Politik | Inland
08.04.2018

Was junge Muslimas zur Kopftuch-Debatte sagen

Nachgefragt: Der KURIER lässt in der hitzigen Debatte über Verbote und Frauenrechte Betroffene zu Wort kommen.

Wie geht es eigentlich jemandem, der von seinem Vater gesagt bekommt, er müsse ein Kopftuch tragen? Und wie geht es einer Frau, die plötzlich vom Staat gesagt bekommt, dass sie ihr Kopftuch – etwa auf der Universität – nicht mehr tragen darf?

Seit sich die heimische Politik entschlossen hat, Kindern unter zehn Jahren das Tragen von Kopftüchern zu untersagen – ein Verbot, das man bis hin zur Uni ausweiten könne, wie FPÖ-Chef Heinz-Christian Strache aber auch Karoline Edtstadler, ÖVP-Staatssekretärin im Innenministerium, in den Raum gestellt hat –, wird viel über Frauen mit Kopftuch gesprochen. Mit ihnen sollte man aber auch reden – denn nur so bekommt man einen besseren Blick auf das Politikum Kopftuch.

Die vier Geschichten, die hier stehen (siehe Einträge unten), präsentieren nur einen kleinen Ausschnitt der Wirklichkeit – Mädchen, die unter Zwang verhüllt werden, sprechen bekanntlich nicht gerade oft und gerne darüber. Unsere vier Protagonistinnen sind da anders – sie können wortgewandt begründen, warum sie ihr Kopftuch tragen, was es ihnen gibt, und wieso sie sich damit nicht unbedingt als Außenseiterinnen fühlen. Ihre Geschichten sollen einen Einblick in eine Welt geben, in der das Kopftuch Bürde sein kann, aber von den Frauen selbst auch als Bereicherung wahrgenommen wird – weil sie es freiwillig aufsetzen.

Die Welt des Kopftuchs ist definitiv nicht schwarz-weiß, so viel steht jedenfalls fest. Denn auch die vier jungen Frauen, die gerne ihr Kopftuch tragen, sagen: Es gibt einen Zwang, das Kopftuch zu tragen, und genau der gehört bekämpft. Nur, ob ein staatlicher Gegenzwang sprich ein Verbot hilft, der beziehungsweise das auch jene trifft, die sich ohne Zwang für das Kopftuch entscheiden, daran haben sie freilich Zweifel.

Woher dieser Druck auf muslimische Mädchen kommt, wie er auf die Schülerinnen hierzulande wirkt und vor allem, wie man ihm begegnen kann, das erzählt die Wiener NMS-Direktorin Andrea Walach , die sich in diesen Fragen kein Blatt vor den Mund nimmt. Dies ist umso wichtiger, als in einer Debatte, in der es um die Grundrechte von Frauen geht, alle Seiten gehört werden müssen:

  • "Meine Eltern haben mir die Wahl gelassen"

"Ich wollte in meiner Familie keine Außenseiterin sein", sagt Hadier Mabrouk – mit zwölf, als sie sich für das Kopftuch entschieden hat, habe sie nur wenig über ihre Entscheidung nachgedacht. Jetzt, mit 16, sieht sie das anders: Sie trage ihr Kopftuch nur mehr aus Glaubensgründen, nicht wegen der Familie. "Meine Eltern haben mir die Wahl gelassen. Sie hätten auch akzeptiert, wenn ich mich  anders  entschieden hätte."

Dass Kopftuchträgerinnen derzeit zum Politikum werden, stört sie darum doppelt. „Das Kopftuch schränkt mich nicht ein – und auch niemanden anderen“, sagt sie. Ein Verbot sei eine ähnliche Bevormundung, als würde sie gezwungen, das Tuch zu tragen. Wenn ein   Verbot an der Uni kommt? „Dann würde ich eher die Strafe zahlen als das Kopftuch abzusetzen.“

  • "Ich sage Nein zum Schönheitswahn"

 "Die Entscheidung zum Kopftuch mit 18 hatte neben religiösen auch emanzipatorische Gründe. Wir leben in einer Gesellschaft, in der das Aussehen einer Frau mehr wert ist als ihr Charakter.  Mädchen wird beigebracht, nach kaum erreichbaren Schönheitsidealen zu streben. Auch ich habe zu viel Geld, Zeit und Energie darauf verschwendet.  Als ich dann das Kopftuch trug, war es so, als ob ich einen lang nötigen Schritt weg von diesem Schönheitswahn tat. Das heißt nicht, dass Frauen, die kein Kopftuch tragen oder sich anders kleiden als ich,  nicht das gleiche tun können! Frauen sind unterschiedlich, führen unterschiedliche Leben, haben unterschiedliche Bedürfnisse, wenn es um Emanzipation geht. Wichtig ist der gegenseitige Respekt.“ 

(Salme Taha Ali Mohamed, KURIER-Volontärin)


 

  • "Ich verdecke meine Haare, nicht mein Hirn"

Dass Selbstbewusstsein und Kopftuch einander nicht ausschließen, dafür ist Amina Touati das beste Beispiel. „Ich verdecke meine Haare, nicht mein Hirn“, sagt die 16-jährige Wienerin und lacht. 

Sie trägt ihr Kopftuch, seit sie acht ist; da liegt die Frage nahe: Auf Wunsch der Eltern, die aus Marokko stammen? „Nein“, sagt sie bestimmt. Ihre Eltern hätten mit ihr darüber gesprochen, ihr die Wahl gelassen – und ja, natürlich sei man als Kind von den Eltern geprägt. Mittlerweile sei das Kopftuch aber zu etwas anderem für sie geworden: „Ich habe eine neue Persönlichkeit entdeckt. Ich fühle mich freier als ohne.“ Dass es Eltern gebe, die ihren Kindern das vorschreiben, das gebe es immer wieder – aber das widerspreche allen Grundsätzen:  „Mein Glaube sagt: Tu, was Du willst –  nicht, was deine  Eltern sagen.“ 

  • "Seht auf mich, nicht auf mein Kopftuch!"

Als Ghada Esmail Mitte der 1990er aus Ägypten nach Österreich kam, trug sie Minirock – und kein Kopftuch. „Das kam erst, als ich Probleme mit meinem Ex-Mann hatte. Mir ging es schlecht, darum wandte ich mich dem Glauben zu – obwohl er dagegen war“, sagt die 44-Jährige, die als Altenpflegerin in Villach arbeitet. Das Resultat trägt sie heute am Kopf, in Form von Tüchern oder auch Hauben, je nach Geschmack. Lange Röcke und Verhüllung brauche sie nicht,  das sei jedem freigestellt: „Seht auf mich, nicht auf mein Kopftuch!“ Wieso das Kopftuch das politische Thema sei, versteht sie nicht. „Wenn Männer Frauen dazu zwingen, dann ist das ein Problem. Mich aber zwingt niemand – und wenn jemand einen kurzen Rock tragen darf, darf ich doch auch mein Tuch tragen, oder?“