CORONA: PK "EIN JAHR PANDEMIE IN ÖSTERREICH" - POPPER

© APA/HELMUT FOHRINGER / HELMUT FOHRINGER

Interview
03/13/2022

Popper kritisiert Corona-Management: "Das passt einfach nicht mehr zusammen"

Der Simulationsforscher sagt, die Regierung habe kein Konzept für die Herbstwelle, und auch aktuell würde einiges schief laufen.

von Daniela Kittner

Die täglichen Infektionen erreichen Rekordzahlen. Die Regierung lässt die Corona-Maßnahmen weitestgehend auslaufen, Experten fordern sie wieder ein. Die Gratistests treiben einem Ablaufdatum zu, die Impfpflicht steht im Gesetz, wird aber von der Politik nicht exekutiert. Blickt da noch jemand durch? Der KURIER sprach mit dem Simulationsforscher Niki Popper.

KURIER: Herr Popper, haben Sie die Rekordzahlen vorhergesehen?

Niki Popper: Wir haben mit einem hohen Niveau auf längere Zeit gerechnet. Den Anstieg auf 50.000 Neuinfektionen am Tag haben wir nicht prognostiziert. Der Fehler rührt daher, dass wir bestimmte Effekte nicht adäquat berücksichtigt haben.

Welche Effekte haben Sie nicht adäquat berücksichtigt?

Der Immunschutz gegenüber bestimmten Omikron-Subvarianten erwies sich als noch geringer. Hinzu kam, dass die Maskenpflicht ohne Not weitreichend abgeschafft wurde außer in Wien, und dass die Homeofficeregelung in weiten Teilen ausgelaufen ist.

Waren Sie über diese Rücknahme der Maßnahmen nicht informiert?

Dass die Maskenpflicht zurückgenommen werden soll, wurde im Februar von der Politik festgelegt, von der Rücknahme der Homeofficeregelung habe ich nach meiner Erinnerung erfahren, als die Verordnung konkret formuliert wurde.

Sind Sie angesichts der steigenden Zahlen dafür, dass diese Maßnahmen wieder eingeführt werden?

Der Kern des Problems ist ein anderer: Man hat die Strategie in der Pandemiebekämpfung de facto geändert, ohne  die Menschen mitzunehmen. Zuerst hat man  zwei Jahre gesagt, sie sollen sich ja nicht anstecken. Nun  sind  die Positivtestungen nicht mehr die relevante Größe. Wenn man das so entscheidet, sollte man es besser kommunizieren. Ich habe in diversen Sitzungen vorgeschlagen, Menschen mit kleinen Kindern und älteren Verwandten adaptierte Konzepte anzubieten.   Oder nachgefragt:  Was passiert im Spitalswesen, wenn zu viele Arbeitskräfte auf einmal ausfallen, weil sie krank werden oder kranke Familienangehörige betreuen? Das sind jetzt die relevanten Themen.

Welche Antworten haben Sie bekommen?

Eher verstörende.  Die Situation ist die: Es gibt kaum Kontaktreduktion mehr, das Homeoffice ist aufgehoben, die Teststrategie läuft in wenigen Wochen aus.   Das passt aktuell einfach nicht mehr zusammen. Wie gesagt: Der Anstieg auf die 50.000 war nicht in unseren Prognosen. Aber es ist nicht mehr so entscheidend, ob wir fünf Tage hindurch 50.000 Infizierte haben oder einige Tage länger 30.000. Entscheidend ist, dass die Strategiebausteine besser zusammenpassen müssen.

Verstehe ich das richtig: Man kann Ihrer Ansicht nach die Maßnahmen durchaus auslaufen lassen, aber man müsste es der Bevölkerung sagen und   Angebote machen, wie man sich dennoch schützen kann?

Das ist nicht meine Entscheidung. Wir können nur sagen, die Strategie sollte nicht häufig wechseln, und die Teile müssen zur aktuellen Virusvariante und zueinander passen.  Und man sollte das Ziel kommunizieren und zu daraus folgenden Konsequenzen Antworten geben: Was sind die Möglichkeiten, vulnerable Menschen und Kinder zu schützen? Wie  verhindere ich den massenhaften Ausfall von Arbeitskräften? Was ist mit Long Covid?

Was folgt daraus für den Herbst?  Womit rechnen Sie?

Es steht zu erwarten, dass wir ohne Impferfolge einen relativ niedrigen Immunitätsgrad in der Bevölkerung haben werden. Je nach Virusvariante kann es zu einer Infektionswelle, aber auch einer Erkrankungswelle kommen. Wir brauchen jedenfalls ein Konzept.  

Bleibt Impfen wichtig?

Selbstverständlich. Impfen schützt zwar nicht langfristig vor Infektion, aber stabil vor schweren Verläufen.

Wie beurteilen Sie den Umgang mit der Impfpflicht, sie einzuführen, aber nun nicht zu exekutieren?

Naja, ein kommunikatives Erfolgsprojekt ist das nicht.

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