Politik | Inland
07.11.2018

Liberaler Stubb fordert Schwergewicht Weber

Spannendes Rennen um die Spitzenkandidatur der Europäischen Volkspartei bei der EU-Wahl 2019.

Mächtige Scheinwerfer lassen die nüchterne Architektur der Messehalle von Helsinki in Europablau erstrahlen, gelbe Sterne tanzen in der Luft. Junge Leute rufen „Alex Stubb, wir sind die neue Generation in Europa“. Vor dem Eingang in das Kongresszentrum gibt es einen Info-Stand von Manfred Weber mit dem Slogan „Für ein besseres Europa“.

Passanten bleiben stehen und fragen, ob hier ein Konzert stattfindet? Aber nein, es ist der Kongress der Europäischen Volkspartei (EVP), bei dem heute, Donnerstag, der EVP-Spitzenkandidat für die Europa-Wahl 2019 gekürt wird. Dieser hat dann auch die Chance, EU-Kommissionspräsident zu werden.

Manfred Weber gilt als Favorit, der CSU-Politiker und EVP-Fraktionsvorsitzende hat prominente Unterstützung von Angela Merkel und Sebastian Kurz. Der finnische Ex-Premier Alexander Stubb fordert Weber mit einem neuen Politikstil heraus: „Manfred, der Wettbewerb von Ideen beflügelt“, ist sein Credo.

Twitter-König

Mittwochabend kam es zu einem Zweikampf der beiden. Auch wenn Weber geschickt Parteiführer und Abgeordnete auf seine Seite zog, in den sozialen Netzen behält Stubb die Nase vorne.

Ein wahres Feuerwerk liefert der Finne auf Twitter und Facebook. Unermüdlich jettet der 50-jährige Marathonläufer und Hobby-Triathlet von einer EU-Hauptstadt in die andere, um für seine „Vision für Europa“ zu werben. „Europa braucht eine digitale Revolution, mehr Forschung über künstliche Intelligenz, mehr Konkurrenz in allen Bereichen, mehr Führungsqualität Europas“, predigt er seinen Zuhörern – und das in mehreren Sprachen perfekt, auch in Deutsch. Stubb ist verheiratet und hat zwei Kinder. Den akademischen Feinschliff holte er sich an den besten Universitäten der Welt. Der Internetfreak ist ein liberaler Konservativer, ein Transatlantiker, Verfechter eines harten Wettbewerbs.

Weber ist die mitteleuropäische Variante des Christdemokraten: werteorientiert, katholisch, verheiratet, der sozialen Marktwirtschaft verpflichtet und stets auf Harmonie bedacht. Er gehört dem proeuropäischen Flügel der CSU an und will in der Migrationsfrage stärker als Stubb auf die Ängste der Bevölkerung vor Flüchtlingen eingehen. „Ich will ein Europa, das schützt“, davon profitieren auch Junge, erklärt Weber.

„Orbán-Doktrin“

Ein wesentlicher Streitpunkt zwischen beiden trägt einen Namen: Orbán. Den autoritären Stil (illiberale Demokratie) des ungarischen Premiers und Fidesz-Vorsitzenden duldet Stubb nicht, er würde die Fidesz aus der EVP ausschließen. Weber ist Orbán gegenüber nachsichtig. Mittwochabend wurde eine EVP-Resolution für Demokratie und Rechtsstaatlichkeit verabschiedet. „Das sind rote Linien“, freut sich EU-Abgeordneter Othmar Karas. Werden diese Grundsätze verletzt, drohen Sanktionen, genau sind diese nicht definiert. Ein Delegierter aus Frankreich ist skeptisch: „Die Anti-Orbán-Resolution ist zahnlos.“