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Politik Inland
06/15/2021

Kommt die Psychotherapie auf Krankenschein?

Unleistbar wäre das wohl nicht. Woran es derzeit noch scheitert.

von Michael Hammerl

Psychotherapie auf Krankenschein: Diese Forderung ist nicht neu. Mit Wolfgang Mückstein (Grüne) hat nun der nächste Sozialminister die Möglichkeit, sie umzusetzen.

Das sei aber „nicht so leicht“, bremste Mückstein beim Grünen Bundeskongress am Wochenende. Vollfinanzierte Psychotherapie gibt es – allerdings nicht in allen Bundesländern. Und wenn, dann nur kontingentiert – also auf eine bestimmte Zahl von Patienten beschränkt. Abgesehen davon: Die Leistungen der Krankenkassen bei der Psychotherapie sind alles andere als einheitlich. Daran hat auch die Sozialversicherungsreform 2019 wenig geändert.

Besonders scharfe Kritik gibt es aber an den Kontingenten. Patienten warten oft monatelang auf einen Therapieplatz. Peter Stippl, Präsident des Österreichischen Bundesverbands für Psychotherapie (ÖBVP), zieht gegenüber dem KURIER einen Vergleich: „Kein Mensch würde auf die Idee kommen, Patienten mit Herzkrankheiten oder Beinbrüchen nach Kontingenten zu behandeln.“

Dieses grundsätzliche Problem hat sich durch die Pandemie nicht geändert. Ein bisschen etwas hat sich aber bewegt. Im Juni 2020 vermeldete die Österreichische Gesundheitskasse (ÖGK), dass es 20.000 zusätzliche Psychotherapie-Plätze auf Kassenkosten geben soll – jährlich. Das sind in Summe 300.000 Therapiestunden – pro behandeltem Patienten werden 15 Stunden veranschlagt.

„Mit diesen 300.000 Stunden werben Politiker seit Monaten. Derzeit sind aber erst weniger als 10 Prozent des Angebots bei den Patienten angekommen“, sagt Stippl. Er fordert ohnehin einen Systemwandel, plädiert für eine „Vollversorgung“. Heißt: Die psychotherapeutische Behandlung von Erkrankungen, die unter die Internationale Klassifikation der Krankheiten „ICD-10“ fallen, wird zu 100 Prozent von den Krankenkassen übernommen. Der politische Wille, diesen Vorschlag umzusetzen, ist vorhanden. Mückstein fordert die Vollversorgung offensiv, ebenso ist sie Teil des Regierungsabkommens.

Geschätzte Kosten

Stippl wagt eine „sehr vorsichtige“ Prognose: 200 bis 300 Millionen Euro zusätzlich pro Jahr für Psychotherapie sollten ausreichen, um eine Vollversorgung zu garantieren. Genauer könne er das nicht beantworten. Die Daten zur Psychotherapie in Österreich würden schlicht nicht ausreichen. Das kritisierte auch der Rechnungshof 2019 in seinem Bericht. „Daten fehlen: Wer erhält welche Behandlung – und mit welchen Folgen?“ heißt es.

Weiters ist nicht bekannt, wie viele Patienten jährlich in Österreich in Psychotherapie sind. Das zeigt eine KURIER-Anfrage bei der ÖGK. „Psychotherapie als Sachleistung lässt sich nicht in Plätzen ausdrücken, da unterschiedliche Krankheitsbilder auch unterschiedlich lang behandelt werden müssen“, heißt es seitens der ÖGK. Die ÖGK habe individuelle Verträge mit Vereinen, die „Leistungen der Psychotherapie über angestellte bzw. freiberufliche Therapeuten erbringen“.

Auch hier schließt übrigens ein Kritikpunkt Stippls an: Vereine wie der ÖBVP sollen als Körperschaften öffentlichen Rechts anerkannt werden. „Aktuell haben wir denselben Status wie ein Kegelverein.“

Keine Lobby

An der Anzahl der Therapeuten würde die „Vollversorgung“ jedenfalls nicht scheitern, so Stippl. In Österreich gebe es 11.000 berufsberechtigte Psychotherapeuten, 8.000 seien in Ausbildung. Das Personal ist also vorhanden, der Ausbau Richtung Vollversorgung scheint leistbar: Wo liegt eigentlich das Problem?

„Psychotherapie ist immer noch etwas sehr Diskretes, das man eher nicht am Stammtisch oder im Büro erzählt“, sagt Stippl. Dementsprechend schwer sei es, öffentlich wahrgenommen zu werden. Man könnte auch sagen: Mit dem Thema „Psychotherapie“ auf Wählerfang zu gehen, ist wenig aussichtsreich. Obwohl es viele Betroffene gibt, hat sie keine große Lobby.

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