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Politik Inland
04/26/2020

Generationenfrage: Ist Corona tatsächlich ein "Alten-Virus"?

Wie wir künftig gefährdete Personen schützen und wo die Grenze zur Diskriminierung liegt.

von Barbara Mader

Langsam kommt das wirtschaftliche Leben wieder in Schwung. Viele Geschäfte haben seit zwei Wochen wieder geöffnet, die Gastronomie wird Mitte Mai folgen. Auch für die Schulen gibt es nun einen Plan.

Doch die bis vor kurzem noch für die Nachmittagsbetreuung zuständigen Großeltern – laut einer Studie des Österreichischen Instituts für Familienforschung (ÖIF) betrifft das 39 Prozent der Familien – werden vorerst nicht wieder ihren „Dienst“ aufnehmen.

Sie gelten als Risikogruppe.

Wie lange sollen ältere Menschen – zu ihrem Schutz – von sozialen Aktivitäten ausgeschlossen sein?

 

Das Gesundheitsministerium hat zumindest eine Lockerung der strengen Besuchsregeln in Pensionisten- und Pflegeheimen in Aussicht gestellt. „Es geht darum, das Gleichgewicht zwischen Schutz der Risikogruppe und sozialer Isolation zu finden“, sagt Gesundheitsminister Rudolf Anschober dazu.

Und wie wird man sich darüber hinaus um die ältere Risikogruppe kümmern? Die Opposition vermisst dafür konkrete Pläne. Kritiker wenden ein, alte Menschen würden jetzt zusätzlich benachteiligt, weil sie noch mehr von sozialen Kontakten ausgeschlossen seien. Die Botschaft der sozialen Distanzierung sei ganz besonders an sie gerichtet.

Dass ältere Menschen in die Kategorie „Risikogruppe“ fallen, hat sachliche Gründe. „Die bisherigen epidemiologischen Daten weltweit haben gezeigt, dass es bei älteren Menschen ein erhöhtes Risiko für schwere und auch tödliche Verläufe gibt“, präzisiert Reinhild Strauß, Leiterin des öffentlichen Gesundheitsdienstes im Sozialministerium.

Eine konkrete Altersangabe, ab wann man „Risikogruppe“ ist, gibt es in Österreich nicht. Diese wird in jedem Land auf Basis unterschiedlicher Faktoren wie z. B. der Bevölkerungsstruktur, dem Risiko für Vorerkrankungen, der epidemiologischen Lage und der Kapazitäten des Gesundheitssystems ermittelt. In Österreich wurden neben internationalen Studien auch die bisherigen österreichischen Erkrankungs- und Hospitalisationszahlen verwendet, um zum Schluss zu kommen: Ältere gehören unbestreitbar zur Risikogruppe.

Aber wie sollen sie künftig geschützt werden? „Die ältere Bevölkerungsgruppe muss sich besonders streng an die bestehenden Regelungen und Empfehlungen – besonders an die Abstand- und Hygieneregeln – halten. Zusätzlich müssen aber auch die Angehörigen durch verantwortungsbewusstes Verhalten ihre älteren Familienmitglieder schützen“, sagt Strauß.

Ein zweischneidiges Schwert

Verantwortungsbewusst – so vage das klingt, so klar ist doch: Der Schutz der Älteren ist ein zweischneidiges Schwert. Die Wirtschaft wurde heruntergefahren, die Schulen wurden geschlossen – vor allem auch aus Rücksicht auf die Älteren. Nicht ausgesprochen, aber manchmal mitgedacht war da die Frage: Auf Kosten der Jüngeren?

In Deutschland richtete unlängst eine Schausspielagentur einen dringenden Appell, ältere Schauspieler nicht pauschal von Dreharbeiten auszuschließen. Es gebe Absagen für schon besetzte ältere Schauspieler mit der Begründung, dass man aktuell nur noch jüngere besetzen wolle, da Kollegen über 60 in die Corona-Risikogruppe fallen würden. Es sei diskriminierend, grundsätzlich alle über 60 als Risikogruppe zu bezeichnen, sie in eine Opferrolle zu schieben und ihnen jegliche Selbstbestimmung abzusprechen.

Nun bricht alles weg

„Derartige Pauschalierungen gehen gar nicht. Seit Jahrzehnten engagieren wir uns gegen Kategorisierungen, weil sie zu Stigmatisierungen führen“, sagt dazu Altersforscher Franz Kolland. „Fremdzuschreibungen führen zu Selbststigmatisierungen und damit zu Selbstausschluss. Wenn man Leuten ständig sagt, dass man sie schützen muss, fühlen sie sich selbst als Problemgruppe.“

Auch die Physiotherapeutin Elisabeth Mayrl berichtet von älteren Klienten, die aufgrund der Zuschreibung „Risikogruppe“ in Ängste und sogar Depressionen verfallen. „Viele meiner Patienten sind seit Wochen nicht aus dem Haus gegangen. Sie fühlen sich ausgegrenzt und fragen sich, welche Auswirkungen das auf das Zusammenleben der Generationen haben wird. Sie fürchten, dass man ihnen die Opfer, die die Jungen nun bringen müssen, vorwerfen wird.“ Dazu komme der fehlende Kontakt. Neben der kognitiven und körperlichen Bewegung zählen die sozialen Kontakte zu den wichtigsten Säulen des erfolgreichen Alterns, sagt die Physiotherapeutin.

Und wer sich ausgeschlossen fühlt, erläutert Forscher Kolland, engagiert sich auch weniger. Man neigt dazu, die Dinge hinzunehmen. „Jahrzehntelang haben wir aktives Altern propagiert. Nun bricht alles weg. Wir riskieren, dass sich die Menschen fallen lassen.“

Gut gemeint und doch daneben: „Wir bitten Sie, älteren und behinderten Fahrgästen sowie Personen mit Kleinkindern die Sitzplätze zu überlassen“. Es ist eine Weile her, dass man diesen Satz in den öffentlichen Verkehrsmitteln gehört hat. Aus gutem Grund. „Dieser Slogan ist ein gutes Beispiel dafür, wie man Menschen mit besten Intentionen eine schlechte Botschaft senden kann. An sich wäre es ja positiv, alte Menschen schützen. Doch dieses vermeintliche Privileg schließt alte Menschen aus.“ So wie mit den Sitzplätzen ist nun auch mit dem Einkaufen: „Diese Form der Solidarität schürt mitunter Konflikte. Ich gehe für sie einkaufen heißt manchmal auch: Bleibt’s daheim.“

Die Bezeichnung „Risikogruppe“ beinhalte zudem eine ähnliche Stigmatisierung wie das „Pensionsantrittsalter“: „Gestern warst du noch Arzt, heute bist du Pensionist. Mit Corona ist das nun verschärft. Plötzlich ist man nur noch Risikogruppe.“ Dabei lassen sich Alter und Krankheit nicht so einfach miteinander verknüpfen. „Alter allein ist ein schlechter Gesundheitsmarker. Es geht auch um Lebensstil.“ Vielleicht, sagt der Altersforscher, sollte man insgesamt weniger auf das kalendarische Alter schauen. „Die Chronologisierung des Lebens hat Ordnungsaspekte. Das macht vieles leichter. Aber sie hat schon lange nichts mehr mit der Wirklichkeit zutun. Wir verlieren die Heterogenität und die Fähigkeit, Menschen, in ihrer Vielfalt zu sehen.“

Zur Vielfalt und Differenzierung taugen auch die sozialen Medien wenig, wo das Coronavirus nun als „Boomer Remover“ bezeichnet wird. Wurde die im Herbst 2019 entstandene Phrase „Ok, Boomer“ noch als gewitzter Widerspruch an die rechthaberische Babyboomer-Generation gewertet, gibt es bei „Boomer-Remover“ endgültig nichts mehr zu lachen: Covid-19 als Schwamm, der die ältere Generation auslöscht.

Nicht wenige interpretieren die Pandemie als reines „Alten-Virus“. Das sei, neben dem prekären Gesundheitssystem, auch der Grund, sagt die New Yorker Aktivistin Ashton Applewhite, warum sich das Virus in den USA derartig ausbreiten konnte. „Die Sorglosigkeit, mit der man sagte, die Krankheit betreffe ohnehin nur Alte, hat Corona zumindest in den USA erst zur Pandemie gemacht.“ Applewhite engagiert sich seit zehn Jahren gegen Altersdiskriminierung und gegen die ständige Forderung nach dem Jungbleiben: Es sei vor allem die Anti-Aging-Industrie, die daran arbeite, uns zu verunsichern.

„Alter ist natürlich nicht nur eine Zahl, aber auch nichts, weswegen man sich schämen sollte. Dass ich 67 bin, sagt kaum etwas über mich aus.“ Altersdiskriminierung beruhe, wie alle Vorurteile, auf Stereotypen. Nicht alle alten Menschen seien gleich. „Ganz im Gegenteil – je länger wir leben, desto unterschiedlicher werden wir. Jeder altert auf seine Weise.“ Das ändere natürlich nichts daran, dass insbesondere Ältere gefährdeter seien.

Was in den USA eine beunruhigende Hetzkampagne ausgelöst hat. So ließ der texanische Republikaner Dan Patrick die Öffentlichkeit via Fox News, ein den Republikanern besonders zugetaner TV-Sender, wissen, dass er der Meinung sei, Großeltern sollten sich für die Wirtschaft opfern, um möglichst rasche Geschäft-Wiedereröffnungen zu ermöglichen. Der Sager wurde unter anderem mit dem Tweet #NotDyingForWallStreet“ tausendfach beantwortet. Nein, wir wollen nicht für die Finanzmärkte sterben.

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