mich als Politiker für die Reichen. Sie werden mich nicht in dieses Eck drängen können." Kurz warf ihm dann vor, dass in seiner Zeit bei der ÖBB die Managergehälter um 40 Prozent gestiegen seien, die der Mitarbeiter nur um rund 14 %.Kern drängte dann darauf, über Digitalisierung, Globalisierung und Klimapolitik zu reden. 200.000 zusätzliche Jobs versprach er mit seinem Plan A. Er kündigte auch mehr Unterstützung für die Forschung an.

Das Resümee von Medientrainer Groß: "Es war wie ein harter Schlagabtausch, wie ein Boxkampf. Kurz siegte nach Punkten. Der Amtsinhaber war der Herausforderer, Kern musste ständig attackieren. Er brauchte viel Energie, um die Aussagen von Kurz zu widerlegen. Der ÖVP-Chef schaffte es, das eigene Programm aktiv einzubringen. Kurz wirkte souverän."Eine Blitzumfrage von OGM ergab einen leichten Vorteil für Kern bei Steuern und Wirtschaft. Jungwählern und Pensionisten gefiel Kurz besser als Kern. Dazu OGM-Chef Wolfgang Bachmayer: "Es gab ein klares Ergebnis für Sebastian Kurz. Der Bundeskanzler wirkte genervt."