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Leben
11/13/2019

"Ok Boomer": Was es mit dem neuen Schlachtruf der Jungen auf sich hat

Mit einem weltweiten Internet-Hype reagieren junge Klima-Aktivisten auf politische Belehrungen von älteren Generationen: Sie sagen: „Ist schon gut, alter Opa.“

von Christoph Schattleitner

„Die Jungen haben das Peter-Pan-Syndrom“, schimpft ein Mann mit grauen Haaren, Poloshirt und Baseballkappe, „sie wollen einfach nie erwachsen werden!“. Es sei naiv, die kindlichen Ideale von Gleichheit und Freiheit ins Erwachsenenalter übertragen zu wollen, findet er: „Ihr könnt der Realität nicht entfliehen oder sie bekämpfen.“

Das Online-Video dieses unbekannten Mannes hat eine riesige Welle ausgelöst. Die Angesprochenen – Jugendliche aus den Generationen Y und Z – kommentierten das Video tausendfach mit den Worten „Ok Boomer“. Das bedeutet wohl so viel wie: „Ist schon gut, alter Knacker. Red’ nur weiter, wir hören nicht mehr zu.“ Das neue „Opa erzählt vom Krieg“ also.

Es handelt sich dabei nicht um ein paar regional begrenzte Kommentare, sondern um eine mittlerweile globale Protestbewegung, die sich popkultureller Techniken des Internets bedient.

Boomers
Bezeichnung für Menschen, die während des Babybooms der Nachkriegszeit geboren wurden (geboren 1946 bis 1964).


Generation X
Nachfolgegeneration der Babyboomers (geboren 1965 bis 1980).


Generation Y
Werden auch „Millennials“ genannt, weil sie ihre Jugend in diesem Jahrtausend verbrachten (geboren zwischen 1981 und 1996)


Generation Z
Die Jüngsten, geboren zwischen 1997 und 2012, werden seit Kurzem eigens eingeteilt, weil sie in vielen Bereichen anders als die Gen X und Z denken.


Meme
Internet-Bilder mit lustiger Beschriftung (siehe Artikelfoto). Gehen „viral“, werdem also tausendfach geteilt.

 

Die Babyboomer sind "in dieser Mentalität verhaftet"

Die Teenager wollen nicht aufmüpfig pubertieren („Zieh dir eine Jacke an!“), sondern sich gegen politische Zurechtweisungen von älteren Diskussionspartnern wehren.

„Die alten Generationen haben eine andere Mentalität“, erklärt eine 19-jährige „Ok-Boomer-Vertreterin“ der New York Times, „viele von denen glauben nicht an den Klimawandel oder sind davon überzeugt, dass man mit gefärbten Haaren keinen Job bekommt. Sie sind in dieser Mentalität verhaftet. Wir Teenager sagen dazu nur ,Ok Boomer’ im Sinn von: ,Schaut zu, wir beweisen euch, dass es anders geht und dass wir trotzdem erfolgreich sein werden – weil sich die Welt verändert hat’“.

Die sonst eher zurückhaltende New York Times ordnet das Phänomen als einen Wendepunkt im Generationenkonflikt ein: „Ok Boomer“ markiere das Ende der freundlichen Generationenbeziehung: „Jetzt ist es Krieg“, schreibt die Redakteurin der Zeitung.

Das erinnert stark an die „Fridays for Future“-Bewegung von Greta Thunberg (16), die mehrmals betont hat, sich nicht um Leute zu scheren, die den aktuellen Stand der Wissenschaft nicht akzeptieren. Sie könne und wolle die andauernden Ausflüchte und Relativierung der (alten) Politiker nicht mehr hören.

 

Junge Politikerin zu älterem Politiker: "Ok Boomer"

Dass die Fronten verhärtet sind, zeigt auch ein aktuelles Beispiel aus Neuseeland. Die dortige Grünpolitikerin Chlöe Swarbrick (25) würdigte Zwischenrufe von älteren Abgeordneten zu ihren Umweltschutzplänen unbeeindruckt mit einem kurzen „Ok Boomer“.

Das Video dazu ging in sozialen Medien viral und Swarbick wurde über Nacht eine weltweit diskutierte und (von Jungen) bewunderte Politikerin. Die Phrase stelle eine „einfache Zusammenfassung von kollektiver Erschöpfung“ dar, erklärte sie ihren Ausspruch.
 

Boomer "bisher nie zugehört"

„Die Boomer haben bisher nie zugehört und sind immer nur mit den gleichen Argumenten dahergekommen“, präzisiert Florian Boschek vom Wiener „Fridays“-Ableger im KURIER-Gespräch. „’Ok Boomer’ ist das schriftliche Augenrollen-Smiley. Das verwendet man, wenn man nicht wieder erklären möchte, was man schon seit Monaten wieder und wieder versucht hat, zu erklären.“ Das sei nicht diskriminierend gemeint, betont Boschek, die Klimakatastrophe betreffe auch die Älteren.

 

Er nennt ein politisches Beispiel, das er auch als Tweet gepostet hat (siehe nachbei): Der Chef von H&M beklagte zuletzt, dass Klimaschützer, die zum Konsumstopp aufrufen, die Fashion-Industrie gefährden würden. Das sei typisches „Boomer“-Verhalten, so Boschek wienerisch: „No na ned“ habe es Auswirkungen, wenn das Klima geschützt und weniger konsumiert werde. Es gehe ja genau darum, etwas zu verändern.

Babyboomer haben fürchterlichen Humor, finden Millenials

Ok Boomer“ hat noch eine andere Vorgeschichte. Seit rund einem Jahr zirkuliert im Netz das Phänomen „Boomer Humor“. Millennials kritisieren unter diesem Schlagwort die Witze ihrer Vorgänger-Generationen. Es sei nicht lustig, sondern diskriminierend, wenn in Männerrunden über Ehefrauen hergezogen oder (Enkel-)Kinder spöttisch gefragt werden, ob sie den Einschaltknopf für die Zeitung schon gefunden haben. Recht schnell hat sich daraus eine aggressive Witz-Kultur gegen die Boomer entwickelt.
 

„Babyboomer lästern darüber, dass die Kids von heute nicht einmal in Schreibschrift schreiben können“, kritisiert ein Millennial, „aber ok, Oma, du kannst nicht einmal deinen Laptop aufmachen, ohne dir sechs Viren einzufangen und dein halbes Vermögen an einen nigerianischen Prinzen zu verscherbeln.“

Im Vergleich dazu wirkt „Ok Boomer“ wie eine friedliche Resignation, der nächste Schritt der Entfremdung.

Dazu passt der Satz vieler Beziehungsratgeber: Wut, Abneigung und sogar Hass sind Gefühle und damit noch kein Beleg dafür, dass eine Beziehung tot sei. Erst, wenn einem der Partner gleichgültig sei, werde es schwierig die Beziehung zu retten. Ah, ok.