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Politik Inland
06/11/2020

Kirchlicher Missbrauch: "Tod der Täter hatte etwas Befreiendes für mich"

Josef Haslinger wurde als Kind im Stift Zwettl sexuell missbraucht. Von der qualvollen Aufarbeitung seiner Erlebnisse und warum seine Kritik an der Klasnic-Kommission so deutlich ausfällt.

von Valerie Krb

Der Autor Josef Haslinger wurde als Kind im Stift Zwettl von mehreren Geistlichen und Bezugspersonen sexuell missbraucht. Erst Jahrzehnte später konnte er seine Geschichte erzählen – auch aus Rücksicht gegenüber den Tätern. Zum zehnjährigen Bestehen der Klasnic-Kommission fordert er nun, die Aufarbeitung von Missbrauch in die Hände des Staates zu legen.

Die Opferbeauftragte der katholischen Kirche in Österreich, Waltraud Klasnic, hat immer wieder betont, dass die Praxis, Täter nach Bekanntwerden von Missbrauch nur zu versetzen, der Vergangenheit angehöre. Hat sich die Kirche im Umgang mit pädosexuellen Tätern tatsächlich weiterentwickelt?

Haslinger: Die Kirche ist diesbezüglich unter Druck geraten, auch aus den eigenen Reihen. Solange sie aber ihre Archive nicht öffnet und keiner wirklich unabhängigen Untersuchungskommission Akteneinsicht gewährt, muss sie sich weiterhin dem Verdacht aussetzen, die Täter zu schützen. Was meinen Fall betrifft, weiß ich mittlerweile, dass den älteren Mönchen im Stift Zwettl sehr wohl bewusst ist, welche Mitbrüder zu Übergriffstätern wurden. Sie behalten dieses Wissen aber für sich.

Was ist also Ihre Forderung?

Es sollte eine unabhängige Untersuchungskommission geben, die sowohl für staatliche als auch kirchliche Einrichtungen zuständig ist und der alle beschuldigten Einrichtungen Akteneinsicht gewähren müssen. So ist es in Australien, in den USA und in Irland.

Muss man Kardinal Christoph Schönborn nicht zugutehalten, dass er diese Kommission überhaupt ins Leben gerufen hat?

Schönborn ist international bestens vernetzt und hat geahnt, was auf ihn zukommen kann, wenn er keine ’österreichische Lösung’ findet. Diese Kommission war, von der kirchlichen Perspektive aus, ein kluger Schachzug. Ob die Gesamtkonstruktion der Opferschutzkommission eine gründliche Untersuchung der Missbrauchsfälle überhaupt zulässt, ist eine andere Frage.

Ob bei kirchlichem Missbrauch oder Metoo: Oft steht es Aussage gegen Aussage, die Taten liegen häufig Jahrzehnte zurück. Sollte man den Opfern mehr Glauben schenken?

Das kann man generell nicht so sagen. Es geht hier um erhebliche Beschuldigungen, die geprüft werden müssen. Aber nicht von der Lobby, der die Täter angehören, sondern von unabhängigen Untersuchungskommissionen. Oder, falls die Fälle noch nicht verjährt sind, von der Justiz.

Warum ist es Opfern wichtig, von einer Opferschutzkommission als Missbrauchsopfer anerkannt zu werden?

Weil es eine erneute Erniedrigung bedeutet, wenn die Wirklichkeit nicht zur Kenntnis genommen wird. Man steht dann nach all dem Unrecht, das einem widerfahren ist, auch noch im Verdacht, ein Lügner zu sein. 

Sie beschreiben in Ihrem Buch die Zwickmühle, in der sich viele Betroffene befinden: Einerseits wurden Sie missbraucht, andererseits waren es Bezugspersonen, denen Sie vertraut haben. Wie kamen Sie da heraus?

Gar nicht. Sonst hätte ich mit der Veröffentlichung meiner Missbrauchsgeschichte nicht gewartet, bis die Täter gestorben sind. Ihr Tod hatte etwas Befreiendes für mich. Jetzt konnte ich endlich offen darüber sprechen.

Sie haben also Rücksicht auf die Täter genommen?

Ich wusste ja nicht, ob sie ihr Verhalten nach meiner Zeit dort verändert haben. Vielleicht, das habe ich mir zumindest gesagt, sind sie in sich gegangen und ich zerre da alte Geschichten ans Tageslicht. Ich wollte also immer noch Unheil von ihnen abwenden und mich selbst nicht so wichtig nehmen.

Wie hat sich der sexuelle Missbrauch auf Sie und Ihr Weltbild ausgewirkt?

Er hat mein Wertesystem durcheinandergebracht. Ich wusste damals nichts von Pädophilie. Ich wusste aber, dass Homosexualität als schwere Sünde gilt. Aber ausgerechnet mein Beichtvater, der für die Einhaltung der Gebote Gottes zuständig war, hat mich in homosexuelle Praktiken verstrickt. Ich habe mich einfach nicht mehr ausgekannt.

Haben Sie Ihren Eltern davon erzählt?

Mir wurde klargemacht, dass ich meinen Eltern davon nichts erzählen darf. Und ich zweifle bis heute daran, ob sie es mir damals überhaupt geglaubt hätten.

Wie kam es zu dem Titel des Buches? „Mein Fall“ klingt beinahe unpersönlich, dabei geht es um etwas sehr Persönliches.

Ich wollte so sachlich wie möglich sein. Also fast so, als würde ich nicht über meine eigenen Erlebnisse schreiben. Um Kindesmissbrauch zu verurteilen, braucht es mich nicht, da herrscht erfreulicherweise Konsens in der Öffentlichkeit. In „Mein Fall“ geht es vor allem darum, das Fehlverhalten unter der Obhut von Kloster und Kirche zu dokumentieren und dabei eine Sprache zu finden, die meine Erfahrungen auch für andere zugänglich macht.

Haben Sie die Täter nach Ihrer Zeit im Konvikt jemals wiedergesehen?

Einem von ihnen bin ich etwa zehn Jahre nach den Vorfällen begegnet. Hoffentlich erkennt er mich nicht, habe ich mir gedacht. Als er mich dann wirklich nicht erkannt hat, hat es mich noch schwerer getroffen. 

Hat die Kirche oder die Klasnic-Kommission in irgendeiner Weise auf Ihr Buch reagiert?

Einzig Helmuth Michelbach (Ombudsstelle für Opfer der Erzdiözese Wien, Anm.), der auch meinen Fall protokolliert hat. Er hat sich bedankt und geschrieben, dass ihn das Buch sehr beeindruckt und bewegt hat. Von der Kommission selbst hat sich niemand bei mir gemeldet, obwohl sie eine nicht unwichtige Rolle im Buch spielt.

Haben Sie jemals überlegt, gerichtlich gegen die Täter vorzugehen?

Nein. Ich war nicht fähig dazu. Aber ich empfehle es heute allen, denen Vergleichbares widerfährt.

Zur Person: Josef Haslinger wurde 1955 in Zwettl in Niederösterreich geboren. Seit 1996 lehrt Haslinger als Professor für literarische Ästhetik am Deutschen Literaturinstitut Leipzig.

Zu seinen Werken gehören "Opernball", "Das Vaterspiel" und "Jáchymov". Sein zuletzt erschienenes Buch "Mein Fall" befasst sich mit dem Missbrauch als Schüler im Stift Zettel. Haslinger erhielt zahlreiche Preise, zuletzt den Preis der Stadt Wien, den Ehrenpreis des österreichischen Buchhandels und den Rheingau Literaturpreis. Er lebt in Wien und Leipzig.

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