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Politik Inland
11/13/2020

Aus dem Lockdown freitesten? Slowakisches Modell als Alternative

Wer kein negatives Testergebnis hat, wird in der Slowakei zu zehn Tagen Hausarrest verdonnert. Bleibt so die Zahl der Neuinfektionen stabil und wäre das auch für Österreich denkbar?

von Elisabeth Hofer

Geht es nach Ministerpräsident Igor Matovič, so hat die Slowakei die „Atombombe“ entdeckt – jene, gegen das Coronavirus nämlich. Als erstes Land in Europa hat Österreichs Nachbarland einen Massentest an den rund 5,5 Millionen Einwohnern durchgeführt. Zwar war der Test „freiwillig“, ohne ein negatives Ergebnis geht aber nun praktisch nichts mehr. Von Behörden über Geschäfte bis zum Arbeitsplatz darf kein Ort mehr betreten werden, ohne das Original des Testergebnisses der Massentestung, einen Nachweis über ein negatives PCR-Testergebnis oder ein ärztliches Attest über eine Ausnahme von der Testpflicht vorzulegen.

Alle ohne negatives Testergebnis sind zu zehn Tagen Hausarrest verdonnert, dürfen ihre Wohnstätte also nur mehr im Umkreis von hundert Metern verlassen bzw. die notwendigsten Einkäufe im nächstgelegenen Geschäft tätigen. Trifft die Polizei darüber hinaus jemanden ohne ein negatives Testergebnis auf der Straße an, drohen saftige Strafen von bis zu 1.600 Euro.

Das Durchtesten aller Einwohner über zehn Jahre ist freilich mit einem enormen logistischen und finanziellen Aufwand verbunden, hat aber ein einziges Ziel: einen harten Lockdown oder strenge Maßnahmen wie im Nachbarland Tschechien (Schulschließungen, Ausgangssperre, Bewirtungsverbot) zu verhindern.

Eine Massentestung als Alternative zum vollständigen Herunterfahren des Landes – wäre das für Österreich eine Option? Immerhin hat auch Südtirol sich bereits ein Beispiel an der Slowakei genommen und will flächendeckend testen lassen, um den nahenden Lockdown möglichst kurz zu halten.

Gesundheitsminister Rudolf Anschober (Grüne) spricht von einem „interessanten Konzept“. Auch im Budgetausschuss am Donnerstag wurde darüber debattiert, heißt es. Wie die slowakische Nachrichtenagentur TASR berichtet, haben sich ranghohe Mitarbeiter des österreichischen Bundeskanzleramts sowie des Verteidigungs- und des Gesundheitsministeriums bereits von den slowakischen Kollegen über den genauen Ablauf sowie die Erfolge des Unterfangens informieren lassen.

„Momentaufnahme“

Laut Gesundheitsministerium gebe es allerdings zwei große Probleme: Zum einen wurden in der Slowakei Antigen-Tests durchgeführt. Anders als sogenannte PCR-Tests messen sie zum Virus-Nachweis Eiweiße aus der Virushülle statt Virus-Erbgut. Dieses Tests sind schnell und kostengünstig umsetzbar, haben aber eine weit höhere Fehlerquote als PCR-Tests. Das bedeutet umgekehrt: die Möglichkeit, dass Menschen trotz negativen Testergebnisses positiv sind, ist verhältnismäßig groß. Wenn sie sich in falscher Sicherheit wiegen und deshalb die Schutzmaßnahmen nicht einhalten, steigt auch die Wahrscheinlichkeit einer Verbreitung des Virus. Flächendeckend PCR-Tests durchzuführen, sei teurer und würde auch die Kapazität der österreichischen Labore sprengen.

Problem Nummer zwei: Ein Test ist stets nur eine Momentaufnahme – um die Verbreitung des Virus dauerhaft zu verhindern, müsste er in regelmäßigen Abständen wiederholt werden.

Dass die erwünschte Wirkung zumindest kurzfristig erreicht werden kann, zeigt das Beispiel Slowakei jedoch sehr wohl. Dort ist die Zahl der täglichen Neuinfektionen seit den zwei Testrunden an den beiden vergangenen Wochenenden zwar nicht stark rückläufig, doch anders als in Österreich zumindest stabil.

Gezieltes Screening

Was die langfristige Wirkung betreffe, so könne man wohl erst in fünf bis sechs Tagen eine valide Aussage treffen, erklärt Daniela Schmid, die leitende Epidemiologin der österreichischen Agentur für Gesundheit und Ernährungssicherheit (AGES), im Gespräch mit dem KURIER. Allerdings: „Wenn man im großen Stil testet, zeigt das natürlich Wirkung.“ Die Frage sei, ob man die ganze Bevölkerung testen müsse, oder nur jene Gruppen, die aufgrund ihrer Tätigkeit, ihrer Aktivitäten oder Kontakte mit größeren Gruppen ein stärkeres Ansteckungsrisiko haben, wie etwa Lehrpersonen. „Es ergibt Sinn, gezielt zu screenen“, sagt Schmid.

Die ganze Bevölkerung durchzutesten, sei letztlich auch unethisch, „wenn ich nicht garantieren kann, dass alle, die ein positives Ergebnis haben, auch angemessen medizinisch versorgt werden können“.

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