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Pro & Contra: Gesamtschule

Pro & Contra: Gesamtschule

Beide sind Lehrer, beide schreiben im KURIER. Niki Glattauer unterrichtet an einer Neuen Mittelschule, Wolfram Kautzky an einem Gymnasium.

von Ute Brühl

01/04/2014, 07:00 AM

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Pro: Niki Glattauer

Wissenschaft. Alle Untersuchungen (Green, Martin etc.) zeigen, dass Kinder in gemischten Klassen MEHR lernen, NICHT weniger. „Gute“ werden besser, wenn man ihnen die Möglichkeit gibt, „schwächeren Schülern“ etwas beizubringen. Dabei klären sie offene Fragen und festigen ihr Wissen. Die „Schwächeren“ werden gut, denn Kinder lernen am besten voneinander. Richtig (!) gemacht, führt die gemeinsame Schule zur Nivellierung nach oben.

Vorzugsschule.2011 bekam die Lichtenberg-Schule Göttingen den Staatspreis als „beste Schule Deutschlands“ – eine Gesamtschule. Direktor Wolfgang Vogelsaenger sagt: „Von jenen, die nach der Grundschule als gymnasiumfähig eingestuft wurden, erreicht bei uns jeder das Abitur, von jenen, die für ungeeignet erklärt wurden, immer noch jeder Vierte. Beim Zentralabitur sind wir unter den zwei Prozent der besten Oberstufen. Lehrerinnen und Eltern glauben immer, sie hätten einen riesigen Einfluss auf die Kinder. Entscheidend sind aber die anderen Kinder.“

Wie auf dem Land. Auch wir haben eine funktionierende gemeinsame Schule – die Hauptschulen auf dem Land. Volksschulklassen treten fast geschlossen über, viele maturieren. Allerdings gehen 70 % der Kinder in Städten zur Schule. Hier wechseln nur 8 Prozent der HS-Abgänger in die AHS-Oberstufe).

Trennung. Die Volksschule ist nur auf dem Land eine „Gesamtschule“. In den Städten gibt es eine Trennung in „bildungsnahe“ und „-ferne“ Bezirke.

Die halbe Welt zeigt es: Die gemeinsame Schule hebt das Leistungsniveau. In der Schweiz, wo Bildung Sache der Kantone ist, endet die Gesamtschule en gros mit 12 Jahren, oft mit 14, flächendeckend gibt es die Ganztagsschule. Polen ist seit der Umstellung aufs „Gymnasium für alle“ PISA-Aufsteiger Nr.1 und hat den stärksten Sprung nach vorn gemacht. Die Südtiroler rangieren 20 Punkte vor den Österreich­tirolern. Die christlich-soziale Politikerin Kasslatter Mur sagt: „Kein Südtiroler würde die erfolgreiche Gesamtschule rückgängig machen.“

Mehr Fachkräfte. Die Wirtschaft braucht besser ausgebildete Fachleute. Österreich kann stolz darauf sein, in der schulischen Berufsausbildung Europa-Vorbild zu sein. Aber langsam geht uns das qualifizierte Personal aus. 10 Prozent aller 16- bis 24-Jährigen haben weder einen Job, noch sind sie in Ausbildung (bei Kindern von Zuwanderern 20 %). Blieben die Kinder nach der Volksschule zusammen, wären die Facharbeiter von morgen besser ausgebildet, außerdem könnte man so auch angehende Gymnasiasten mit der Arbeitswelt vertraut machen.

Eltern als Lehrer. Manche reden vom „funktionierenden Gymnasium“. Bei aller Wertschätzung für die dort arbeitenden Kolleginnen: Die AHS funktioniert, wo Elternhäuser funktionieren. Wer kennt nicht den Satz: „Morgen haben WIR Schularbeit“. Unsere Eltern stecken 100 (!) Millionen Euro in die Nachhilfe.

Nachhilfe. Besonders schlimm: Einem Drittel der Schüler, die es ohne Nachhilfe nicht schaffen, wird nachmittags von Lehrern „nachgeholfen“, die vormittags in den eigenen Klassen 5er verteilen.

Schwarze Pädagogik – ermöglicht durch die trennende Schule: Lehrer, die in der Mittelstufe (!) lieber Stoff unterrichten als Kinder, denen Noten wichtiger sind als Talente. All das gibt’s, weil es ungestraft heißen darf: „Wenn es dir hier nicht passt, geh halt in die Hauptschule.“

Alle in eine Schule. Die Neue Mittelschule bringt nichts, solange es auch die AHS-Unterstufe gibt. „Die NMS ist keine gemeinsame Schule – und sie führt auch nicht dorthin“, sagt Ex-„Mr. PISA“ Günter Haider. Die richtigen pädagogischen Konzepte wären an den NMS vorhanden. Was fehlt, sind die Kinder aus ALLER Herren Elternhäusern …

Contra: Wolfram Kautzky

Die Qual der (Nicht-) Wahl. Angenommen, Sie haben drei Kinder im Volksschulalter. Marie ist die typische Musterschülerin und möchte unbedingt Latein lernen; Tobias tut sich in Deutsch schwer, ist aber ein Mathe-Ass; Markus interessiert sich für alles, nur nicht für die Schule, dementsprechend schauen auch seine Noten aus. Vielleicht können Sie sich ja in Zukunft die Suche nach der richtigen Schule für die drei sparen – dann, wenn’s nur noch die Einheitsschule gibt. Aber: Wollen Sie das? Oder wollen Sie weiterhin das Recht, den Schultyp für jedes Kind entsprechend seinen Begabungen selbst aussuchen zu können?

Jedem das Seine.Stellen Sie sich vor, Sie sind ein begeisterter, aber mittelmäßig begabter Fußballer. Durch Zufall dürfen Sie bei den Profis mittrainieren. Was denken Sie sich, wenn Sie beim Versuch, den Ball mit der Brust zu stoppen, jedes Mal eine Prellung davontragen, während sie sehen, wie den Profis das Leder butterweich von der Brust gleitet? Vermutlich wird sich Ihre Lust am Kicken bald verabschieden. Im Schulalltag zeigt sich leider: Die Idealvorstellung der Gesamtschulanhänger, dass die Begabten die Schwachen hinaufziehen, spielt es in der Praxis nicht. Motivation entsteht, wo Erfolgserlebnisse warten und nicht ständig die eigenen Defizite bewusst gemacht werden. Also sollte ein vernünftiges Schulsystem die verschiedensten Ziele anbieten – und nicht alle Schüler mit demselben Eintopf zwangsbeglücken.

Durchlässigkeit. Gern wird behauptet, unser Schulsystem selektiere zu früh und sei zu wenig durchlässig. Zwei Beispiele aus dem Bekanntenkreis: Fall 1 – Jenni, in der Volksschule eine passable Schülerin, wollte sich den Stress einer AHS nicht antun. Ergo: Ab in die KMS, von der sie problemlos den Umstieg in eine HAK schaffte. Jetzt studiert sie Geschichte. Fall 2 – Yvonne und Stephan waren gute KMS-Schüler; nach der 4. Klasse wollten sie in der AHS weitermachen. Gesagt, getan: Dort sind sie Klassenbeste! Fazit: Schulwechsel an den Nahtstellen sind derzeit möglich und oft erfolgreich.

Studium, wir kommen! Klingt ja vielleicht anmaßend, soll’s aber nicht sein: Ich kann mich nicht erinnern, dass mich eine Schülerfrage in grobe Verlegenheit gebracht hätte (äh, gemeint sind natürlich die fachlichen). Warum das so ist? Jeder AHS-Lehrer hat eine 4- bis 5-jährige Uni-Ausbildung hinter sich – er ist also in seinen Fächern erwiesenermaßen ein wissenschaftlicher Experte. Ein AHS-Schüler kann folglich zu Recht von seinen Lehrern erwarten, dass sie ihn kompetent auf eine vorwissenschaftliche Arbeit oder ein Studium vorbereiten – und das kontinuierlich über acht Jahre. Und nur so nebenbei: Dass ich niemals in meinem Leben Schüler in Mathe oder Chemie beglücken werde, ist (vermutlich auch für Letztere) ein durchaus erquicklicher Gedanke.

Experten-Schelte. Ein gewöhnlich gut gebräunter Bildungsexperte aus der Steiermark ließ verlauten: „Es ist wurscht, ob in einer Klasse 15 oder 30 Schüler sitzen!“ Abgesehen von dieser, sagen wir, originellen These tritt er natürlich für die Gesamtschule ein – so wie eine Handvoll übriger Bildungsexperten, die in den Medien tagtäglich von einer Redaktion zur anderen herumgereicht werden. Seltsamerweise befindet sich unter meinen Bekannten hingegen kein Einziger, der sich die Einführung der Gesamtschule wünscht – wahrscheinlich, weil viele Lehrer darunter sind, die vom Schulalltag „keine Ahnung“ haben.

Achtung vor den Eltern! 2009 ging in Hamburg der Mittelstand auf die Straße. Der Grund: die schwarz-grüne Stadtregierung wollte eine sechsjährige gemeinsame „Primarschule“ einführen. Die Eltern (Motto: „Wir sind laut, weil man uns die Bildung klaut“) erwirkten einen Volksentscheid – die Reform wurde abgeblasen, das differenzierte Schulwesen blieb, und der Bürgermeister nahm seinen Hut.

Kopf für Modellregionen

Nach einer scharfen Absage an Unterrichtsministerin Gabriele Heinisch-Hosek (SPÖ) vor zwei Wochen kommt aus der Bundes-ÖVP nun ein Signal, dass sich in Sachen "Gemeinsame Schule" etwas bewegen könnte. Der Zweite Nationalratspräsident Karlheinz Kopf sagt im Interview mit den "Vorarlberger Nachrichten" (Samstag-Ausgabe), es "wäre sogar gut", Modellregionen dafür zuzulassen.

Kopf persönlich präferiert zwar das "differenzierte Schulsystem" und verweist auch auf einen diesbezüglichen

ÖVP-Bundesvorstands-Beschluss. Aber angesprochen auf abweichende Haltungen der VP-Landesparteien Vorarlberg, Tirol und Salzburg sagt er: "Ich glaube, es würde niemandem ein Stein aus der Krone fallen, wenn diese Länder die Möglichkeit bekämen, in einem wissenschaftlich betreuten Pilotversuch den Nachweis zu erbringen, dass ihr Modell zu besseren Ergebnissen führt."

Vor zwei Wochen hatte Heinisch-Hosek laut überlegt, entweder ein ganzes Bundesland oder einzelne Regionen als Modellregion für die Gesamtschule zu definieren. Von ÖVP-Generalsekretär Gernot Blümel kam damals eine Absage, er empörte sich, dass "die Tinte auf dem Koalitionsvertrag noch nicht einmal trocken ist und Heinisch-Hosek den Pakt schon wieder aufschnüren will".

Kopf beteuert in dem Interview auch, dass die im Regierungsprogramm vorgesehene Einsetzung einer Enquetekommission für die Demokratiereform keine Verschleppung bedeute. Er hält es immer noch für eine "taugliche Größenordnung", von zehn Prozent der Stimmberechtigten unterschriebene Volksbegehren einer Volksbefragung zu unterziehen. Ein Entwurf dafür stieß in der vorigen Legislaturperiode auf teils scharfe Kritik in der Begutachtung. Im Kurier erklärt Kopf, die Bürger sollten ein "Gesetzesinitiativrecht" bekommen, "das Monopol für Beschlüsse muss aber beim Parlament bleiben".

Bei den Vorzugsstimmen kann sich Kopf mehr vorstellen als die im Regierungsprogramm vorgesehene Senkung der Hürden - nämlich dass die Direktmandate auf Ebene der Regionalwahlkreise rein nach der Anzahl der Vorzugsstimmen vergeben werden. Er pocht jedoch auf den "Ausgleich" auf Landes- und Bundesebene: "Damit aber auch weiterhin Experten in den Nationalrat kommen, die vielleicht nicht so populär sind, ist die Personalauswahl durch die Parteien über andere Listen weiterhin sinnvoll."

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