© EPA/SASCHA STEINBACH

Reportage
02/03/2021

Mathematik-Unterricht: Wie daheim digital dividiert wird

Ob Homeschooling oder Schichtbetrieb, der KURIER hat sich angesehen, wie online gelehrt und gelernt wird – und welche Tücken es dabei gibt.

von Elisabeth Hofer

Die Klingeln sind verstummt. Dass ein Schultag beginnt, hat im vergangenen Jahr großteils kein schrilles, nervtötendes Läuten angekündigt. An seine Stelle ist das melodische Summen oder Vibrieren von Tablets und Handys getreten, das die Schüler zu Hause zur morgendlichen Video-Konferenz zusammenruft.

Noch bis Semesterende wird in Österreich digital unterrichtet. Danach starten die Volksschulen wieder den Präsenzunterricht, alle anderen Schultypen stellen auf Schichtbetrieb um. Die Hälfte der Klasse muss also weiterhin digital am Unterricht teilnehmen.

So auch die Schüler von Ingo Stein. Der 50-Jährige unterrichtet an der NMS Koppstraße in Wien Ottakring Mathematik, Physik und Informatik. Jeden Morgen sammelt er seine Schüler online zusammen und startet mit einer Besprechung in den Tag, um Aufgaben durchzugehen und „Impulse“ zu geben, wie er sagt.

Einen genauen Stundenplan gibt es nicht. Im Distance Learning sind die Schüler zu einem großen Teil auf sich gestellt. Denn „im Pflichtschulbereich ist Video-Unterricht sehr schwierig bis nicht möglich“, sagt Stein. Auch, weil sich viele Kinder ein Zimmer mit ihren Geschwistern teilen, und es dabei ansonsten einfach zu laut wird.

Darum hat der Pädagoge einen digitalen Wochenplan erstellt, den er an seine Schüler ausschickt. Sie alle verfügen über ein digitales Übungsheft – im Wesentlichen ist das ein Tabellendokument, in das der Lehrer Aufgaben einträgt. Über eine Online-Verbindung kann er in Echtzeit zusehen, wie Rechnungen gelöst werden – oder eben auch nicht. Wenn Stein sieht, dass ein Schüler gar nicht zurechtkommt, greift er zum Telefon und ruft an. Notfalls funktioniert das auch umgekehrt.

Rückmeldungen und Korrekturen erfolgen ansonsten auch online, über schriftliche Anmerkungen im digitalen Übungsheft oder auch über das Hochladen von Sprachnachrichten. „Gut gemacht, aber schau dir die 5er-Reihe nochmals an und verwende dazu das Arbeitsblatt von letzter Woche“, spricht Stein in sein Mikrofon.

Dass alle Schüler bereits iPads besitzen, ist kein Zufall. Die Schule hat schon vor einigen Jahren damit begonnen, den Unterricht mit digitalen Endgeräten zu bestreiten. Schülern, die sich das nicht leisten können, stellt die Schule Leihgeräte zur Verfügung.

Kreativität gefragt

Diese Art des Lernens hat freilich auch ihre Tücken: „Die Schüler sind meistens Distance Learning-affiner, als wir glauben“, sagt Stein. „Sie sind zum Beispiel ziemlich gut darin, Wege zu finden, Hausübungen zu kopieren, also digital abzuschreiben.“ Hier sei die Kreativität der Lehrkräfte gefordert. Wenn die Aufgabe etwa sei, ein Erklärvideo aufzunehmen und hochzuladen, sei Schummeln viel schwieriger, als wenn Arbeitsblätter ausgefüllt werden müssen.

Man merkt: Ideenreichtum, Engagement und digitale Kompetenz der Lehrer sind für die Qualität des Unterrichts entscheidend. Um sich hier fortzubilden, haben die Pädagogen verschiedene Möglichkeiten. So bietet etwa das Bildungsministerium verschiedene Kurse zu digitaler Kompetenz an. Bisher haben 18.500 Pädagogen daran teilgenommen. Auch beim derzeit laufenden Festival of Learning (noch bis 12. Februar) teilen Experten wie Stein in Online-Sessions ihre Erfahrungen mit ihren Kollegen.

Ob Lehrkräfte einen guten digitalen Unterricht machen oder nicht, hänge übrigens gar nicht vom Alter ab, sagt Stein. Er berichtet von Kollegen, die kurz vor der Pension stehen und sich digital total eingearbeitet hätten, während Jüngere sich oft erst einmal auf das Unterrichten im herkömmlichen Sinn gefreut hätten.

Dass der Unterricht mit digitalen Endgeräten die Pandemie überdauern wird, steht für Stein fest. „So muss ich nicht vor jeder Stunde zum Kopierer und Arbeitsblätter für alle drucken, sondern kann in der Stunde schauen, welcher Schüler was üben muss und dann individuell Arbeitsblätter zur Verfügung stellen“, sagt der Pädagoge.

Insofern sei auch der Acht-Punkte-Plan des Bildungsministeriums zur Digitalisierung der Schulen ein wichtiger Schritt. „Vor allem die Geräteinitiative kommt uns entgegen, weil bei der Anschaffung künftig nur mehr 25 Prozent Selbstbehalt für die Schüler bleiben“, sagt Stein. Auch dass sich jede Schule auf ein Gerät bzw. Betriebssystem einigen muss, sei gescheit. „Denn je mehr verschiedene Geräte benutzt werden, umso schwieriger wird es für die Lehrkräfte.“

Die Hauptfrage werde auch nach Corona sein, wann der Einsatz von digitalen Geräten sinnvoll ist und wann nicht. Ganz verschwinden würden Bücher, Geodreiecke und Zirkel – wie auch das nervtötende Klingeln – jedenfalls nicht.

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