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Politik Inland
05/02/2019

„Nur Handarbeit mit der Feile gibt das Gespür für den Stahl“

Facharbeitermangel, Digitalisierung und Klimaschutz beschäftigen auch die Voest. Lokalaugenschein in Österreichs Vorzeigekonzern.

von Daniela Kittner

Sein Name ist Hans Karl Schaller, er ist 58 Jahre alt und gelernter Betriebsschlosser.

Hans Karl Schaller bekleidet in seiner Firma eine besondere Funktion: Er ist Zentralbetriebsratsobmann und vertritt die Interessen von 55.000 Arbeitnehmern, die weltweit in 550 zum Voest-Konzern gehörenden Firmen arbeiten.

Digitalisierung, Facharbeitermangel, Klimaschutz. Das sind die Themen, die nicht nur die Geschäftsleitung, sondern auch den Betriebsrat beschäftigen. „Früher“, sagt Schaller, „hat es gereicht, eine Lehre zu machen, und man hatte es fürs ganze Leben geschafft. Heute reicht das bei Weitem nicht. Heute muss man sich lebenslang bilden.“

Klassische Arbeiter in der Montur, die ihr ganzes Leben lang dieselben eintönigen Handgriffe machen, gibt es schon lange nicht mehr in der Voest. Heute nennt sich der Arbeitsplatz eines Facharbeiters „Steuerstand“: Man steuert mittels Computer die Roboter, die die eigentliche Arbeit erledigen. Facharbeiter müssen fähig sein, die Produktionsanlagen instand zu setzen, wenn es ein Problem gibt. „Der Kokshaufen kommuniziert selbstständig mit dem Schrotthaufen, die Abläufe steuern schon noch Menschen“, sagt Schaller.

Entwickeln statt hackeln

Die Voest ist in Sachen Digitalisierung auf dem modernsten Stand, der gefürchtete Arbeitsplatzverlust ist ausgeblieben. „Wir haben dieselbe Zahl an Mitarbeiter wie vor dem Einsetzen der Digitalisierung“, sagt Schaller. Daher mache ihm das Thema „keine Angst“.

Die Jobs seien nur andere geworden. „Viele Kollegen sind in der Weiterbildung, in der Forschung und in der Produktentwicklung“, erzählt der Betriebsrat. „Wir müssen unserer globalen Konkurrenz ständig einen Schritt voraus sein, damit wir uns das alles leisten können.“

„Alles“ sind zum Beispiel gute Löhne. Viele bevorzugen Teilzeit, ein attraktiver Schichtdienst wurde eingeführt, sodass ein Voestler mit sechs Urlaubstagen auf 14 freie Tage kommt, weil es vor und nach einer Sechstageschicht (zu 48 Stunden) jeweils vier freie Tage gibt.

Geld verschlingt auch der Umweltschutz. Jährlich 258 Millionen fließen in Filteranlagen, damit aus den Schloten statt schädlichem Rauch ungefährlicher Wasserdampf qualmt.

„Man muss nicht unbedingt studieren, um ein erfolgreiches Berufsleben zu haben“, sagt Schaller. Die Voest bildet jährlich 129 Lehrlinge aus, stellt an diese aber auch hohe Ansprüche. 700 Jugendliche bewerben sich jedes Jahr, aber viele fallen bei der Aufnahmsprüfung krachend durch. „Es ist ein Wahnsinn, wie schlecht viele im Rechnen sind oder nicht sinnerfassend lesen können“, sagt Schaller. Wegen des akuten Facharbeitermangels probiert die Voest nun eine Schnell-Lehre für Maturanten aus.

Der Start einer Voestler-Laufbahn ist – Robotik hin oder her – sehr traditionell. Den Beginn markiert die Feile. „Jeder Lehrling fängt mit Handarbeit an. Wer nie eine Feile in der Hand hatte, bekommt kein Gespür für die Genauigkeit, die unsere Produkte auszeichnen. Wir reden hier von Hundertstel-Millimetern. Die Feile vermittelt das Gespür für den Stahl.“

Für die fernere Zukunft der Arbeit ist Schaller weniger optimistisch. „260.000, meist Frauen, arbeiten im Handel an den Kassen. Auf einem Seminar wurde uns eine Schleuse vorgestellt, durch die man mit dem Einkaufswagen fährt, und die Einkäufe werden automatisch von der eingesteckten Bankomatkarte abgebucht. Wenn so was kommt, sind Hunderttausende Jobs weg.“ Beängstigend sei auch der Ausblick auf das Ausmaß der Überwachung. „Da besteht die Gefahr der totalen Überwachung. 50.000 Menschen in Österreich laufen mit Chips rum, die alles für sie erledigen. Da sagt dann die Kaffeemaschine nicht mehr nur ,Guten Morgen‘, sondern misst den Blutdruck und mixt auch das entsprechende Medikament in den Kaffee.“

„Das macht mir Angst“

Er halte zwar nichts vom Maschinenstürmen, „aber diese Aussicht macht mir Angst“.

Mit der Politik ist Schaller ziemlich unzufrieden. „Sie wollen die Kollektivverträge abschaffen, schaffen die Gebietskrankenkasse ab, schwächen die Arbeiterkammer und nennen uns Betriebsräte Beitln“, sagt Schaller mit Verweis auf die FPÖ und die ÖVP.

Eine Koalition mit der FPÖ will der Rote dennoch nicht ausschließen. Oberösterreichs SPÖ-Chefin hatte im KURIER gemeint, „lieber Opposition, als mit der FPÖ regieren“. Schaller: „Das würde ich nie sagen. Das sind lauter gewählte Parteien, ich muss ja schauen, dass ich Mehrheiten zusammenbringe. Es gibt in allen Parteien angenehmere und weniger angenehme Leute.“

SPÖ „Allerweltspartei“

Unzufrieden ist Schaller auch mit der eigenen Partei. Die SPÖ sei auf zu vielen Themen unterwegs, sie sei zu sehr „Allerweltspartei“. Die SPÖ solle sich auf die Vertretung von Pensionisten und Arbeitnehmern konzentrieren. „Hofratswitwen, Bankiers und Selbstständige haben eh ihre eigenen Lobbys“, meint Schaller.

Und Spitzenfunktionäre wie Hans Peter Doskozil, Peter Kaiser und Andreas Schieder bekommen auch eine Rüge: „Ich halte nichts davon, wenn jeder seine Weisheiten über die Medien ausrichtet. Das kommt bei den Leuten nicht gut an.“

Wie er mit Rendi-Wagner zufrieden ist? „Ich bin froh, wenn wir überhaupt wen haben.“

Die Frage, ob ihm zur Bundesregierung etwas Positives einfällt, quittiert Schaller so: „Ich als Beitl nehme mir heraus, darüber nicht nachzudenken. “Arbeiten im 

Zur Person:

Der ausgebildete Betriebsschlosser Hans Karl Schaller (*1960) trat 1982 in den Dienst der voestalpine. 1993 wurde er Betriebsrat, seit 2008 ist Schaller Vorsitzender des Konzernbetriebsrats. Zusätzlich ist der langjährige Gemeinderat der Stadt Linz stellvertretender Bundeschef der  Arbeitergewerkschaft Pro-Ge sowie Vizepräsident der Arbeiterkammer Oberösterreich.

voestalpine in Zahlen

Die voestalpine AG   ist ein börsenotierter, stahlbasierter Technologie-Konzern, der  1995 aus dem staatlichen VÖEST-Konzern hervorgegangen ist.  Die voestalpine hat 500 Konzerngesellschaften und -standorte und beschäftigt weltweit  mehr als 51.600 Mitarbeiter. Im Geschäftsjahr 2017/’18 wurdeein Umsatz von 13 Milliarden Euro erwirtschaftet.