Peter Vorhofer zu Wehrdienst-Debatte: „Alle Modelle sind besser als Status quo“
Am 27. Juli begeht die Dreierkoalition ihren zweiten Sommerministerrat. Der Regierungs- und ÖVP-Chef hat eine Einigung bei der Wehrdienst-Reform in Aussicht gestellt, doch die scheint auf parlamentarischer Ebene derzeit mehr als fraglich. Peter Vorhofer, seit knapp zwei Jahren Regierungsberater für nationale Sicherheit, staatliche Resilienz, umfassende Landesverteidigung, Krisenvorsorge und Krisenbewältigung, spricht im KURIER-Interview über die aktuelle Debatte, John Hobbes, hybride Angriffe und die Mentalitätsfrage rund um „extrem gute Leute“.
KURIER: Eines vorweg: Befinden wir uns in einer Krise oder steht eine bevor?
Peter Vorhofer: Der springende Punkt ist, wie man eine Krise definiert. Was die Entwicklungen im Mittleren und Nahen Osten betrifft, sind wir in einer krisenhaften Situation. Die Bundesregierung hat im Bundes-Krisensicherheitsgesetz unterschiedliche Ebenen definiert, wie eine staatliche Struktur eine Krise abwehren oder bekämpfen kann. Die Regierung hat bewusst entschieden, dass wir uns wegen der Krise in Nahost bereits eine Stufe höher bewegen, als es womöglich auf den ersten Blick notwendig erscheint.
Warum?
Um vorbereitet zu, falls sich die Lage von einer Preiskrise zu einer Versorgungskrise entwickeln sollte. Die geopolitischen Veränderungen und die damit verbundenen Herausforderungen werden Jahrzehnte andauern und, wir wissen nicht, was am Ende herauskommt. Das gleiche gilt für die Klimaveränderungen. Eine weitere Bedrohungsform stellt auch die hybride Kriegsführung dar. Wenn wir „Hybrid Warfare“ als Krise bezeichnen, dann sind wir mitten in einer Krise. Eines ist klar: Wir leben in einer volatilen Welt und die Wahrscheinlichkeit, dass eine krisenhafte Entwicklung zu einer Krise wird, ist weit höher als vor zehn Jahren.
Sie spielen damit auf den Cyber-Angriff auf das Außenministerium 2020 an, hinter dem eine russische Hacker-Gruppe steckt.
Ja, das ist auch hybride Kriegsführung und Konfliktaustragung. Was die Öffentlichkeit vielleicht nicht als solches wahrnimmt: Wenn Aussagen in Österreich getroffen werden, kann es sein, dass wir kurze Zeit später tausende Cyberangriffe haben. Nur damit man die Dimension erahnen kann. Wir sind in Österreich darauf trainiert, Angriffe dieser Art abzuwehren, aber man kann bei der Unmenge nie ganz ausschließen, dass etwas durchschlägt. Die Herausforderung dabei ist die Attribuierung.
Was haben Laien unter Attribuierung zu verstehen?
Es geht darum, festzustellen, woher ein Cyberangriff kommt und, ob ein staatlicher Akteur dahintersteckt oder nicht. Der Unterschied zu einem klassischen Krieg ist, dass man den Kombattanten schwer identifizieren kann. Und wenn ein Cyber-Angriff von X über zwei andere Länder nach Österreich kommt und Sie finden heraus wer es ist, dann stellt sich die Frage, was Sie dagegen tun können. Staaten, die hybride Kriege führen, nutzen genau diese hochkomplexe Situation aus, weil sie wenig Aufwand und Kosten haben und maximale Wirkung erzielen. Genau deshalb ist das, was wir unter geistiger Resilienz oder Landesverteidigung verstehen, so wichtig.
Unter Resilienz versteht wohl jeder etwas anderes als unter dem Begriff der Krise…
Die geistige Landesverteidigung ist das ideelle Fundament, um sich gegen einen Aggressor zu wehren. Die geistige Resilienz geht darüber hinaus und beschreibt die Widerstandsfähigkeit auch gegen Krisen ohne Aggressor, wie wir das beispielsweise aus der Pandemie oder von Naturkatastrophen kennen. Beides ist enorm wichtig, denn wenn ein Gegner feststellt, dass es einen Verteidigungswillen in der Bevölkerung gibt, dann produziert das automatisch einen Abhalte-Effekt, der mit der Abschreckungswirkung von Streitkräften vergleichbar ist.
Seit 20. Jänner fehlt der Regierung scheinbar der Wille, sich für ein Modell, das die Wehrdienstkommission vorgestellt hat, zu entscheiden. Warum ist eine Änderung überhaupt notwendig?
Weil sich das strategische Umfeld geändert hat. Alle Modelle der Wehrdienstkommission sind eine Verbesserung zum Status quo.
Im Gegensatz zu den Deutschen haben wir eine Wehrpflicht und, Österreich ist der Neutralität verpflichtet.
Die Neutralität alleine schützt uns weder vor Angriffen, Konflikten noch Naturkatastrophen. Österreich hat die Wehrpflicht im Gegensatz zu Deutschland sinnvollerweise nicht abgeschafft oder ausgesetzt. Die Ausbildungszeit in Österreich wurde unter dem Eindruck der Auflösung des Warschauer Pakts und der Beendigung der Ost-West-Konfrontation von acht auf sechs Monate reduziert. Die Problemstellung, die sich daraus ergibt: Know-how ging verloren, ein Wiederaufbau der Strukturen dauert Jahrzehnte. In genau dieser Situation befinden wir uns jetzt. Weil die geopolitische Situation sich auf unbestimmte Zeit verschlechtert hat, müssen wir die umfassende Landesverteidigung wieder hochfahren. Dafür benötigt man Zeit, Geld und Motivation. Die strategische Entscheidung wurde dafür schon getroffen.
Nämlich?
Ressourcen in die umfassende Landesverteidigung zu investieren mit der „Mission Vorwärts“, dem Aufbauplan des Bundesheeres oder der Einführung des Bundes-Krisensicherheitsgesetzes. Bei der umfassenden Landesverteidigung gibt es noch drei andere wichtige Säulen: die zivile, die wirtschaftliche und die geistige. Wenn eine Säule nach oben gefahren wird, müssen alle anderen auch nach oben gehen, damit das Gesamtsystem funktioniert.
Funktioniert das System denn überhaupt mittelfristig, da wir es nicht mehr mit einer Bevölkerungspyramide, sondern mehr und mehr mit einem Ballon und einer älter werdenden Gesellschaft zu tun haben?
Sie benennen ein wichtiges Argument: Wir brauchen in Österreich eine offenere Diskussion über Sicherheitspolitik in Summe und auch die Auseinandersetzung mit unterschiedlichen Meinungen wie wir jetzt bei der Wehrdienstreform sehen. Alle Modelle, die die Expertenkommission vorschlägt, sind möglich und besser als das bestehende. Die Politik hat jetzt über das „Wie“ zu entscheiden. Die Bevölkerung soll möglichst viel in sicherheitspolitischen Fragen miteingebunden werden, weil sie ein essenzieller Teil der Abwehrstrategie unseres Landes ist.
Derzeit diskutiert die Politik über 8+2, 6+2, 6 + 100 Tage... Was, wenn man sich nicht einigt oder eine „verwaschene“ Lösung, wie ÖVP-Chef Christian Stocker das nennt? Was würde bei Naturkatastrophen oder Angriffen womöglich schwer oder nicht mehr möglich sein?
Ich gebe Ihnen eine Metapher als Beispiel: Wenn Sie einen Lehrling haben, der Elektriker werden will, dann schicken Sie ihn zwei, drei Jahre in die Praxis und auf die Berufsschule, damit er nach drei Jahren alles selbstständig durchführen kann. Wir können nicht von einer Verschärfung der Geopolitik, von Risiken, komplexer werdender Kriegsführung und mehr Krisen sprechen und alles auf gleichem Niveau beibehalten. Es ist die Verantwortung des Staates und der Gesamtgesellschaft, jenen, die für die Krisenbewältigung zuständig sind, eine adäquate Ausbildung zu gewähren. Das bedeutet eine bestimmte Länge, Intensität und Form der Übungen, um dieses Wissen beizubehalten und anzuwenden. Es ist eine staatliche Verantwortung, jenen jungen Menschen die Fähigkeiten zum Erlernen und Üben zu gewähren, die sie brauchen, wenn der schlimmste Fall eintritt. Es ist seit John Hobbes und Thomas Locke so, dass man die Sicherheitsproduktion dem Staat übergibt. Dies hat sich aber aufgrund der komplexen Krisen etwas verändert – die Bevölkerung muss heute auch mithelfen.
Bisher funktionierte die „Sicherheitsproduktion“ – egal ob bei Flutkatastrophen oder der Abwehr von Cyber-Angriffen. Muss etwas passieren, damit es zu einem schnelleren politischen Handeln und, oder gesellschaftlichen Umdenken kommt?
Ich gebe Ihnen wieder ein Beispiel: Es gibt so etwas wie das Resilienz-Konto des Staates, mit dem wir uns beschäftigen müssen. Wie groß ist das demokratische Grundverständnis der Bevölkerung, wie groß das Vertrauen in Rechtsstaatlichkeit, in Wissenschaft und Medien? Wie groß ist der Wille, sich zu verteidigen – aus diesem Konvolut, dieser Summe an Werten und Einstellungen, ergibt sich die Resilienz einer Bevölkerung. Österreich ist diesbezüglich nicht schlecht aufgestellt – vor allem auf Katastrophenmanagement bezogen. Wenn es uns gelingt, dies auf alle anderen Bereiche auszudehnen, dann sind wir gut vorbereitet! Wir müssen damit aufhören zu sagen: Wir sind so klein, wir können nichts allein voranbringen. Das ist eine Mentalitätsfrage und ein großer Unterschied zu den skandinavischen Ländern, die sagen: „Wir haben ein Problem, wir haben gute Leute und wir lösen das Problem.“ Und Österreich hat extrem gute Leute!
Bis Österreich aufhört sich kleiner zu reden als es ist: Haben wir neben den „extrem guten Leuten“ wie Sie sagen auch die Zeit? Ende Juli soll eine politische Einigung bezüglich der Wehrdienstreform am Tisch liegen.
Der Faktor Zeit ist bei allen strategischen Überlegungen der am schwierigsten einzuschätzende Faktor. Es geht bei Krisen immer um vier Dimensionen. Die Dimension der Kräfte, des Raumes, der Technik und der Zeit. Wir machen ständig Lagebeurteilungen, was in den kommenden drei Wochen, drei Monaten oder drei Jahren um die Ecke kommen könnte. Wir gehen immer vom Worst Case aus, von dem aus wir zurückrechnen. Vom Arabischen Frühling, dem Ende des Warschauer Paktes bis zum Ukraine-Krieg – das alles sind Konflikte, an die man in der Allgemeinheit nicht geglaubt hat und die trotzdem eingetreten sind. Die Wenigsten haben je daran gedacht, dass man sich auf die Verteidigung Grönlands vorbereiten muss – zumindest geistig. Für die Umstellung und das Hochfahren von Systemen – egal ob zivile oder militärische Verteidigung benötigen wir Zeit. Es dauert Jahre, bis das ganze System wieder wirksam wird. Die Frage ist, ob wir die Zeit haben und nutzen, bis ein Szenario eintritt. Die Verlängerung des Grundwehrdienstes und ausreichendes Üben bei gleichzeitiger Stärkung der zivilen Landesverteidigung sind daher essenziell für Österreich.
Peter Vorhofer
(*1967,Reith/Alpachtal) hat eine 30-jährige Karriere im Militär hinter sich. Als Offizier studierte er Politikwissenschaften, dissertierte in internationaler Politik, war u.a. sicherheitspolitischer Berater im Ministerium und
zuletzt im Rang des Generalmajors Chef der Direktion Verteidigungspolitik, die das Risikobild erstellt Krisenkoordinator
Krisensicherheitsbüro
Seit 1.1.2024 gilt das Bundes-Krisensicherheitsgesetz (B-KSG). Seit August 2024 ist Vorhofer Chef des im Bundeskanzleramt als Stabsstelle angesiedelten „Krisensicherheitsbüros“. Er ist als Regierungsberater für nationale Sicherheit, staatliche Resilienz, umfassende Landesverteidigung, Krisenvorsorge und Krisenbewältigung verantwortlich
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