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08.04.2018

Kopftuch-Streit? "Die Eltern behindern die Integration"

Das Kopftuch, wenn es Kinder tragen, hält die NMS-Direktorin Andrea Walach schon für ein Problem - aber nicht das wichtigste

Unsere Schulen, speziell die als „Brennpunktschulen“ bezeichneten NMS in den Städten, sind längst Labor und Konfliktfeld der Integration geworden. Das Kopftuch ist nur ein kleiner Teil des Problems. Andrea Walach ist seit vielen Jahren Direktorin an einer Wiener NMS, 98 Prozent ihrer Schüler haben eine nicht-deutsche Umgangssprache. Im KURIER-Gespräch erklärt sie, wo für sie eigentlich die Probleme der Integration liegen.

KURIER: Die Bundesregierung will ein gesetzliches Kopftuchverbot für Mädchen in Volksschulen und Kindergärten. Halten Sie das für richtig?

Andrea Walach: Das halte ich für sehr sinnvoll, weil es die Kinder schützt. Gläubige Moslems erklären mir, dass ein Kopftuch für Frauen notwendig ist, weil das Haar für Männer ein Symbol der Begierde ist. Aber wenn sich jetzt schon kleine Kinder das Haar bedecken müssen, dann werden diese damit ja sexualisiert, und das kann auf keinen Fall gutgeheißen werden, schon gar nicht im Sinne des Glaubens. Für ein Verbot spricht aber auch, dass Kinder einen enormen Bewegungsdrang haben. Das Kopftuch, oft mit Stecknadeln befestigt, schränkt diesen Bewegungsdrang am Spielplatz oder beim Sport enorm ein und wird von den Kindern als juckend und störend gesehen. Das Kind kann damit nicht Kind sein.

Denken Sie, dass es schwierig wäre so ein Verbot an den Schulen durchzusetzen?

Das glaube ich nicht. Dass unsere Gesetze über allen religiösen Regeln stehen, verstehen und respektieren die Kinder. Ich halte es für ein größeres Problem, dass man sagt, das betreffe nur wenige Mädchen. Warum soll man denen deshalb nicht helfen. Das Problem wird ja aus meiner Wahrnehmung jedes Jahr größer. Und umso kleiner das Problem, umso einfacher können wir es lösen.

Wie würden die Kinder auf ein Verbot reagieren?

Die Kinder sind ja gewillt, sich zu integrieren. Sie nehmen unsere Regeln, unsere Werte, unsere Einstellungen gerne an. Was sich verstärken dürfte, ist der innere Konflikt der Kinder, die ja in zwei völlig unterschiedlichen Welten leben. Auf der einen Seite erleben sie ein liberales, offenes Weltbild in der Schule, dann kommen sie nach Hause und in ihre ursprüngliche Umgebung, mit ganz anderen Werten und Traditionen. Die Kinder müssen tagtäglich umschalten zwischen diesen Welten, und kommen so in einen großen inneren Konflikt.

Hat das vor allem mit dem Islam zu tun?

Das ist sicher nicht allein ein Problem mit der Religion. Da machen es sich viele leicht, beharren auf ihren Traditionen und berufen sich dabei auf die Religion. Beim Kopftuch merke ich, dass die Burschen immer öfter Mädchen ermahnen, ihr Kopftuch ordentlich zu tragen, damit keine Haarsträhne sichtbar wird. Und wir erleben Väter, die ihren Töchtern den Umgang mit muslimischen Mitschülerinnen verbieten, wenn die kein Kopftuch tragen. Das kann dazu führen, dass jene, die kein Kopftuch tragen, stigmatisiert werden.

Sie arbeiten seit vielen Jahren an Brennpunktschulen in Wien. Wie erleben Sie das Problem mit der Integration, und war es früher anders?

Allein durch die Zunahme an Menschen, die dem islamischen Glauben angehören oder aus anderen Kulturen kommen, erleben wir natürlich, dass es schwieriger geworden ist. Ich möchte das weder an der Religion noch an der Ethnie festmachen, das liegt an der Einstellung der Familien zu unserem Schul- und Wertesystem. Bei uns gibt es etwa Afghanen, die sehr zielstrebig sind, aber auch jene, die fast alles verweigern.

Die Bildungstests zeigen, dass die Bildung nach achten Jahren Schule wenig zufriedenstellend ist.

Das, was die Lehrer in diesen Schulen machen, ist ja nicht das, wofür sie ausgebildet wurden. Wir betteln etwa seit Jahren erfolglos um Sozialarbeiter, weil wir selber diese Aufgaben übernehmen müssen. Etwa, dass man den Kindern zeigt, wie sie ihren Wecker stellen, damit sie pünktlich in der Schule sind, ganz banale Dinge. Die Lehrer organisieren immer öfter das Leben der Kinder, und damit fehlt die Zeit für die eigentliche Arbeit. Das frustriert viele Pädagogen enorm.

Wenn Integrationsprobleme in den Schulen von Lehrern gelöst werden müssen, wie gut sind sie dafür ausgebildet, mit interkulturellen Kursen?

Ich wüsste nicht, dass Lehrer dafür ausgebildet werden.

Jetzt auch nicht, bei den Junglehrern?

Eigentlich geht die Entwicklung in die andere Richtung, die fachliche und fachdidaktische Ausbildung wird forciert. Wenn ein Kind benachteiligt ist, nützt das wenig.

Zurück zur eigentlichen Problematik: Warum kommen Kinder nicht in die Schule?

Viele glauben, sie können es sich aussuchen, ob sie kommen, oder nicht. Oder die Familie will die Ferien verlängern. Oder sie müssen auf Geschwister aufpassen oder für die Eltern Dolmetschen, beim Arzt oder im Spital.

Also sind die Eltern oft das Problem?

Das Soziologie-Institut hat das bei uns untersucht, mit einem erschreckenden Ergebnis: Die Eltern sind oft nicht nur nicht hilfreich, sondern stellen sogar ein Hindernis für den Lernerfolg der Kinder dar. Weil manche eben keinen Wert auf Bildung legen und oft auch schlechte Vorbilder für die Kinder sind, was Bemühen und Fleiß betrifft. Das betrifft bei Weitem nicht alle. Aber da würde ich mir schon eine eigene Elternschule wünschen. Wir machen das bei uns auch, aber jene Eltern, die die Bildung ihrer Kinder nicht interessiert, können wir nicht erreichen.

Was für eine Vorstellung haben die Kinder von der Bildung und was sie nach der Schule erwartet?

Die Kinder sind im Vergleich zu ihren Eltern oft sehr gebildet, und glauben dann, das reicht aus. Nur sind die Anforderungen für unsere Gesellschaft um ein Vielfaches höher. Wir müssen den Kindern dann klarmachen, dass sie schon ganz gut Deutsch können, das aber für ein Arbeitsleben nicht reicht.

Wenn unser Schulsystem die Mitarbeit der Eltern verlangt, einige Eltern das aber gar nicht leisten können – was macht man dann?

Ein großes Problem. Sie verstehen unser Schulsystem oft gar nicht, verstehen nicht, dass ihr Kind nach der neunten Schulstufe arbeiten muss. Leider werden, ob aus Unwissenheit oder aus Bequemlichkeit, auch viele kostenlose Förderangebote, wie die Lernstationen oder die 2.0-Nachhilfe nicht in Anspruch genommen. Dafür fehlt mir jedes Verständnis. Es gibt Eltern, die mir erklären, dass es nicht wichtig ist, ob ihr Kind etwas lernt, auch die Sprache nicht, weil es ohnehin auf der Baustelle arbeiten wird. Wenn man das weiß, können wir nur versuchen, dem Kind die Grundzüge der Sprache beizubringen, und sie dann in Eigenverantwortung überlassen.

Inzwischen ist der ehemalige Chef des Integrationsbeirats Bildungsminister und der Integrationsminister Bundeskanzler. Wurden inzwischen die richtigen Weichen gestellt?

Mir kommt vor, man muss immer zehn Jahre reden, bis man gehört wird. In diesen zehn Jahren entwickelt sich alles weiter und die Lösungen, die angeboten werden, hinken dann immer Jahre hinterher. Ausbaden müssen es dann immer die Schulen.