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Chronik Wien
11/07/2019

Kirche und Missbrauch: Von Abgründen und der Verletzlichkeit des Menschen

Für die Kirche kann der Verweis auf Missbrauchsfälle in säkularen Einrichtungen keine Beruhigung sein. Für sie müssen höhere Maßstäbe gelten.

von Rudolf Mitlöhner

Kaum etwas hat die katholische Kirche so sehr in ihren Grundfesten erschüttert, wie die ab den neunziger Jahren bekanntgewordenen Fälle sexuellen Missbrauchs. Dass das Thema kein kirchliches Spezifikum war, dass auch öffentliche Einrichtungen wie etwa Wiener Kinderheime oder die hessische reformpädagogische Vorzeigeanstalt Odenwaldschule tief darin verstrickt waren, konnte und kann die Kirche nicht beruhigen. Sie muss sich an ihren eigenen, höheren Maßstäben messen lassen.

Freilich gibt es das, was die FAZ in dem Zusammenhang „selektive Empörung“ genannt hat: Im Mainstream der medialen Wahrnehmung wurde dem Missbrauch im kirchlichen Umfeld tendenziell mehr Aufmerksamkeit zuteil als jenem im säkularen Bereich. Ja, es gibt in Teilen des öffentlichen Diskurses gegenüber der Kirche jene „sprungbereite Feindseligkeit“, von der Benedikt XVI. gesprochen hat.

Darauf darf die Kirche hinweisen und dagegen soll sie sich auch wehren. Gleichzeitig aber kann sie sich damit nicht aus jener besonderen Verantwortung stehlen, der sich aus ihrem (für sie unverhandelbaren) Selbstverständnis ergibt: Sie begreift sich ja gerade nicht als eine sozialkaritative oder pädagogische Institution unter anderen. Deswegen wiegt der Missbrauch in ihren Reihen schwerer.

Generalverdacht

Der Blick auf nichtkirchliche Einrichtungen zeigt freilich, dass die Kritik am „System Kirche“ zu kurz greift. Vielmehr besteht die Gefahr des Missbrauchs (der kein sexueller sein muss) überall dort, wo eine enge Beziehung zwischen Autoritätspersonen und ihnen Anvertrauten vorhanden ist; überall dort, wo es spezifische Zugangsbedingungen  bzw. Abgrenzungen nach außen gibt. Solche Konstellationen aber wird es immer geben – vom Kinderchor bis zum Militär.

Und ja, natürlich fallen auch katholische Einrichtungen wie beispielsweise Ordensschulen – insbesondere die ihnen angeschlossenen, heute kaum mehr bestehenden Internate – in dieses Schema.

Hier kommt hinzu, dass in Sachen Sexualität eine Art Generalverdacht gegenüber der Kirche herrscht. Meist wird er mit dem Begriff der „katholischen Sexualmoral“ ausgedrückt. Darunter wird alles subsumiert, was als hoffnungslos vormodern, leib- und lustfeindlich gilt. Daran ist die Kirche nicht ganz unschuldig. Sie hat es noch immer kaum geschafft außerhalb ihres engsten Kreises zu vermitteln, worum es ihr eigentlich gehen müsste: um einen realistischen Blick auf den Menschen, der auch und gerade bei diesen Themen die Abgründe und die Verletzlichkeit des Menschen wahrnimmt; entgegen so mancher naiven oder hedonistischen Sichtweise.

Mehr als Imagekorrektur

Vieles aber deutet doch darauf hin, dass die Kirche gelernt hat: Die früher rein defensive Haltung ist einem offeneren, auch zu Schuldeingeständnissen bereiten Umgang mit dem Thema gewichen. Die – von vielen kritisierte – Klasnic-Kommission hat hier unschätzbare Verdienste erworben. Fatal wäre es freilich, entstünde der Eindruck, der Kirche gehe es nur um Imagekorrektur. Dies pauschal zu unterstellen, wäre aber unredlich. Falsch wäre freilich auch, das Kind mit dem Bade auszuschütten und in eine habituelle „Mea culpa“-Pose zu verfallen. Auch damit ist niemandem – nicht der Kirche und nicht ihren Opfern – gedient.

Worum es ihr tatsächlich gehen muss, ist die Rückgewinnung ihrer Glaubwürdigkeit – ganz allgemein wohl die härteste Währung in unserer verunsicherten, flüchtigen und deswegen so nach Orientierung suchenden Zeit.

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