Politik | Inland
05.04.2018

Muslimin zu Verbot: „Raus aus dem Kopftuchkäfig“

Keine Zwänge: Die Deutsche Emel Zeynelabidin legte das Kopftuch selbst ab - sie ist aber gegen Verbote.

Enthüllung“ nennt sie es, oder, noch pointierter: „Raus aus dem Kopftuchkäfig.“

Emel Zeynelabidin, 57 Jahre alt, große, dunkle Locken, hat vor gut 10 Jahren entschieden, einen Schlussstrich zu ziehen: Unter ihr Dasein als Muslimin, die „in einer Welt feststeckte, die ziemlich ideologisch geprägt war“; unter ihr Leben mit Kopftuch, das ihr ein „eindeutiges Gefühl von Enge am Kopf“ gab, wie sie sagt.

Wieso sie das tat?

Das ist eine Frage, die ihr seit damals vielfach gestellt worden ist. Zeynelabidin, in Istanbul geboren, in Deutschland aufgewachsen, war zu diesem Zeitpunkt Vorsitzende des islamischen Frauenvereins, in den deutschen Medien kannte man sie also gut. Dass sie vor ihrer eigenen „Enthüllung“ auch oft zur Kopftuchdebatte Stellung nehmen musste, regte sie zum Denken an: „Ich begann dadurch zu hinterfragen, warum ich das Tuch eigentlich trage“, sagte sie im KURIER-Interview.

„Nur ein Vorwand“

Ihre Antwort ist nun im Haus der Geschichte in Bonn zu besichtigen: Dort liegt ihr Kopftuch, „das so langweilig, so uniform ist, das uns muslimische Frauen alle gleich macht“, wie sie sagt. Auch die religiöse Begründung dafür lässt sie heute kopfschütteln: Die Verhüllungsverse im Koran seien zum einen nur eine Empfehlung, kein Verbot, und sie müssten im Kontext gelesen werden: „Sie sollten die gläubigen Frauen von den damaligen Sklavinnen unterscheiden. Heute gibt es die aber nicht mehr.“

Das Kopftuch als Vorwand, um das Patriarchat rechtzufertigen? Ja, sagt die noch immer gläubige Muslima (sie habe sich nur von den „zwanghaften Pflichtritualen“, nicht von Gott abgewendet, sagt sie). „Es werden große Verrenkungen gemacht, um das Kopftuch rechtzufertigen, als Nachteile und Schäden an dem psychischen Wohlbefinden zuzugeben“, sagt sie. Nachteile wie etwa, dass man ihr nach dem Abnehmen sagte, sie „sei vom Teufel besessen“.

„Eine Schande“

Gegen ein Verbot ist Zeynelabidin dennoch. „Man kann ja nicht einen Zwang mit einem anderen aufheben, das ist genauso schlimm. Der Staat bevormundet, und er diskriminiert damit“, sagt sie. Oder, noch pointierter: „Das Kopftuch ist eine Schande für den Islam, das staatliche Verbot eine Schande für die Demokratie.“ E. Peternel