„Angriff auf Justiz“: Grassers Anwälte gingen Schwindler auf den Leim
Karl-Heinz Grasser
In ihren Anstrengungen, Ex-Finanzminister Karl-Heinz Grasser die Haft zu ersparen, sind seine Anwälte offenbar einem Betrüger aufgesessen. So lautet zumindest der Verdacht, den am Dienstagabend der Falter und die APA publik gemacht haben – und ihrerseits von einem „Angriff auf die Justiz“ schreiben.
Was konkret vorliegt, ist ein Ermittlungsverfahren, das die Staatsanwaltschaft Wien gegen einen 60-Jährigen wegen Verleumdung, Fälschung von Beweismitteln und schwerem gewerbsmäßigen Betrugs führt.
Was war passiert: Im April 2025 hatte der Oberste Gerichtshof gerade die Schuldsprüche für Grasser, Walter Meischberger und Peter Hochegger bestätigt, die Strafen aber herabgesetzt: So fasste Grasser statt acht Jahren nur vier aus.
Da wandte sich der 60-Jährige mit einem Brief an die Wiener Kanzlei Ainedter, die Grasser verteidigte – und bot seine Dienste als IT-Forensiker und Datenanalytiker an. Er könne – so behauptete er – belegen, dass Buwog-Richterin Marion Hohenecker befangen gewesen sei. Etwa, in dem er Postings wiederherstellen könne, die sie in einem Forum abgesetzt habe. Grasser-Anwalt Norbert Wess soll sich dann mit dem Mann getroffen haben.
Grassers Anwälte hatten Hohenecker schon länger im Visier und warfen ihr wiederholt Befangenheit vor – mit dem Ziel, das Urteil zu kippen und einen Neustart für den Prozess zu erwirken. Der IT-Forensiker, der früher für eine bekannte Wiener Anwaltskanzlei gearbeitet hat, schaffte es offensichtlich, ihr Interesse zu wecken. Und das kostete: Allein für das technische Equipment sollen laut APA und Falter 4.500 Euro fällig geworden sein. Insgesamt sollen für die „Informationen“, die Hohenecker belasten sollten, 22.500 Euro geflossen sein. Anderen Quellen zufolge soll nur die Hälfte dieses Betrags bezahlt worden sein.
Die Informationen flossen dann in eine Anzeige gegen Hohenecker ein, die Ex-Justizminister Dieter Böhmdorfer im Juni 2025 bei der Staatsanwaltschaft Wien eingebracht hat. Wobei er, wie KURIER-Recherchen ergaben, darin schon angemerkt haben dürfte, dass es sich bei dem Informanten auch um einen Betrüger handeln könnte.
Wohnungsloser
Die Staatsanwaltschaft Wien hat daraufhin Ermittlungen gegen die Richterin aufgenommen und die Informationen geprüft. Es stellte sich
heraus: Sie waren gefälscht, die Unterstellungen gegen die Richterin unwahr. Der 60-Jährige ist laut APA wohnungslos und hat auch keinen eigenen PC oder Laptop. Er dürfte die Fälschungen großteils in einer öffentlich zugänglichen Bibliothek in der Arbeiterkammer in der Prinz-Eugen-Straße in Wien fabriziert haben.
Dort wurde der Mann am 19. Mai 2026 festgenommen und saß bis zum 24. Juni in U-Haft. In mehreren Vernehmungen gab er ein weitgehendes Geständnis ab. Laut APA komme das Netzwerk um Grasser, das den Ex-Finanzminister aus dem Gefängnis boxen wollte, in den Aussagen des Mannes nicht besonders gut weg. So habe es konspirative Treffen“ in der Kanzlei von Ex-Justizminister Böhmdorfer gegeben. An diesen sollen neben den Grasser-Anwälten auch ein pensionierter Justiz-Sektionschef, ein bekannter Unternehmer und ein weiterer früherer FPÖ-Politiker teilgenommen haben.
Die „Informationen“ des mutmaßlichen Betrügers haben es in sich: So wurde laut APA insinuiert, Hohenecker hätte womöglich das Buwog-Verfahren gezielt an sich gezogen und vor Verhandlungsbeginn die Verurteilung Grassers garantiert, entsprechend voreingenommen verhandelt und dafür Bestechungsgelder kassiert.
Verdächtigungen in Richtung einer möglichen Beitragstäterschaft richteten sich auch gegen Hoheneckers Ehemann, der als Richter am Landesgericht Korneuburg tätig ist, und zwei bekannte Wiener Rechtsanwälte, denen unterstellt wurde, sie hätten der Richterin bei der Löschung von ihrer Befangenheit belegenden Postings geholfen bzw. die Bestechungssumme übermittelt.
Weitere Details
Unterdessen bestätigt Unternehmer Stephan Zöchling (er ist Firmpate von vier Kindern der Familie Grasser-Swarovski) im KURIER-Gespräch weitere Details zur mysteriösen Betrugsaffäre rund um einen angeblichen IT-Experten. So schildert er, wie die Anwälte auf einen Betrüger hereinfielen – und wer die Rechnungen bezahlte. „Ich habe mir den Typen angeschaut und angehört, zweimal in der Kanzlei Wess“, erzählt Zöchling dem KURIER. Sein Eindruck: „Kompetenter ITler. Die Geschichte war nicht unplausibel, die Geschichte war durchaus rund.“
Zöchling riet den beteiligten Anwälten – darunter Norbert Wess, Dieter Böhmdorfer und Rüdiger Schender – die vorgelegten Unterlagen von einem Gutachter überprüfen zu lassen. „Das ist dann meines Wissens nach auch passiert“, sagt Zöchling. „Es ist dann ein Gutachter beauftragt worden, ein IT-Sachverständiger. Er hat gesagt, das ist echt.“ Später soll der Gutachter seine Meinung diametral geändert haben. Grasser selbst habe mit der Sache nichts zu tun gehabt, betont Zöchling: „Grasser war zum Zeitpunkt, wo der Typ aufgetaucht ist, schon in Haft.“ Die Bezahlung des mutmaßlichen Betrügers soll laut Zöchling „aus dem Umfeld von Frau Grasser“ erfolgt sein.
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