Sozialminister Rudolf Anschober

© Kurier/Juerg Christandl

Politik Inland
02/09/2020

Anschober: "Influenza ist das größere Risiko"

Der Gesundheitsminister über das Coronavirus, den koalitionären Dissens über die EU-Mission Sophia und wie er ein Burn-out überwand.

von Ida Metzger

KURIER: Herr Anschober, in China gibt es über 30.000 Erkrankte am Coronavirus. In Österreich sind derzeit allein an der Influenza-Grippe und ähnlichem – wie es im Fachjargon heißt – 190.000 erkrankt. Wenn man diese Zahlen vergleicht, ist die Aufregung nicht reine Hysterie?

Rudolf Anschober: Deswegen sage ich ja immer, dass keine Panik angebracht ist. Aber wir müssen ruhig, ernsthaft und mit großer Vorsicht und Aufmerksamkeit mit dieser globalen Problematik umgehen. In China ist das Coronavirus tatsächlich ein dramatisches Problem mit bereits vielen Todesfällen und einer völlig ungewissen Weiterentwicklung. Wichtig ist daher für Österreich und Europa, volle Transparenz zu leben und konsequent alle Sicherungsmaßnahmen vor einem Übergreifen der Epidemie zu setzen.

Seit Donnerstag gibt es Temperatur-Scans am Flughafen Wien. Bei Passagieren aus China wird die Temperatur bereits ab Abflugort geprüft, während des Fluges und nun auch bei der Ankunft. Ist die dritte Kontrolle nur Show?

Es ist eine Zusatzmaßnahme, eine Ergänzung der Sicherungskette. Ich bin der Meinung, lieber eine Maßnahme zu viel, als zu wenig. Wir wissen nicht wirklich, wie und was in China beim Abflug kontrolliert wird. Im Flieger gibt es nur im Anlassfall beim Auftreten konkreter Symptome Maßnahmen. Zusätzlich lassen wir im Flugzeug einen Gesundheitsfragebogen ausfüllen, damit wir im Anlassfall rekonstruieren können, wer waren die Sitznachbarn und wo hat sich der Passagier in den letzten zwei Wochen aufgehalten. Damit kann man eine Ausbreitung besser unterbinden, falls eine Erkrankung gegeben wäre.

Wo liegt der Unterschied zwischen Influenza und dem Coronavirus?

Die Weltgesundheitsorganisation ist besorgt, weil man noch sehr wenig über das Coronavirus weiß. Die Fragezeichen sind: Wird das Coronavirus mutieren? Wie wird sich die Ansteckungswahrscheinlichkeit entwickeln? Können wir ein Übergreifen auf Europa verhindern? Und vor allem: Es gibt keinen Impfstoff dagegen. Das ist der größte Unterschied zur Influenza-Grippe – hier hätten wir einen Impfstoff, aber viele von uns schützen sich trotzdem nicht. In der aktuellen Situation ist in Österreich die Influenza-Grippe größere Risiko für Österreich. Wir haben pro Jahr rund 1000 Todesfälle. Die Impfquote liegt aber trotzdem unter zehn Prozent.

Was ist der Grund für diese Impfträgheit?

Das ist mir selbst ein Rätsel. Wir haben uns an die Grippe offenbar gewöhnt. Jeder kennt sie, seit der Kindheit.

Als der SARS-Virus vor 18 Jahren ausbrach, gab es auch eine weltweit Sicherheitsmaßnahmen. Warum werden neue Viren, die in China auftreten, als so gefährlich eingestuft?

In der hauptbetroffenen chinesischen Metropole Wuhan leben elf Millionen Menschen auf sehr engem Raum. Dadurch steigert sich das Ansteckungspotenzial enorm. Der zweite Punkt ist der Standard des Gesundheitssystems. In machen Regionen Chinas gibt es einen geringeren Standard etwa bei der Erreichbarkeit des nächstgelegenen Spitals. Und mein Eindruck ist: eine Demokratie reagiert auf Krisen schneller.

Trotzdem schaffen es die Chinesen, innerhalb von sieben Tagen ein neues Spital zu errichten. In Österreich endet der Spitalsbau oft in einem veritablen Skandal?

Das ist natürlich nicht vergleichbar. Und dieser Kraftakt hat weniger mit einem guten Gesundheitssystem zu tun, als mit einer anderen Vorgangsweise. In einer Demokratie ist so ein Projekt schwieriger umsetzbar. China hat dieses Modell gewählt, weil es sich bei der Bekämpfung von SARS bewährt hat. Der Virus konnte damals effektiv behandelt werden, weil in diesem Spital isoliert ausschließlich Virus-Erkrankte behandelt wurden.

Apropos Demokratie: Hat China mit seiner restriktiven Politik beim Coronavirus versagt, weil es die Warnungen nicht hören wollte?

Nach unserem bisherigen Informationsstand hat China sehr spät auf den Ausbruch reagiert und damit wertvolle Zeit verloren.

Sie können sich sicher noch an den Skandal erinnern, als Maria Rauch-Kallat 2006 Millionen Grippeschutzmasken anschaffen ließ. Gibt es genug Grippemasken?

Ich lasse gerade prüfen, ob die Grippemasken von damals noch einsatzfähig wären, auch wenn das Ablaufdatum schon überschritten ist. Aber es gibt ausreichend Grippemasken. Da geht es vor allem um die Mitarbeiter im Gesundheitssystem. Was die Masken für die Bevölkerung betrifft, muss man sagen, dass die Masken nicht vor Viren in der Luft schützen, sondern nur, wenn mich mein Gegenüber anniest oder anhustet.

2012 hatten Sie ein Burn-out. Haben Sie einen Plan, wie Sie das Ministeramt anlegen, damit die Work-Life-Balance passt?

Diesen Plan habe ich seit 2012. Die Ursache, dass ich erkrankt bin, war, dass ich nicht mehr ausreichend auf mich geachtet habe. Der Energiezufluss muss zumindest genau so groß sein, wie die Investition in die Arbeit. Das habe ich damals aus den Augen verloren. Ich dachte, ich kann die notwendigen politischen Veränderungen – zum Beispiel zur Bekämpfung der Klimakrise – erzwingen. Es gibt dafür ein sehr schönes Sprichwort aus Sambia: "Der Grashalm wächst nicht schneller, auch wenn du daran ziehst."

Was haben Sie aus dieser Krise gelernt?

Man kann nichts erzwingen und man kann nicht mit dem Kopf durch die Wand, auch wenn man überzeugt ist, dass deine Ziele wichtig und positiv sind. Heute gibt es neben der Arbeit genug Zeit für meine Balance. Meine Qi Gong-Übungen am Morgen sind mir genauso wichtig wie die Pressekonferenz über die Temperatur-Scans. Oder die Laufrunde jeden zweiten Tag oder die tägliche große Runde am Morgen und am Abend mit meinem Hund. Das ist mein Weg wie ich zur Balance komme. Das darf auch ein Ministeramt nicht ändern.

Welche Symptome hatte das Burn-out bei Ihnen?

Das hat sich damals über Monate gezogen. Ich habe extrem schlecht geschlafen, bin nachts um zwei Uhr aufgewacht und hatte in diesen Stunden dann statt zu schlafen nur mehr die Arbeit im Kopf. Das hat darin geendet, dass ich mich kaum mehr auf Texte konzentrieren konnte. An diesem Punkt musste ich mir eingestehen, dass ich ein Problem habe. Die einzige effektive Gegenmaßnahme war eine Auszeit. Ich hatte damals das Privileg, drei Monate pausieren zu können. Das kann nicht jeder. Dafür muss man extrem dankbar sein. Hier möchte ich als Gesundheitsminister auch etwas ändern. In dieser Zeit habe ich herausgefunden, was ich für meine Work-Life-Balance brauche.

Sie haben sich für den Neustart der Rettungsaktion Sophia ausgesprochen: Das hat Ihnen einen Dissens mit Außenminister Alexander Schallenberg eingebracht, der meinte, Sie haben das nicht zu entscheiden. Werden Sie sich künftig nur noch zu Sachthemen äußern?

Ich habe meine Haltung in verschiedenen wichtigen politischen Themen – vor allem was Asyl und Integration betrifft, und die gebe ich an der

Garderobe zum Ministerrat nicht ab. Ich engagiere mich weiter für diese Themen und für meine Ziele und möchte für Verbesserungen in diesem Land arbeiten. Ich habe auch ohne Mitglied der Regierung zu sein, in zwei Jahren entscheidende Verbesserung für Asylwerber in Lehre durchgesetzt. Ich bin auch in der Politik ein Marathonläufer. Wenn ich Ziele habe, steure ich die sehr nachhaltig an.

Das heißt Sie werden künftig beim Migrationsthema nicht schweigen?

Ich werde auch da dran bleiben, aber in einer guten Kultur.

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