Politik | Inland
09.11.2018

Leuchtende Sterne als Gedenken an dunkelste Zeiten

Das Jüdische Museum der Stadt Wien realisierte ein einzigartiges Projekt im öffentlichen Raum.

In der Nacht vom 9. auf den 10. November 1938 ließen die Nationalsozialisten ihren Aggressionen freien Lauf. Anlass bot ein Attentat.

Adolf Hitler empfing am 9. November im Alten Rathaus von München die Führungsspitze der NSDAP, um des gescheiterten Putschversuchs im Jahr 1923, bekannt als „Marsch auf die Feldherrnhalle“, zu gedenken. Um 17 Uhr traf die Nachricht vom Tod des Legationsrats der deutschen Botschaft in Paris, Ernst vom Rath, ein. Er war vom 17-jährigen polnischen Juden Herschel Grynszpan erschossen worden.

Propagandaminister Joseph Goebbels ordnete „Racheaktionen“ an, doch die Partei sollte nicht als Urheber in Erscheinung treten. Im gesamten Deutschen Reich (inklusive Österreich und dem Sudetenland) wurden daraufhin jüdische Einrichtungen verwüstet, ausgeraubt, zerstört und in Brand gesteckt. Viel Glas ging in Bruch. Und die Feuerwehr erhielt den Befehl, in das Spektakel, von den Nazis als „Reichskristallnacht“ glorifiziert, nicht einzugreifen. Die meisten Synagogen brannten bis auf die Grundmauern nieder und wurden dem Erdboden gleichgemacht.

In Wien hatte es bis dahin etwa 100 jüdische Bethäuser und Tempel gegeben. Eine Bestandsaufnahme lieferte das Jüdische Museum 2016 mit der Ausstellung „Wiener Synagogen. Ein Memory“.

Das Projekt „OT“

Einer Besucherin, Maria Graf, fiel auf, dass es an vielen der ehemaligen Standorte keinen Hinweis auf die Ereignisse des Novembers 1938 gibt, und sie schlug ein sichtbares Zeichen vor. Danielle Spera, die Direktorin des Jüdischen Museums, machte sich sogleich an die Arbeit.

Auf ihre Initiative hin war im Herbst 2011 an der Fassade des Standorts Palais Eskeles eine Lichtinstallation von Brigitte Kowanz – das Wort „Museum“ in Hebräisch – angebracht worden. Spera wandte sich also wieder an Kowanz. Die Professorin der Angewandten bot im Wintersemester 2016/’17 eine eigene Lehrveranstaltung an, in der sich die Studierenden und Assistenten mit den Standorten auseinandersetzten. In der Folge wurde ein zweistufiger Wettbewerb zum Projekt „OT“ ausgelobt. Das hebräische Wort bedeutet „Symbol“ oder „Zeichen“.

Die Jury kürte schließlich eine fünf Meter hohe „Licht-Stele“ (Foto) von Lukas Maria Kaufmann, 1993 in Klagenfurt geboren, zum Sieger. Als Beitrag zum Gedenkjahr sollte die permanente Lichtinstallation in der Nacht auf den 10. November an 25 ehemaligen Standorten von Synagogen in 16 Wiener Bezirken in Betrieb genommen werden. Im Endeffekt sind es jetzt 24, denn in Hietzing gibt es noch immer Diskussionen über die Positionierung ...

Seit gestern Abend erinnern sie u.a. an den Turner-, Dolliner- und Huberttempel, an die Storchen- und die Kaschlschul, an die Spitals- und die Vereinssynagoge. Von der Ferne sieht man nur eine Art leuchtenden „Knäuel“, der zu schweben scheint. Erst beim Näherkommen erkennt man, dass es sich dabei um einen arg zerknitterten Davidstern handelt. Auf jeder Stele findet man Angaben zu den jeweiligen Synagogen und QR-Codes für weitere Informationen. Dass etwas brutal aus dem Stadtbild eliminiert worden sein muss, kann man mitunter aber auch ohne Zeichen erkennen: Die Lücken schloss man in der Nachkriegszeit mit zum Teil besonders hässlichen Gemeindebauten – wie den in der Neudeggergasse.

  • KURIER-Talk mit Lucia Heilmann: