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Wissen Gesundheit
05/19/2021

Psychologen erwarten einen Anstieg psychischer Probleme

Der Zugang zu Daten sei schwierig, ein Konzept für ein Echtzeitmonitoring wird aufgebaut.

„Sehr wahrscheinlich" - das ist der Tenor, wenn man Experten fragt, ob sie denken, dass es in den nächsten Jahren zu einem Anstieg psychischer Belastungsstörungen kommen wird. Eines sei aber jetzt schon klar, die Leidtragenden sind vor allem junge Menschen, betonten sie wieder einmal, diesmal bei einem Vortrag der Gesellschaft für Public Health (ÖGPH) am Dienstatabend. Der Aufbau eines Monitoringsystems gestalte sich schwierig.

Der gesellschaftlichen Krisen-Belastungsreaktion auf der Spur sind u.a. Forscher um Studienleiter Thomas Niederkrotenthaler in der Untersuchung „SARS CoV-2: Mental Health in Österreich“. Hier wurden bis zum Ende des vergangenen Jahres bereits zwölf für Österreich repräsentative, wiederkehrende Befragungen von jeweils rund 1.000 Personen im Abstand von drei Wochen durchgeführt.

Verzögerte Effekte

Die Werte zur Suizidalität seien im vergangenen Jahr glücklicherweise nicht angestiegen, was sich auch an den offiziellen Zahlen ablesen lasse, erklärte Benedikt Till von der Medizinischen Universität Wien bei der Veranstaltung im Rahmen der „European Public Health Week“. Es sei aber bei weitem nicht ausgemacht, dass es etwa aufgrund des verschärften wirtschaftlichen Drucks durch Arbeitslosigkeit oder eine beobachtete Zunahme von Konflikten - hier wurden schwere Formen von psychischer und physischer Gewalt abgefragt - in den stark auf sich selbst zurückgeworfenen Familien nicht noch zu negativen psychischen Entwicklungen kommen könnte.Man kenne derart verzögerte Effekte im Nachgang der SARS-Epidemie in Hongkong.

Junge eingeschränkt

Über eine Verschlechterung ihrer psychischen Gesundheit berichteten im Rahmen der Studie zwischen 15 und 20 Prozent der Befragten. Betroffen waren hier vor allem die 16- bis 29-Jährigen, bei denen sich die Situation deutlich verschlechtert habe. Diese Gruppe war bereits vor Corona etwas belasteter, die Lockdowns haben den bekannten Effekt aber noch verstärkt, waren doch junge Menschen vergleichsweise stark von den Einschränkungen betroffen, so Till.

Weitere Risikogruppen

Das sind sozioökonomisch schlechter gestellte Personen, psychisch Vorerkrankte sowie u.a. Personen, die an Covid-19 erkrankt waren. Vor allem letztere Gruppe sehe man länderübergreifend belastet, da eine Infektion auch mit einer gewissen Stigmatisierung einhergehe. Unterstützung wünschen sich Betroffene vor allem in Form von niederschwelligen Hilfsangeboten wie Beratung sowie finanzielle Unterstützungen, so der Forscher.

Echtzeitmonitoring

Mit dem Aufbau eines Konzepts für ein Echtzeitmonitoring der psychischen Belastungen im Zusammenhang mit Covid-19 im Auftrag des Gesundheitsministeriums befasst sich Sophie Sagerschnig von der Gesundheit Österreich GmbH seit November des Vorjahres. Auch sie geht davon aus, dass die Pandemie und die Eindämmungsmaßnahmen womöglich erst nach dem sich abzeichnenden Ende der unmittelbaren Krise ihre vollen Auswirkungen auf das Befinden vieler Menschen entfalten werden.

Die Belastung sei aktuell jedenfalls schwer objektiv zu beziffern, was auch daran liege, dass sich der Zugang zu Daten schwierig gestalte. „Viele Datenquellen sind nicht so verfügbar, wie wir sie brauchen würden“, sagte Sagerschnig.

Momentan arbeite man mit Informationen von psychosozialen Hotlines, plus Erhebungsdaten aus den „Austrian Corona Panel“-Umfragen, mit Daten zu ausgesprochenen Annäherungs- und Betretungsverboten, Arbeitsmarktdaten, Informationen zur psychiatrischen Bettenauslastung oder Leitstellenprotokollen von Einsatzorganisationen. Vor allem die psychosozialen Dienste hätten im ersten und teilweise auch im zweiten Lockdown deutlich mehr Anrufe verzeichnet.

Ausgelastet

Insgesamt zeige sich auch, dass viele von Praktikern beobachtete Effekte in Daten noch kaum ersichtlich seien: So sei die ambulante psychische Versorgung vor allem für junge Menschen stark nachgefragt. Wartezeiten hätten sich deutlich verlängert und die Problemlagen sich eher in Richtung Suizidalität verschoben, hieß es in der Diskussion zu den Vorträgen.

Alexander Grabenhofer-Eggerth von der ÖGPH-Kompetenzgruppe „Public Mental Health“ betonte, dass etwa die Jugendpsychiatrien schon vor der Krise kapazitätsmäßig voll ausgelastet waren. Wenn jetzt wieder das gleiche Niveau erreicht wird, zeige das aber nicht, dass die Probleme nicht angewachsen seien, denn „was am Anschlag war, kann nicht mehr ansteigen“. Mittlerweile sei dieses Thema aber zumindest in den höchsten Kreisen der Politik angekommen, so Grabenhofer-Eggerth.

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