Britischer Finanzexperte hatte Bedenken, dass Mensdorff Schmiergeld zahlt

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Foto: KURIER /gruber franz

Der „Kronzeuge“ im Prozess gegen Mensdorff-Pouilly sagte überraschend aus – und erzählte von möglichen Schmiergeldzahlungen durch den Grafen.

Mark Cliff sei unauffindbar, hieß es vor Wochen; er sei im Oman untergetaucht oder verschollen – jedenfalls für einen Prozess nicht greifbar.

Doch am Dienstag saß der Finanzfachmann bei bester Gesundheit in einem grauen Gerichtssaal der englischen Grafschaft East Sussex.

Sein Hemd war so offen, dass man die Brust sehen konnte, aber viel wichtiger war: Der Brite stand im Geldwäsche-Prozess gegen Alfons Mensdorff-Pouilly als Zeuge Rede und Antwort.

Wider Erwarten hat Richter Stefan Apostol den 55-jährigen Briten ausfindig gemacht und für die Einvernahme reichlich Aufwand betrieben: In Hastings und Wien wurden Mikrofone und Kameras installiert und via ISDN verbunden; Simultandolmetscherinnen übersetzten, ein britischer Richter saß Cliff gegenüber, um dessen Aussage zu überwachen.

Warum ist er nun so wichtig, dieser Mister Cliff?

Mark Cliff war der Vermögensberater des reichen Briten Tim Landon, und Landon ist jener Mann, mit dem Mensdorffs Verteidigung steht und fällt.

Wie berichtet, wirft die Staatsanwaltschaft Mensdorff vor, vom Rüstungskonzern British Aerospace mehr als 12 Millionen Euro kassiert zu haben, um Beamte und Politiker zu schmieren. Gelaufen sei das über Briefkastenfirmen wie „Brodman“ – und hier kommt Landon ins Spiel. Mensdorff sagt nämlich: Die 12,6 Millionen Euro waren privates Spielgeld von Landon, das er, Mensdorff, treuhänderisch verwaltet und via Brodman in „Projekte“ investiert habe.

Landon starb 2007, er kann nicht mehr befragt werden – wohl aber sein früherer Vermögensverwalter Cliff. Für Beobachter galt Letzterer gar als „Kronzeuge“ der Anklage – immerhin hat er vor Jahren gegenüber der britischen Anti-Korruptionsbehörde SFO erklärt, Mensdorff und BAE-Manager hätten bei Sitzungen über Schmiergelder verhandelt.

Am Dienstag wollte der Brite das nicht so klar wiederholen – wohl auch, weil er offenbar nicht wusste, dass ihm theoretisch auch in Österreich ein Prozess droht.

Cliff am Beginn der Konferenzschaltung: „Hätte ich das gewusst, hätte ich einen Anwalt mitgenommen.“

Aber in den wesentlichen Punkten blieb er ohnehin bei seinen Aussagen.

„Wem gehörte Brodman?“, fragt Richter Apostol. „Mensdorff-Pouilly oder Kurt D. (Zweitangeklagter)“, sagt Cliff – kein Wort von Landon, dem das Geld angeblich gehörte.

Später erzählt er von Gesprächen mit Landon im Jahr 2004. „Ich habe Tim geraten, aus diesen Konstruktionen (Mensdorffs Briefkastenfirmen) auszusteigen.“ Ob er glaube, dass Schmiergeld floss? „Ich weiß es nicht. Das wurde stets verneint.“

Aber allein, dass er Mensdorff gefragt habe, zeige : „Ich hatte Bedenken.“

Nach zweieinhalb Stunden ist die Video-Konferenz vorbei, Hastings sagt „Goodbye“. Fortsetzung am nächsten Mittwoch.

Zitate

Mensdorff im Wortlaut

„Das klingt banal, aber damals habe ich Froschschenkel und Wild gekauft bzw. verkauft und Schnecken von Ungarn nach Frankreich gebracht.“ Mensdorff-Pouilly über seine mühsamen Anfänge im Import-Export-Geschäft. „Die Berichte haben nur Blabla enthalten – weil die Administratoren im Konzern das wollten. Ich habe bis heute keinen Computer. Ich kann quatschen, aber nicht schreiben.“ Der Angeklagte erklärt die dürftige  Qualität jener Berichte, für die er von BAE bezahlt worden sein will. „Das Glumpert ist schon einiges wert. Vielleicht finden S' jemanden, der's um eine Million kauft.“ Mensdorff-Pouilly auf die Frage, was sein Luisinger Gut wohl wert ist. „Die Politiker brauchen das nicht. Die wollen politischen Erfolg  haben, aber kein Geld.“ Der Angeklagte erklärt, warum er führende Politiker nicht hätte schmieren müssen. „Er hatte drei Bodyguards mit, und die haben bei uns immer fürchterlich gefroren.“ Mensdorff-Pouilly über die Besuche seines Förderers Tim Landon in Luising. „Glauben Sie, wenn ein Mensdorff etwas fälschen würde, dann wäre das nicht tipptopp?“  Anwalt Harald Schuster zu dem Vorwurf, sein Mandant habe gefälschte Beweise vorgelegt. „Die Anklage ist eine Notlösung. Da steht ein Haufen Leute zu¬sammen – und das ist dann gleich eine kriminelle Vereinigung.“ Schuster bewertet die Anklage.
Hintergrund

Die Geldwäsche-Affäre

Mensdorff hatte bereits 1992 einen Berater-Vertrag mit dem größten europäischen Rüstungskonzern Europas abgeschlossen, wobei ihm der Ehemann einer seiner Cousinen, Timothy Landon, die Rutsche zu der lukrativen Geschäftsverbindung legte. Landon - ein ehemaliger Geheimagent, der unter dem Beinamen "Weißer Sultan" in den 1970-er Jahren im Arabischen Raum operiert hatte und federführend an einem Staatsstreich in Oman beteiligt gewesen sein soll - entwickelte sich zum Mentor Mensdorffs: Der von BAE Systems anfangs belächelte Graf stieg mithilfe des Millionärs zu einer wesentlichen Stütze für die Briten auf, wobei ihm der Umstand, dass er 1994 die damalige ÖVP-Umwelt- und spätere Gesundheitsministerin Maria Rauch-Kallat ehelichte, für Aufbau und Pflege politischer Kontakte und eines weitverzweigten Netzwerkes dienlich gewesen sein dürfte.

Im Rahmen seiner Lobbyisten-Tätigkeit sollte Mensdorff zunächst dafür sorgen, dass bei der Anschaffung von Abfangjägern in Tschechien, Ungarn und Österreich jeweils der von BAE Systems und dem schwedischen Saab-Konzern vermarktete JAS 39 Gripen ausgewählt wurde. Als den Briten aber klar wurde, dass der Konzern mit dem Eurofighter mehr verdienen würde, den BAE-Systems ebenfalls im Angebot hatte, wurde Mensdorff "gebeten, beiseitezutreten und im Prinzip den Eurofighter gewinnen zu lassen", wie ein ranghoher BAE-Manager später der britischen Antikorruptionsbehörde Serious Fraud Office (SFO) berichtete, der nun auch im Wiener Verfahren als Zeuge auftreten soll.

In diesem geht es um insgesamt 12,6 Mio. Euro, die Mensdorff laut Anklage zwischen 2000 bis 2008 unter Zwischenschaltung von Briefkastenfirmen von BAE Systems erhalten und zum Zwecke der Bestechung eingesetzt hat, wobei laut Strafantrag die Geldflüsse mit Scheinverträgen getarnt wurden.

Eine dieser Gesellschaften war etwa die Valurex International SA mit Sitz in Panama, über die Mensdorff jahrelang Berichte an BAE lieferte, um nach außen hin seine Berater-Tätigkeit zu legitimieren. Die Berichte sollen jedoch inhaltsleer und jedenfalls nicht das Geld Wert gewesen sein, das der Graf dafür an Honoraren kassierte. Verfasst haben soll sie der pensionierte Chef der österreichischen Luftwaffe, Josef Bernecker, der im Ruhestand in Mensdorffs Wiener Büro einen Schreibtisch hatte.

Bis zu fünf Jahre Haft

Die Probleme, die sich für Staatsanwalt Radasztics in dem Verfahren ergeben könnten, in dem es für Mensdorff um bis zu fünf Jahre Haft geht: Einerseits dürfte BAE Systems kaum an einer Aufklärung der inkriminierten Vorgänge interessiert sein, zumal der Konzern im Jahr 2010 gegen die Übernahme von Bußzahlungen von umgerechnet 326 Mio. Euro die Einstellung sämtlicher gegen ihn anhängiger Verfahren in Großbritannien und den USA erwirkt hat. Davon profitierte auch Mensdorff-Pouilly, der zu diesem Zeitpunkt in London in U-Haft saß und - nachdem auch die Ermittlungen in England gegen ihn fallen gelassen wurden - im Nachhinein von der britischen Justiz eine Haftentschädigung von 430.000 Euro zugesprochen bekam.

Außerdem sind einige Zeugen, die bei wahrheitsgemäßen Angaben die Darstellung der Wiener Anklagebehörde womöglich stützen hätten können, nicht mehr greifbar: Landon ist bereits 2007 an Lungenkrebs gestorben, Bernecker am Heiligen Abend des Vorjahrs.

Die Rolle des Kurt D.

Bleibt abzuwarten, ob ausgerechnet der Mitangeklagte im Mensdorff-Prozess gegen seinen Bekannten aus gemeinsamen Schultagen aussagen wird: Kurt D. (61) soll als formaler Geschäftsführer der auf den British Virgin Islands etablierten Brodmann Business SA regelmäßig BAE-Gelder im Auftrag Mensdorffs weiterverteilt bzw. verschoben haben. Mindestens 1,6 Mio. Euro soll D. in bar behoben haben. Wofür die Beträge verwendet wurden, konnte laut Staatsanwaltschaft "nicht aufgeklärt werden".

(KURIER) Erstellt am
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