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Politik Inland
02/07/2020

Pflegepionierin: "Unser Beruf ist einer der spannendsten"

Elisabeth Seidl empfiehlt vor allem jungen Menschen, den Pflegeberuf zu erlernen.

von Christian Böhmer

Natürlich könnte man eine Geschichte mit Elisabeth Seidl ganz klassisch erzählen. Man könnte sie fragen, was sie meint, wie man das Pflegesystem besser machen und finanzierbar halten könnte – immerhin sagen Wirtschaftsforscher, dass die Pflegekosten von jetzt 2,3 Milliarden Euro auf 9 Milliarden Euro im Jahr 2050 ansteigen werden.

Und immerhin gilt Seidl als Pionierin der Pflegeausbildung. Pflegedirektorin im Rudolfinerhaus, Mit-Erfinderin des Studiums der Pflegewissenschaften. Es gibt sogar einen Forschungspreis, der nach ihr benannt worden ist.

Doch es wäre verfehlt, würde man mit der rührigen 80-Jährigen vor allem über technische Details sprechen. Seidl hat die großen Linien und Probleme im Blick. Und zu diesen gehört unter anderem, dass sich das Ansehen der Pflege ändern muss. "Es war ein Versäumnis der Medizin, dass sie die Pflege nicht von Beginn an zur Seite genommen hat. Pflege und Medizin müssen als Partner auf Augenhöhe agieren. Andere Länder wie Dänemark sind da seit Jahren weiter", sagt sie.

 

Auf Augenhöhe agieren

Das klingt wie eine Kritik an der Schulmedizin, aber Seidl ist unverdächtig. Sie kommt aus einer Ärztefamilie, schätzt die Kollegen. Nein, Seidl geht es um etwas anderes.

All die brachliegenden Möglichkeiten sollen gehoben werden. Ein Beispiel: die Einstufungen beim Pflegegeld. Während in Ländern wie Deutschland längst Pflegekräfte mithelfen, eine gerechte und alltagsnahe Einstufung zu erreichen, sind in Österreich die Pflegekräfte immer noch außen vor. "Bei der Einstufung geht es nicht nur um medizinische Fragen wie Demenz, Depressionen oder physische Einschränkungen", sagt Seidl. Mitunter gehe es um Kleinigkeiten.

"Was ist, wenn ein Mensch sein Wasserglas nicht mehr richtig halten kann? Was bedeutet das für seinen Alltag? Ärzte sehen solche Details oft gar nicht." Wofür die Expertin besonders brennt, ist, die Pflege aus dem bisweilen tristen und düsteren Eck herauszubekommen. "Unser Beruf ist einer der spannendsten und kreativsten der Welt", sagt sie mit dem Brustton der Überzeugung. Mit Verlaub, Frau Seidl: Aber was ist spannend daran, wenn man teils schwer beeinträchtige und kranke Menschen zu versorgen hat? Das ist doch ein Knochenjob! Seidl lächelt milde.

Sauberhalten und stützen

"Genau das ist das Problem. Die Pflege hat immer noch das Image, dass es hier nur ums Verabreichen von Medikamenten, ums Sauberhalten und Stützen und Tragen geht. Aber das ist nur ein Teil des Berufs – und mit Sicherheit nicht der spannendste."

Tatsache ist: Allein in den nächsten zehn Jahren werden laut Wirtschaftsforschungsinstitut WIFO rund 24.000 zusätzliche Pflegekräfte im Markt benötigt. Wahr ist auch: Solange die Pflege ein Image-Problem hat, solange werden sich junge Menschen nicht über Gebühr dafür begeistern. Was also tun?

Seidl hat eine fast simple Antwort: "Junge Menschen lieben Herausforderungen. Und es gibt nichts Spannenderes auf der Welt als den Menschen selbst. Am Ende des Lebens wachsen viele Menschen noch unglaublich schnell und unglaublich viel." Das klingt abstrakt, deshalb erklärt es die Pflegeexpertin an einem Beispiel: "Ich hatte einmal eine junge Frau auf der Pflegestation. Sie hatte Krebs, war keine 30. Ihr Mann war tragischerweise schon tot, bald würde auch sie sterben. Die Belastung war enorm."

Irgendwann sei die junge Frau mit ihrer Mutter im Krankenbett gesessen und habe gesagt: "Ich weiß nicht, was ich lieber will – zu meinem Mann gehen oder bei meiner Mutter bleiben, die ich sehr liebe."

Seidl sah in das Gesicht der Mutter. "Da waren nur Glück und Dankbarkeit", erzählt sie. "Mutter und Tochter haben den Augenblick genossen, sie waren selig." Und dann sagt Seidl einen Satz, den man problemlos in jede Werbebroschüre für eine Pflegeausbildung drucken könnte: "In solchen Situationen lernt man als Mensch und Pflegender mehr als an jeder Universität."

Derzeit gibt es rund 130.000 Menschen, die im Bereich der Pflege arbeiten. In zehn Jahren wird Österreich gemäß WIFO-Prognosen 24.000 zusätzliche Pflegekräfte brauchen.

2,3 Milliarden Euro kostet die Pflege derzeit in Österreich. Wirtschaftsforscher gehen davon aus, dass sich die Kosten bis 2050 auf neun Milliarden Euro belaufen werden. Kommt es kommende Woche zu keiner Einigung bei den Kollektivvertrags-Verhandlungen, wollen die Pflegekräfte erstmals streiken. Der grüne Sozialminister Rudolf Anschober nimmt sich des Themas nun besonders an.