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Interview
06/20/2020

"Verstehen wir Gott, verstehen wir die Welt nicht zu schnell!"

Salzburgs Erzbischof Franz Lackner, der neue Vorsitzende der Bischofskonferenz, über die Lehren aus der Corona-Krise und den Grundwasserspiegel des Glaubens.

von Rudolf Mitlöhner

KURIER: Herr Erzbischof, der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, hat in seinem Gratulationsschreiben an Sie geschrieben, die Corona-Pandemie habe einmal mehr gezeigt, „dass die Kirche mit ihrer Stimme und ihrem Dienst präsent in der Gesellschaft ist“. Genau diesen Eindruck der Präsenz der Kirche gerade in der Krise haben viele Gläubige nicht.

Franz Lackner: Das halte ich für ein Vorurteil. Ich würde schon sagen, dass wir präsent waren. Und wir haben uns auch nicht – wie vielfach behauptet – vom Staat lenken lassen. Es gab Vorgaben, an denen wir uns orientiert haben. Aber wie wir etwa die Gottesdienste gestalten, das waren unsere Entscheidungen. Man muss sich vor Augen halten: es war eine bisher ungekannte Situation. Ich habe mich viel mit Johannes Duns Scotus (schottischer Theologe; 13. Jh.) befasst, der ein hohes Gefühl dafür hat, was Einzigartigkeit bedeutet: Es gibt davon keine Allgemeinkenntnis – wir haben keine Erfahrung damit. Zum Beispiel: gäbe es nur einen einzigen Baum auf der Welt, er wäre für uns nicht erkennbar. Diese Pandemie hatte einen ähnlichen Charakter. Dass es bei uns nicht so schlimm wurde wie in Italien, hat ja auch mit der strengen Einhaltung der Maßnahmen zu tun. Und hier haben die Gläubigen einen großen Beitrag geleistet: Hunderttausende sind zu Ostern nicht in die Kirche gegangen. Das gehörte durchaus bedankt.

Lässt sich für die Kirche etwas lernen aus dieser Krise?

Wir haben vor allem gelernt: Nichts ist selbstverständlich. Wir haben uns daran gewöhnt, immer aus dem Vollen schöpfen zu können, auch in Glaubensdingen. Dem ist nicht so – man muss auch mit weniger zufrieden sein. Es gibt den schönen Satz: Gott will mit weniger mehr machen. Wir brauchen so etwas wie eine theologische Nachhaltigkeit.

Manche befürchten ja auch, die Menschen könnten sich daran gewöhnt haben, dass es auch ohne Gottesdienstbesuch geht. Oder dass sich wieder alles auf den zelebrierenden Priester hin konzentriert …

Das mag auf einzelne zutreffen. Generell meine ich aber, dass es eher ein Kennzeichen unserer Zeit ist, dass die Menschen glauben, es geht auch ohne Gott, und erst recht ohne Kirche.

Aber Krisenzeiten sind ja auch solche, in denen die Menschen eher wieder sich der Religion zuwenden, Stichwort: Not lehrt beten, oder?

Man muss hier zwischen Ursache und Anlass unterscheiden. Simon Wiesenthal hat berichtet von Gläubigen, die ins KZ gekommen sind und angesichts des Schreckens den Glauben verloren haben; und von Ungläubigen, die im KZ zum Glauben gefunden haben. Eine zwingende Richtung von der Not zum Beten gibt es sicher nicht. Was wir uns als Kirche fragen müssen, ist: Haben wir alles getan, was wir tun können? Was wir damit bewirken, steht nicht in unserer Verfügung, eine klare Kausalität gibt es hier nicht.

Sie haben in einer ersten Stellungnahme nach Ihrer Wahl zum Vorsitzenden der Bischofskonferenz für eine „neue Nachdenklichkeit“ plädiert: wie das Wesentliche des Glaubens, das Evangelium mit seiner Botschaft der Menschenfreundlichkeit Gottes, noch verstärkt werden könnte. Haben Sie konkreten Ansätze dazu?

Ich glaube zunächst, dass eine solche Nachdenklichkeit wichtig ist. Der Prager Priesterphilosoph Tomáš Halík spricht von einer „Distanz der Kontemplation“. Es geht darum, sich eines vorschnellen Urteils zu enthalten. Natürlich muss man dann hinausgehen, aktiv werden – aber zunächst gilt es einmal innezuhalten, nicht alles gleich zu „wissen“, das tut auch Institutionen sehr gut. Verstehen wir Gott, verstehen wir die Welt nicht zu schnell!

Ihr früherer Diözesanbischof Egon Kapellari hat immer wieder das Bild vom sinkenden Grundwasserspiegel des Glaubens verwendet. Muss sich die Kirche damit einfach abfinden, oder könnte sie etwas tun, um ihn wieder ansteigen zu lassen – und wenn ja, was?

Die Kirche wird nicht umhinkönnen, die Gottesfrage radikal zu stellen. Wo lässt sich Gott in unserer Wirklichkeit finden? Das fehlt mir manchmal. Ich bin aber vorsichtig bei Gruppierungen, die vorschnelle Antworten liefern, um den Glauben neu zu entfachen. Der Grundwasserspiegel, das ist sozusagen die kirchliche Normalität – dafür braucht es viel Geduld.

Sie sind seit 2002 Bischof, da war noch Johannes Paul II. Papst. Ihr Amtsantritt als Salzburger Erzbischof fällt ins selbe Jahr wie die Wahl von Franziskus zum Papst. Wie hat sich die Kirche durch ihn geändert?

Der jetzige Papst ist immer wieder für Überraschungen gut. Da sind einmal die Synoden – zu Jugend, Familie, Amazonien, sein Lehrschreiben „Laudato si’“. Auch sein postynodales Schreiben zur Amazonien-Synode, die übrigens zeitweise von den Europäern instrumentalisiert worden ist: Er hat nicht wie früher einfach das Abschlussdokument übernommen, es wohl sehr gelobt – aber dann etwas Eigenes vorgelegt. Das ist der Papst: Er traut uns Weite zu. Ein theologischer Glücksgriff war das Schreiben „Amoris laetitia“: Er mahnt uns, dem gebrochenen Menschen weit entgegen zu gehen. Der einzelne ist der Adressat Gottes. Da hat sich schon sehr viel bewegt …

… und wird sich noch mehr bewegen?

Das weiß ich nicht. Aber wir müssen einmal realisieren, was sich schon getan hat und was schon möglich ist.

Als Vorsitzender der Bischofskonferenz werden Sie künftig wohl verstärkt auch auf die anderen sogenannten „heißen Eisen“, also Frauenweihe und Zölibat, angesprochen werden. Wie wollen Sie sich da positionieren?

Ich möchte zunächst einmal genau zuhören. Die österreichischen Bischöfe bereiten sich auf den Ad limina-Besuch im kommenden Jahr beim Papst vor. Das ist der Ort und die Gelegenheit, die Fragen der Menschen zu erörtern. Was ich nicht will: falsche Hoffnungen wecken. Vielleicht gibt es aber Antworten, an die wir im Moment gar nicht denken.

Sie haben sich in einer Stellungnahme – ohne den konkreten Fall und die Person zu nennen – deutlich gegen eine Aussage von FPÖ-Chef Norbert Hofer gewandt, wonach der Koran gefährlicher als das Coronavirus sei. Was aber sagen Sie jenen Menschen – darunter sicher auch Katholiken und Christen –, denen die zunehmende Präsenz des Islams in Österreich und Europa Sorge bereitet?

Dass es den Islam in Europa gibt, ist zunächst einmal anzuerkennen. Auch Christen sind in die ganze Welt hinausgegangen. Jede Religion muss sich heute auf dem Boden des säkularen Staates bewähren. Religionsfreiheit, auch negative Religionsfreiheit, gilt es zu respektieren; und da muss man sich auch der Kritik stellen. Aber generelle Abwertungen von Religionen sind strikt zurückzuweisen, das gehört sich einfach nicht.

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