Straches Tanz am Facebook-Vulkan

FPOe May Day celebrations in Linz
Foto: EPA/CHRISTIAN BRUNA Heinz-Christian Strache und Norbert Hofer

Hasspostings und Aufrufe zur Gewalt. Verliert die FPÖ die Kontrolle über ihre Facebook-Community?

Heinz-Christian Straches erster Facebook-Eintrag war alles andere als ein Kracher. Im April 2009 erschien ein siebenminütiges Video einer seiner Parlamentsreden auf seiner "Wall", wie die Timeline damals noch hieß. Thema war das Bankenpaket. 81 Likes, 27 Shares. Sieben Jahre später hat Strache einen schlechten Social-Media-Tag, wenn weniger als 1000 Personen unter einen Eintrag auf "Gefällt mir" klicken.

Auf Facebook ist Heinz-Christian Strache eine Macht. Am Mittwoch feierte er mit einem Eintrag den 360.000. Fan seiner Seite. Kaum ein anderer heimischer Politiker kommt auch nur annähernd an diese Zahl heran – wobei Norbert Hofer stark aufgeholt hat. Seit es sie gibt, hat Straches Facebook-Präsenz für Schlagzeilen gesorgt. Sei es, weil einer seiner Fans Muslime als "Untermenschen" bezeichnete und dafür verurteilt wurde (2013). Oder, weil Strache Falschmeldungen verbreitete, wie etwa jene der "stehlenden Flüchtlinge" (2015), um nur ein Beispiel zu nennen.

Nach der Wahlniederlage Norbert Hofers erreichte das Treiben einen neuen Höhepunkt, Hofer-Fans witterten Wahlbetrug: Laut Medienberichten hatten Facebook-User auf FPÖ-Seiten Van der Bellens Privatadresse veröffentlicht und mit Gewalttaten gedroht. "Gründet endlich Banden, die agieren und notfalls zuschlagen. Ab jetzt heißt es kämpfen!", schrieb ein User laut Tiroler Tageszeitung. Die Sondereinheit Cobra übernahm früher als üblich den Personenschutz für Van der Bellen. Man nehme die Drohungen "sehr ernst", sagte ein Sprecher des Innenministeriums.

Daraufhin zog Strache die Notbremse. Er postete einen vielbeachteten Appell zur Mäßigung. Am Mittwoch wünschte sich schließlich Bundespräsident Heinz Fischer die "Rückkehr zur demokratischen Normalität". 

Blaues Biotop

Es geht auf Straches Facebook-Seite nicht immer so derb zu. Aktuelle Ereignisse lassen die Stimmung aber immer wieder überkochen. Verschwörungstheorien machen die Runde, zuletzt zu vermuteten Wahlmanipulationen. In den Kommentaren geht es gegen Asylwerber, Muslime, Linke, die Lügenpresse oder die USA, nicht selten von Strache selbst angefacht. Oft reicht nur ein Wort ("Bezeichnend!") und ein Link, schon schaukeln sich die User gegenseitig hoch. Es ist eine Art virtuelles Bierzelt, das die FPÖ auf Facebook geschaffen hat. Nach der Wahl flogen die Heurigenbänke in Richtung Van der Bellens. Ist Strache die Kontrolle über seine Community entglitten?

Wurstkrieg um Österreich

Überraschend kam die Reaktion der Strache-Fans nicht. "Strache lässt ziemlich viel zu", sagt die Social-Media-Expertin Judith Denkmayr. "Das führt dazu, dass seine Seite eine Anlaufstelle für Leute ist, die sich austoben wollen." Facebook-Communitys können eine unangenehme Eigendynamik entwickeln, die nur mehr durch drastische Maßnahmen zu stoppen ist. Ein klassisches Beispiel sei laut Denkmayr der sogenannte "Wurstkrieg", der auch Parallelen zu den Vorkommnissen auf Straches Fanseite aufweist.

Schauplatz dieser Auseinandersetzung zwischen Vegetariern und Fleischessern war Anfang 2012 die Facebook-Seite der Bank ING-DiBa. Ein Werbespot der Bank hatte die Debatte ausgelöst. Im Spot posiert der deutsche Basketballstar Dirk Nowitzki im Geschäft eines Fleischhauers. Zwei Wochen lang bekriegten sich die Fraktionen, bis es der Seitenbetreiberin zu bunt wurde und neue Postings zum Thema im großen Stil löschte.

Letzte Maßnahme: Löschung

Ein ähnliches Szenario dürfte bei Heinz-Christian Strache diese Woche eingetreten sein. "Aufgrund der enormen Kommentarzahlen von meist über tausend pro Posting, sehe ich mich gezwungen, viele meiner Einträge zur Bundespräsidentenwahl zu löschen", schrieb er in seinem Appell. Dabei gäbe es eine einfache und naheliegende Lösung für Straches Problem: verstärkte Forenmoderation. "Wird die Moderation vernachlässigt, kann es passieren, dass man die Kontrolle verliert", sagt die Social-Media-Expertin Judith Denkmayr. "Moderation ist ein Riesenaufwand bei so großen Seiten, aber machbar." Die Frage lautet nur: Will das die FPÖ überhaupt?

Eine Frage der Abwägung

"Es ist nicht kontrollierbar. Punkt", sagt FPÖ-Pressesprecher Martin Glier. "Wir tun alles was möglich ist. Das würde ich mir von den anderen auch einmal wünschen." Gemeint sind Postings, in denen Freiheitliche unter anderem als "Nazis" verunglimpft werden. Im Wahlkampf musste sich etwa Ingo Mayr, SPÖ-Vorsitzender in Tirol, dafür entschuldigen, Norbert Hofer auf Facebook so bezeichnet zu haben. 

 

Tatsache ist, dass Strache immer wieder Postings von seiner Seite entfernen lässt, wenn sie etwa einen Straftatbestand erfüllen könnten. 2013 gab die Partei bekannt, dass man Beiträge von Nutzern künftig mittels Filter automatisch löschen würde, wenn sie Wörter wie "Hitler", "Jude" oder "Neger" enthalten. Dass das allerdings nicht ausreicht, haben die jüngsten Vorkommnisse gezeigt.

 

Die negativen Folgen nimmt Strache offenbar ein Stück weit in Kauf, weil die positiven überwiegen dürften. Auf Facebook ist die junge, männliche Zielgruppe der FPÖ stark vertreten und vernetzt. Das sei ein internationales Phänomen, sagt Denkmayr. Strache habe den Vorteil, als Oppositionspolitiker freier sprechen zu können als etwa ein Regierungsmitglied, das immer abwägen muss. "Er kann sehr emotional kommunizieren, sehr zugespitzt und das ist eigentlich genau das, was die Leute auf Facebook spannend finden", sagt Denkmayr.

Facebook sei außerdem eine der drei Säulen der erfolgreichen freiheitlichen Medienstrategie. Neben den verschiedenen Facebook-Seiten ist mit dem Online-Medium unzensuriert.at und FPÖ-TV auf Youtube ein mediales Ökosystem entstanden, das es den Freiheitlichen ermöglicht, direkt und ohne den Filter durch Journalisten mit ihrer Zielgruppe zu kommunizieren. 

In der Zwickmühle

Die blaue Medienblase ist politisch wertvoll. Doch was die Forenmoderation anbelangt, befindet sich Straches FPÖ in einer Zwickmühle. Einerseits liegt es im Interesse der Partei, Mindeststandards einzuhalten, will man bei künftigen Wahlen bei den skeptischen Wählern der Mitte punkten. Auf der anderen Seite steht die Glaubwürdigkeit jener Partei auf dem Spiel, die sich dem Kampf gegen die vermeintliche "Zensur" in den klassischen Medien verschrieben hat. In Straches Facebook-Community ist der Zensur-Vorwurf gegen etablierte Medien allgegenwärtig, Stichwort: Lügenpresse. Greift Strache zu forsch in die Diskussionen auf seiner Seite ein, könnte er sich rasch demselben Vorwurf ausgesetzt sehen.

(Kurier) Erstellt am
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