Politik | Inland
09.11.2018

Der jüdische US-Armee-Kaplan aus Wien

David Lapp, 1931 in Wien geboren, fand in den USA einen Beruf und in München seine Frau.

David Lapp ist mit einem Geschenk in das Jüdische Museum in der Wiener Dorotheergasse gekommen: Ein Koffer mit einer Feldsynagoge. Darin ist alles enthalten, was ein Rabbi gebraucht hat, um überall auf der Welt jüdische Soldaten der US-Army zu betreuen. Thorarolle, Menora, Gebetbuch, Becher, zwei Kerzen. Museumsdirektorin Danielle Spera wird eine Vitrine für die Feldsynagoge freimachen.

Lapp macht dieses Geschenk jener Stadt, aus der er Ende 1939 als 8-Jähriger flüchten musste. Nach der Reichspogromnacht vom 9. auf den 10. November wurde David Lapps Vater verhaftet. Er war zehn Jahre zuvor aus Polen zugewandert und in Wien als Glaser beschäftigt. Eine Verwandte organisierte eine Einwanderungsbestätigung, aber vor der Abreise musste seine Mutter den Vater erst aus der Haft bekommen. Sie nahm den Buben bei der Hand, ging in das Gestapo Hauptquartier und redete auf einen Beamten ein. Der Vater kam frei, die Familie reiste über Triest in die USA.

Wie war das Leben für den kleinen David in Wien nach dem Einmarsch der Nazi-Truppen im März 1938? „Es war nicht so schlimm“, meint Rabbi Lapp. Er besuchte die jüdische Schule in der Malzgasse im 2. Bezirk, wo er am Vormittag in Religion und am Nachmittag in allen anderen Fächern unterrichtet wurde. „Dort habe ich die Grundlage für mein Leben bekommen, Moral, Ethik, auch für mein Jüdischsein“, erzählt der 87-Jährige in fließendem Deutsch, das er nur selten mit englischen Worten mischt. An dieser Stelle unterbricht ihn seine Frau Ruth: „Er sieht immer alles sehr rosa, aber so ist er.“

Die Synagoge wurde zerstört, seine Schule geschlossen, er durfte in eine andere gehen. Hat er als Kind den Hass auf die Juden gespürt? „Erst nach dem Anschluss, da wollten uns dann andere Kinder verprügeln, na gut, dann haben wir uns gehaut.“

Ruth Lapp ist mit ihrem Mann auf Einladung des Jewish Welcome Service aus New Jersey nach Wien gekommen.

Sie erzählt dann die Geschichte der orthodoxen Familie ihres Mannes. Sie stammt aus dem galizischen Belc, wo viele chassidische Juden lebten, die ihren Glauben sehr spirituell praktizierten. Beide Elternteile stammten aus großen Familien, die Mutter hatte fünf Geschwister, der Vater 13. Die Nazis haben über 120 enge Verwandte David Lapps umgebracht. Ruth Lapp ist in Frankfurt aufgewachsen. Als ihre Mutter 1937 in einem Park auf den Bänken die Aufschrift „Für Juden und Hunde verboten“ las, flüchtete sie mit der Familie nach Palästina.

Verliebt in München

Sie lernten sich 1960 kennen, ausgerechnet in München. David war inzwischen zum Rabbi ausgebildet und diente als „Chaplain.“ So nennt die Armee alle Seelsorger, egal welchen Glaubens. David Lapp ist stolz darauf, dass diese Chaplains einander helfen, er hat ein eigenes Gebetbuch herausgebracht, das die orthodoxen, die reformierten und die konservativen Juden akzeptieren. 1958 wurde er als Rabbi ordiniert, sein Vater wollte, dass er studiert, die Mutter hätte einen praktischen Beruf bevorzugt. Also ging er nach dem Studium zur US-Army, immer bereit, in jenes Fort zu gehen, wo Seelsorger gebraucht wurden. So kam er nach München zu den Truppen in Deutschland und 1967 auch nach Vietnam. Soldaten im Krieg suchen Seelsorger.

Und warum ließ der Gott, an den er glaubt, den Holocaust zu? „Wir haben bei meiner Ausbildung viel darüber gesprochen. Nur Gott weiß eine Antwort. Niemand kann sagen, warum Menschen so unmenschlich sein können.“