© Kurier/Juerg Christandl

Interview
05/01/2020

Michael Häupl: "Rendi macht den Job nicht schlecht"

Wiens beliebter Ex-Bürgermeister über den 1. Mai – erstmals ohne Aufmarsch auf dem Rathausplatz. Warum er überzeugt ist, dass Pamela Rendi-Wagner Parteichefin bleibt.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Häupl, der 1. Mai steht im Zeichen von mehr als 600.000 Arbeitslosen und 1,2 Millionen Österreichern, die in Kurzarbeit sind. Eher ein Trauertag für die Arbeit?

Michael Häupl: Angesichts dieser Zahlen gibt es nichts zu feiern. Es geht darum: Wie bekämpft man Arbeitslosigkeit? Die Maßnahmen, die in diversen Pressekonferenzen des Corona-Quartetts angekündigt wurden, sind im Prinzip in Ordnung. Nur, sie sollten auch stattfinden. Es hilft den Unternehmen nichts, wenn man ihnen mitteilt, man kommt jetzt ganz leicht zu Krediten. Davon ist nämlich keine Rede. Wenn man einen Überbrückungskredit für die Liquidität braucht, aber man nachweisen muss, dass man Liquidität besitzt, dann wird es nur mehr skurril. Nur mit Propaganda kommt man da nicht weiter.

Verfolgen Sie noch die Flut an Pressekonferenzen?

Ja, mit der über 35 Jahre angelernten Disziplin schaue ich mir die Pressekonferenzen an (lacht). Das Kernproblem ist nicht die überbordende Inszenierung, sondern der Widerspruch zwischen dem, was die Arbeitnehmer und Unternehmer real erleben, und was angekündigt wurde. Mittlerweile merkt man sogar, dass das, was bei den Pressekonferenzen angekündigt wurde, nicht einmal mit den Erlässen übereinstimmt.

Die Corona-Krise bringt eine Renaissance des starken Staates. Wäre das nicht die Stunde für die SPÖ, die Vorteile des Sozialstaates zu forcieren?

Natürlich. Es trifft jetzt alles ein, was wir jahrelang gesagt haben und wofür wir immer geschimpft wurden. Ich hab erst kürzlich die Broschüre "Mehr privat, weniger Staat", einer der Autoren war Wolfgang Schüssel, in der Hand gehabt. Das hat sich jetzt alles falsifiziert. Die momentane Bundesregierung unter ÖVP-Führung versucht, sehr viele Narrative der Sozialdemokratie entsprechend zu übernehmen. Ich würde meinen Parteifreunden daher nicht empfehlen, dem berühmten Spruch zu folgen: Es gibt Leute, in deren Mund die eigene Meinung zum Widerspruch anregt. Man muss differenziert urteilen.

Wie schaut Ihr differenziertes Urteil aus?

Es gibt in gewissen Bereichen, was die Gefährdung der Demokratie oder Defizite in der Umsetzung der ökonomischen Hilfen angeht, genug zu kritisieren. Aber der Kampf gegen das Virus war erfolgreich.

Was den Kampf gegen das Virus betrifft, hätte die SPÖ mit Pamela Rendi-Wagner eine Expertin an der Spitze. Trotzdem liegen die Werte nur bei 16 bis 19 Prozent.

Michael Häupl lächelt.

Sie lächeln. Warum?

Wenn ich an Umfragen geglaubt hätte, wäre ich 2015 nicht mehr im Amt gewesen.

Hat sich Pamela Rendi-Wagner angesichts ihrer Expertise in dieser Krise denn nun endlich profilieren können?

Das hat mit ihrer Expertise gar nichts zu tun. Ich habe Naturwissenschaften studiert und acht Jahre in diesem Beruf auch gearbeitet. Aber der Job eines Umweltstadtrates oder eines Bürgermeisters waren ganz anders. Ich nehme Pamela Rendi-Wagner ausdrücklich in Schutz. In so einer Krise sammelt man sich eher um die Regierungsspitze. Da hat es die Opposition schwer. Ihre Zeit kommt noch. Ich denke, Frau Rendi-Wagner macht diesen Job, der unendlich schwer ist, nicht schlecht.

Nicht schlecht heißt aber auch: nicht sehr gut …

Nicht schlecht ist typisch wienerisch. Zu sagen, sie macht es sehr gut, bringt ein Wiener nicht rüber. "Eh nicht schlecht" ist höchstes Lob für einen Wiener.

Innerhalb der Partei gab es sehr viel Kritik für die Vertrauensfrage, die Rendi-Wagner gestellt hat. Das Ergebnis gibt es nun erst am 6. Mai, was Hans Peter Doskozil als untragbar empfindet. War die Verschiebung ein Fehler?

Mir ist das völlig wurscht, ob das eine Woche früher oder später veröffentlicht wird. Wir haben wirklich wichtigere Dinge zu diskutieren.

Sie haben Rendi-Wagner bei der Vertrauensfrage unterstützt. Wird Sie am 6. Mai noch Parteichefin sein?

Das entscheidet sie selbst. Aber ich hoffe es. Ich glaube nicht, dass das Ergebnis eine Argumentation zulassen wird, dass sie zurücktreten soll. Jeder, der meint, sie soll den Job nicht mehr machen, ist aufgefordert, einen Vorschlag zu unterbreiten, wer es sonst machen soll.

Die ÖVP liegt in Umfragen bei 47 Prozent. Welche Folge wird dieses Hoch für die Wien-Wahl im Herbst haben?

Gar keine.

Davon sind Sie tatsächlich überzeugt?

Davon bin ich vollkommen überzeugt. Dass die ÖVP zulegen wird, ist eine sich selbst erfüllende Prophezeiung, denn sie hatten neun Prozent bei der letzten Wahl. Die ÖVP wird sich verdoppeln, aber auf diesem Wert waren sie schon vor einigen Jahren. Die SPÖ wird ein gutes Ergebnis haben. Denn auch hier gilt, dass man sich für den Leader ausspricht. Die Grünen werden auch ganz gut abschneiden. Sie machen in der Bundesregierung keine schlechte Performance. In Wien waren mir die Grünen früher allerdings lieber.

Warum?

Wenn ich dieses späte Lob für Maria Vassilakou aussprechen darf: Es gab ein höheres Maß an Verlässlichkeit. In der Frage der Mariahilfer Straße gab es nie Meinungsdifferenzen. Die Mariahilfer Straße als Begegnungszone ist eine vernünftige Geschichte. Ob das gleich als Vorbild für alles andere taugt, ist eine andere Frage. Die Florianigasse ist nicht die Mariahilfer Straße – um es vorsichtig zu formulieren.

Was trauen Sie Heinz-Christian Strache zu?

Da es eine namhafte Zahl an Menschen gibt, die glauben, das Coronavirus gibt es gar nicht, kann er schon fünf Prozent bekommen, wenn es stimmt, dass die FPÖ unter zehn Prozent liegt.

Kommen wir zu Ihnen: Sie hatten im Winter eine Frühform von Nierenkrebs, dann kam eine Sepsis inklusive Behandlung auf der Intensivstation dazu. Ausgelassen haben sie offenbar nichts …

Ja, bedauerlicherweise habe ich bei allem Ungemach, das man haben kann, "hier" geschrien. Trotzdem war es ein Glück im Unglück. Denn ich hatte eine Bandscheibenuntersuchung, dabei hat man das Entstehen eines Nierenkrebses entdeckt. Die Operation war wunderbar. Nur danach stellte sich zuerst ein Abszess und dann eine Sepsis ein. Das hat mich drei Monate im Spital gekostet. Das war wirklich heftig und ich habe 20 Kilo abgenommen.

Es gab Gerüchte, dass Ihr Leben an der Kippe stand …

Ich weiß, in Wien wird man schnell begraben. Aber im Ernst: Das kann meine Frau, die sich rührend um mich gekümmert hat, als Ärztin besser beurteilen. Ich selbst habe von den drei Wochen in der Intensivstation sehr wenig mitbekommen.

Wie hat die Krankheit Ihr Leben verändert?

Ich mache jetzt jeden Tag Sport.

Den Spritzwein gibt es immer noch?

Den gibt es immer noch, aber in sehr mäßiger Form. Vielleicht ein Drittel von dem, was der frühere Tageskonsum war.

Wie viele sind das?

Jetzt sind es zwei Spritzer am Tag.

Fühlen Sie sich jetzt besser?

Ich fühle mich jetzt besser als mit 50.

Lust auf ein Comeback?

Nein, ich habe mich gut an die Entschleunigung gewöhnt. Und ich freue mich, wenn ich nach Corona wieder meine beiden Enkelsöhne sehen kann.

Wie haben Sie sich vor Corona geschützt?

Ich bin in Wien geblieben, weil meine Wohnung nur drei Minuten vom Wilhelminenspital entfernt ist. Ich war Hausmann, ich koche gerne, aber Staubsaugen ist furchtbar. Man glaubt gar nicht, wie anstrengend Staubsaugen ist.

Sebastian Kurz wird nun vorgeworfen, er habe mit der Angst der Menschen gespielt. Hatten Sie denn Angst, dass Corona auch Sie treffen kann?

Als ich diesen Satz gehört habe: Jeder wird von uns jemanden kennen, der an Corona gestorben ist, habe ich mir gedacht: Das ist typisch Kurz. Man schürt nicht Ängste, weil man meint, dass man dadurch Menschen leichter zum Gehorsam zwingen kann. Das ist nicht mein Menschenbild. Durch gute und überzeugende Argumentation kann man Menschen dazu bringen, vernünftig zu handeln. Es glauben ja heute auch nicht mehr sehr viele an die Hölle, um damit den Gehorsam gegenüber Gott zu erzwingen.

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