Arbeiten bis 68: IV-Präsident Knill fordert "radikalen Reformkurs"
Österreichs Industrie hat in den vergangenen Jahren an Wettbewerbsfähigkeit eingebüßt. Immerhin: Die Rezession ist seit 2025 wieder vorbei. "Wir haben uns auf einem sehr niedrigen Niveau gefestigt", sagt Georg Knill, Präsident der Industriellenvereinigung, am Sonntag in der ORF-Pressestunde. Österreich habe als Exportnation auch massive Wachstumspotenziale im Ausland.
Leider würden diese Perspektiven nicht genutzt, sagt Knill mit Verweis auf internationale Rankings. Er führt das insbesondere auf zu hohe Lohn- und Energiekosten zurück – und auf die Bürokratie.
Wie geht es der heimischen Industrie?
Budgetpfad "unambitioniert"
Das Doppelbudget für 2027 und 2028 müsse wahrscheinlich im Herbst wieder aufgeschnürt werden, glaubt Knill. Der aktuelle Budgetpfad der Bundesregierung, der 2028 ein Defizit von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts (BIP) vorsieht, sei aber ohnehin zu unambitioniert. Was wäre ambitioniert? "Ein Nulldefizit", so Knill.
Dann müssten 15 weitere Milliarden Euro pro Jahr eingespart werden. "Es wird hier nicht reiner Wein eingeschenkt offensichtlich. Wir brauchen ein wesentlich ambitionierteres Sparprogramm", sagt Knill. "Wir müssen dieses Land radikal auf einen Reformkurs bringen." Knill schlägt etwa eine nachhaltige Anhebung des gesetzlichen Pensionsantrittsalters vor: von 65 auf 68 Jahre bis 2040. Das Pensionssystem müsse "an die Realität" angepasst werden.
Lob gibt es für die Pläne der Regierung, ab 2028 die Lohnnebenkosten zu senken – auch wenn gleichzeitig Steuern und Abgaben für die Wirtschaft erhöht werden. "Wir finanzieren uns einen Teil dieser Ersparnis aus eigener Tasche wieder. In Summe bringt es aber schon einen Vorteil für den Standort", bilanziert Knill.
Pensionsantrittsalter: Ziel wäre mit 68 Jahren
Lohntransparenz: Kritik an Schumann
Die EU-Entgelttransparenzrichtlinie und den dazu nun vorgelegten Gesetzesentwurf von Sozialministerin Korinna Schumann (SPÖ) kritisiert Knill scharf. Es gehe darum, den Gender-Pay-Gap zu schließen, stattdessen bekomme man eine "Bürokratie-Lawine", meint Knill. Man könne Europa einfach nicht über einen Kamm scheren, wesentliche Aspekte – wie Österreichs Kollektivvertragssystem – würden nicht berücksichtigt.
Wie erklärt sich dann, trotz der Kollektivverträge, die hohen Einkommensunterschiede zwischen Männern und Frauen in Österreich? Frauen würden häufiger Teilzeit und in schlechter bezahlten Branchen arbeiten, ortet Knill "strukturelle" Probleme. Zwar würde auch ohne diese Faktoren ein "Gap" bleiben, dieser verbessere sich aber kontinuierlich.
Lohnnebenkosten senken: "Jegliche Entlastung für den Wirtschaftsstandort ist willkommen"
"Sind nicht Umsetzungsweltsmeister"
Die Entgelttransparenzrichtlinie sei im Ansatz ein richtiger Zugang, wie man das System verbessern könnte – aber die Umsetzung sei, wie so oft, "katastrophal", so Knill. Bürokratie sei ein grundsätzliches Problem, die USA prinzipiell ein Vorbild. Das stehe auch nicht im Widerspruch dazu, die europäischen Standards zu erhalten.
Spürt er denn schon die Entbürokratisierungsmaßnahmen der Regierung? "Wir sind definitiv nicht Umsetzungsweltsmeister", sagt Knill. Das zeige sich nicht zuletzt daran, dass Neos-Staatssekretär Josef Schellhorn das zweite Deregulierungspaket absagen musste. Schellhorn hat von ÖVP und SPÖ bekanntlich die Ansage bekommen, zuerst das erste Paket umsetzen zu müssen, bevor ein zweites präsentiert werden kann. Das Problem: Bei der Umsetzung sind insbesondere die Ministerien von ÖVP und SPÖ säumig.
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