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Politik Inland
08/16/2020

Kurz und Anschober: Die "Alphas" der Corona-Krise

Kanzler und Gesundheitsminister führen in Image-Umfragen, und sind doch grundverschieden. Zwei Experten erklären, warum.

von Raffaela Lindorfer

Jede Woche (manchmal sogar mehrmals die Woche) dasselbe Bild: Gesundheitsminister Rudolf Anschober mit ausgedruckten A4-Zetteln mit Grafiken zu Corona in der Hand.

Anschober, wie er ruhig herunterbetet, wieso es den Babyelefanten und die Maske braucht.

Anschober, der dann noch Verständnis für jene zeigt, die sich nicht daran halten.

Und zuletzt Anschober, der Fehler bei seinen Corona-Verordnungen zugibt.

Auf der anderen Seite Kanzler Sebastian Kurz, wie er aufrecht und mit fester Stimme seine Reden vorträgt.

Kurz, der jedes Wort, jede Handbewegung sorgfältig wählt.

Kurz, dessen Botschaften Wiederkennungswert haben ("Es gibt nur vier Gründe, das Haus zu verlassen ...").

Kurz, der klar sagt, was er will und was nicht. Der bestimmt, was gut ist, und was nicht.

Anschober und Kurz, diese beiden so unterschiedlichen Persönlichkeiten, sind in der Corona-Krise die "Alphas", sagt Psychologe und NLP-Coach Roman Braun. Beide sind in Image-Umfragen führend – Anschober liegt im Vertrauensindex aktuell sogar vor Kurz.

Wie funktioniert das, wie ticken die beiden?

"Narzisstischer Alpha"

Anschober zeichne sich als erfahrener Landespolitiker aus Oberösterreich durch Empathie aus – und die setze er in seiner Art, zu kommunizieren, gezielt ein. Dass er Fehler zugibt, gehöre da zum Konzept, ebenso, dass er verschiedene Facetten zeigt.

Braun schildert: "Wenn er neben Kurz auftritt, trägt er auch einen Slim-Fit-Anzug, wirkt sehr kontrolliert." Wenn er von etwas nicht überzeugt ist, schwanke er von einem Fuß auf den anderen – ein bisschen so, als würde er auf einem Boot stehen.

Anschobers Launen und seine Makel machen ihn (so kitschig das klingen mag) für die Menschen sympathisch, sagt Psychologe Braun: "Weil man merkt: der hat ein Herz, der ist auch einmal nervös oder schlecht drauf."

Anschober falle in die Kategorie "empathischer Alpha", während Kurz ein „narzisstischer Alpha“ sei.

Narzissmus wird landläufig negativ verstanden – das stimme so nicht, sagt Braun: "Narzissten sind Identifikationsfiguren. Viele Menschen, vor allem jüngere, blicken zu ihm auf." Kurz wirke "perfekt", manche würden sagen: "aalglatt". Er stelle jedenfalls ein "Angebot" dar – und die Zielgruppe ist groß.

In der Corona-Krise sei der Kanzler zu einem "heroischen Alpha" geworden, sagt Braun. "In Krisen wünschen sich viele eine Vaterfigur an der Spitze. Aus Angst und Hoffnungslosigkeit heraus entstehen positive Zuschreibungen."

Das Phänomen ist als "rally ’round the flag" bekannt: In Krisenzeiten folgen die Menschen eher den Regierenden. "Ab diesem Zeitpunkt tickt aber die Uhr", sagt Braun. "Jede Verletzung gegen dieses Ideal wird aufgerechnet und feuert irgendwann zurück."

Etwa, als er Kritik an den Verordnungen als "juristische Spitzfindigkeit" abtat oder die Strategie der "Angstmache" aus dem Corona-Krisenstab durchsickerte. Es folgte ein "fire back". Bei Kurz hat es rund ein halbes Jahr gedauert, bis sich seine Umfragewerte nach dem Corona-Hoch wieder normalisiert haben.

"Verwirrter Professor"

Fehler in der Kommunikation sieht auch Sprach-Coach Tatjana Lackner. Kurz spreche in Krisenzeiten "engagiert und souverän". Nach der ersten Phase des Schreckens hätte es in Phase zwei statt "strafen und drohen" aber "positive Testimonials" gebraucht.

Bei Kurz kam es zu "Überspitzungen", während Anschober gelegentlich wie ein "verwirrter Professor" gewirkt habe. Ein "Alpha", also ein Entscheider, sei der Grüne aus ihrer Sicht nicht – eher ein "geborener Beta", ein Experte.

Kurz und Anschober unterscheiden sich laut der Profilerin darin, wie wendig sie im Denken und Sprechen sind. Sie erklärt: Anschober bildet sich erst eine Meinung, dann vertritt er sie. Er korrigiert seine Ansichten und seine Fehler auch.

Kurz denkt, während er spricht, schon an das Nächste. Und schmettert so gekonnt jeden Widerspruch ab.

Tatjana Lackner ist Kommunikationsprofilerin. In der Stimme einer Person erkennt sie Verhaltensaspekte. Sie ist Sprecher-Coach für u. a. Politiker und Moderatoren und gründete die "Schule des Sprechens" in Wien.

Mehr Info: www.sprechen.com

Roman Braun ist Doktor der Psychologie und Rhetorik-Coach für Sportler und Führungskräfte. Im Bereich des NLP (Neurolinguistisches Programmieren) hat er die Methode, "Trinergy" entwickelt und bietet Seminare an.

Mehr Info: www.trinergy.at

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