Politik | Inland
26.11.2017

FPÖ auf der Suche nach Vorzeige-Frauen abseits der Mädelschaften

Lange galt Straches FPÖ als Männerpartei – seit der Wahl stellen Frauen 21 Prozent der Mandatare.

Sie sind mit Vorurteilen konfrontiert und bedienen sie teils: Elf Politikerinnen sitzen für die FPÖ im Parlament; eine im Spitzenteam, das die Koalition paktiert. Im KURIER sprechen sie über ihre Haltungen, Familien und Kritik von politischen Gegnern.

"Bin eine glühende Österreicherin"

Anneliese Kitzmüller (58).

Ein unbeschriebenes Blatt war sie nie – wohl aber vielen bis zu den türkis-blauen Koalitionsverhandlungen unbekannt. Die einzige Frau im fünfköpfigen FPÖ-Chefverhandlerteam deckt für Kommentatoren wie FPÖ-Kenner den rechten Flügel der Partei ab. Als der Verfassungsgerichtshof das Adoptionsverbot für Homosexuelle aufhebt, spricht die zweifache Mutter (Hans, 30; Marie,28) von einem "schwarzen Tag für unsere Kinder"; den "Papa-Monat" sieht sie kritisch. Genährt wird das Image der Mühlviertlerin unter anderem durch ihre Aktivitäten in der Mädelschaft "Iduna zu Linz" und dem vom Dokumentationsarchiv als rechtsextrem eingestuften Magazin Die Aula.

"Ich habe einen Artikel über das Familienbild und die Familienpolitik, die ich vertrete, geschrieben. Ich muss mich mit der Zeitung nicht zu 100 Prozent identifizieren. Sie haben mich gefragt und ich habe geschrieben. Wenn mich der Falter gefragt hätte, hätte ich auch Ja gesagt." sagt Kitzmüller zum KURIER. In der akademischen Mädelschaft, die dem Wahlspruch "Einig, treu und wahr!" folgt, gehe es darum, Mädchen "auf das Studium vorzubereiten und ihnen auch österreichische Geschichte nahezubringen. Oft hört ja der Unterricht nach dem Zweiten Weltkrieg auf. Es geht um viel mehr: Was ist Österreich, die K.-u.-k.-Monarchie? Oder die Altösterreicher deutscher Muttersprache, die aus den K.-u.-k.-Ländern vertrieben worden sind. Seien es die Buchenlanddeutschen, die meine Vorfahren sind, oder die Siebenbürger oder Sudetendeutschen. Wir zeigen auf, was auch diese Gruppen beim Wiederaufbau Österreichs geleistet haben. Es ist wichtig, dass die jungen Leute wissen, woher sie kommen."

>>> Kitzmüller und Steger: Zwischen wertkonserva­tiv und liberal

Sie selbst kommt aus Kirchschlag bei Linz, ist seit 1991 Mitglied des dortigen Gemeinderates und seit 2008 Nationalratsabgeordnete sowie freiheitliche Familiensprecherin. Die "glühende Österreicherin" versteht sich als "großer Familienmensch“ und ist mit Mann Wolfgang gerne im Mühlviertel und auf Reisen. "Am liebsten ist es mir, dass wir einfach ins Blaue fahren. Wir machen sehr gerne Hausbootfahrten, mit Kindern, deren Freunden und Bekannten." Sie sei ein "ehrgeiziger" und ein "fröhlicher Mensch und ja, dem ein oder anderen Scherz nicht abgeneigt." Das bestätigen trotz aller ideologischen Unterschiede auch Parlamentarier anderer Parteien auf KURIER-Nachfrage.

"Viele wissen Rechte, aber nicht Pflichten"

Barbara Kolm (52).

Die FPÖ begreift sich als "soziale Heimatpartei", will einen Mindestlohn von 1500 Euro, eine Mindestpension von 1200 Euro. Sie steht seit 2000 dem Friedrich August von Hayek Institut vor, das sich durch Mitgliedsbeiträge und Sponsoren finanziert, und macht sich u.a. für Flat Tax (Einheitssteuer) stark. Was für einige als neoliberal und mit der FPÖ unvereinbar scheint, das ist für Parteigänger auf Nachfrage kein Widerspruch. Kolm sei eine klassische Vertreterin des wirtschaftsliberalen Flügels – wie dereinst Prinzhorn, Mauthner-Markhof oder Grasser.

>>> Barbara Kolm: "Der Slogan war wohl nicht ganz durchdacht"

Dem SPÖ-Slogan, "Hol’ dir, was dir zusteht", kann Kolm nichts abgewinnen. "In einem Land, das so stolz auf seinen sozialen Ausgleich ist, eine sehr fragwürdige und auch gefährliche Botschaft. Mir begegnen immer öfter Menschen, die bestens über ihre Rechte Bescheid wissen, aber relativ naiv erscheinen, wenn es um ihre Pflichten geht. Der freiheitliche – liberale – Ansatz verbindet Rechte und Pflichten untrennbar."

2016 ist die Innsbruckerin FP-Kandidatin für den Rechnungshofpräsidenten, von 1994 bis 1998 ist sie FPÖ-Parteimitglied, sitzt im Innsbrucker Gemeinderat ehe es zum "Zerwürfnis des Gemeinderatsklubs mit der damaligen Bundesspitze kam", sagt Kolm. Von 2003 bis 2006 ist sie wieder für die FPÖ im Gemeinderat. Winfried Vescoli, Obmann der Freiheitlichen Wirtschaft Tirol, kennt Kolm "seit 30 Jahren als Frau mit Handschlagqualität. Barbara hat einen unglaublich weiten Horizont, redet nie um den heißen Brei und hat es weit gebracht". Die Wirtschaftswissenschaftlerin und Direktorin des "Austrian Economics Center" organisiert seit 2008 die "Free Market Road Show", die heuer in 45 Städten Station machte. "Gut die Hälfte des Jahres verbringe ich im Ausland", so Kolm, die fließend Englisch spricht. "Das Erlernen von Fremdsprachen war in unserer Familie immer sehr wichtig. Meine Eltern und Großeltern haben mir den vielleicht wichtigsten Satz mitgegeben: ,Im Zweifelsfall kannst du nur das mitnehmen, was du im Kopf hast.‘"

Kolm ist verheiratet, verbringt ihre freie Zeit gerne "in den Bergen beim Mountainbiken, Wandern und Skitouren gehen". Mozarts "Zauberflöte" und die "Alpensymphonie" von Richard Strauss gehören zu ihren Lieblingsstücken. "Goethes Faust faszinierte mich von Jugend an, jetzt lese ich neben Fachliteratur sehr gerne historische Romane."

"Halte nichts von Frauenquote"

Dagmar Belakowitsch (49).

"Beinhart", "ehrgeizig", "selten lächelnd." Das ist es, was Politikern unabhängig der Partei ad hoc zur Gesundheitssprecherin einfällt. Und eine Fähigkeit: "Reden kann sie!" Es dauere oft nur zwei Sätze, bis das Wort "Ausländer" fällt, sagt ein Mandatar. "Sie bricht ein Thema oft derart banal herunter, dass es wehtut, dabei ist sie firm in der Materie. Entdeckt sie bei einem Gegner einen Denkfehler, dann kann sie gnadenlos sein." Dass sie 2015 Innenministerin Mikl-Leitner in einer Rede empfiehlt, Flüchtlinge mit Militärflugzeugen abzuschieben, denn "da drinnen können sie schreien, so laut sie wollen" bestätigt für viele ihren Ruf als "Hardlinerin". "Ich stehe zu dem Satz", sagt Belakowitsch im KURIER-Gespräch. "Ich würde ihn wieder sagen. Es gibt eine parlamentarische Anfrage, die zeigt, dass das Magazin Südwind,das auch aus Geldern für die Entwicklungszusammenarbeit finanziert wird, eine Anleitung gibt, wie man sich Abschiebungen widersetzt." (Anmerkung: Das Magazin Südwind stellt seinerseits klar, dass es seit 2017 nicht mehr gefördert wird; der erwähnte Beitrag keine "Anleitung, wie man sich Abschiebungen widersetzt" sei, sondern sich der Frage widmet, was ZeugInnen tun können, wenn eine Abschiebung nicht rechtmäßig verläuft.")

Die zweifache Mutter (Sohn 11 behindert; Tochter, 7) ist mit Norbert Hofers Sprecher verheiratet und "verbringt jede freie Minute mit den Kindern." Sie stammt aus einem "politischen, aber nicht politisch aktiven Elternhaus. Ich bin aufgewachsen im Wien der 70er-Jahre. Wir mussten in der Volksschule die Voest zeichnen". Ein Jahr nach Bruder Hans-Jörg Jenewein tritt sie 1993 der FPÖ bei. "Nicht wegen Haider, sondern wegen der positiven Stimmung mit dem Willen zur Veränderung. Ich habe gezaudert, denn nach dem Medizinstudium wollte ich eigentlich Gynäkologin werden." Die Politik kam dazwischen, sie wird Wiener Bezirksrätin, 2006 Abgeordnete. 2008 ist sie die einzige Frau im FPÖ-Klub. "Ich halte dennoch nichts von Quoten, sehr wohl aber etwas von Leistung." Die Vertraute von Strache und Kickl, den sie "als sehr professionellen Kollegen, mit dem ich kaum Meinungsverschiedenheiten habe" schätzt, wird geschätzt. "Sie ist sehr fleißig, versteht ihr Fach", sagt ÖVP-Gesundheitssprecher Erwin Rasinger. In der Raucher-Debatte plädiert die Nichtraucherin an die Verantwortung des Einzelnen und dafür die Diskussion, "auf eine ehrliche Stufe zu stellen. Rauchen ist ungesund, das weiß jeder. Man tut aber so, als ginge es beim Rauchverbot um die Gesundheit, die Steuermilliarden auf Zigaretten nimmt der Staat aber gern. Gekauft werden sollen Zigaretten, geraucht aber nicht? Das ist unehrlich, fast zynisch. Eine sinnvolle Maßnahme wäre ein Rauchverbot im Auto, wenn Kinder mit sind."
"Das Maximum geben, im Team unterordnen"

Petra Steger (30).

Dass freiheitliche Politiker Journalisten mitunter mit Argwohn begegnen, ist man gewohnt. Bei Petra Steger liegt das Wohl an ihrem Drang zur Perfektion – bis in die gewellten Haarspitzen. Die Worte sorgfältig gewählt, mit tiefer Stimme gesprochen, dabei die Finger ruhig verschränkt am Tisch: so sitzt die 30-jährige Wienerin einem im Interview gegenüber. Fachlich, sagen ihre Kollegen im Parlament, sei die FPÖ-Abgeordnete immer top vorbereitet, Fehler stehen bei der ehrgeizigen Sportlerin auf der No-go-Liste.

Noch heute erzählt man sich, wie sie einst im parlamentarischen Ausschuss stoisch konzentriert das Sport-Gesetz Punkt für Punkt auseinandergenommen und den sonst so sanftmütigen SPÖ-Minister Hans Peter Doskozil zur Rage gebracht hat.

Petra Steger ist die Tochter von Norbert Steger, Ex-Obmann der FPÖ, 1986 gestürzt von Jörg Haider. "In seiner Zeit wäre ich nie zur Partei gegangen. Strache hat mich inhaltlich voll überzeugt, ich habe auch meinen Vater wieder zur Partei gebracht", erklärt sie.

Wo sie politisch steht? Vertreter anderer Klubs schätzen sie als "moderat" ein, eine "ideologische Schlagseite" sei kaum zu spüren. Sie selbst sagt: "Ich halte nichts von Titulierungen. Man macht sich über Themen seine Gedanken, kommt zu einer Conclusio, und manchmal ist die liberal, manchmal konservativ." Gefragt nach dem, was ihr wichtig sei, wird der FPÖ-Einschlag deutlich. " Österreich", sagt sie wie aus der Pistole geschossen. "Ich denke, es ist die Verantwortung eines jeden österreichischen Nationalratsabgeordneten, in erster Linie Politik für die eigene Bevölkerung zu machen." Sport ist ihre Leidenschaft, und wenn sie darüber spricht, sprudelt es nur so aus ihr heraus – als würde sie gerade gedanklich vom Business-Kostüm ins Trikot wechseln. Seit ihrem sechsten Lebensjahr spielt sie Basketball und ist heute Kapitän der "Flying Foxes" in der 1. Liga. "Da lernt man, über seine Grenzen hinauszugehen und das Maximum zu geben", sagt sie. "Aber auch, sich im Team unterzuordnen und gemeinsam für das große Ganze zu kämpfen." Eine Haltung, die sie auch in der Partei einsetze. Steger wird nachgesagt, sie könne Staatssekretärin für Sport werden – sofern der Posten in der neuen türkis-blauen Regierung geschaffen wird. "Es geht überhaupt nicht um Positionen", wiegelt sie ab. Den Fehler, etwas aus den Verhandlungen zu verraten, würde eine Petra Steger nie machen.

"Die blaue Antwort auf Sebastian Kurz"

Marlene Svazek (25).

Ein Satz fällt jedes Mal – bei Vertretern aller Parteien – fragt man sie nach Marlene Svazek; jener 25-Jährigen, die im Vorjahr die 2016 die völlig zerstrittene Salzburger FPÖ übernommen hat: "Sie ist ein politisches Talent." Ein Parteikollege bezeichnet sie ob ihrer steilen Karriere sogar als "die blaue Antwort auf Sebastian Kurz".

Politisch geformt hat sie Harald Vilimsky. Svazek studierte Politikwissenschaft in Salzburg, war FPÖ-Landesparteisekretärin, als sie für ein Jahr als seine Assistentin und Beraterin im EU-Parlament arbeitete. "Die Zeit in Brüssel war für sie sicher prägend, weil sie mit internationalen Politikern in Kontakt kam, gelernt hat, sich trittsicher am politischen Parkett zu bewegen. Ich glaube, das fehlt ihr, das gibt es in Salzburg nicht", sagt Vilimsky, der ihren "analytischen Verstand" schätzt.

Das Gerücht, Svazek fühle sich in Wien zu Höherem berufen, stimme nicht, betont sie selbst: "Ich konnte bei der Nationalratswahl auf Platz 4 angetreten, was ein starkes Signal war, dass ich mehr als nur das ‚junge, hübsche Gesicht‘ der Partei bin. Ich wollte aus der Deckung kommen und zeigen, wer ich bin." Das Mandat gebe sie aber nach der Landtagswahl in Salzburg wieder ab – da will sie dann FPÖ-Klubchefin werden, mindestens. Der Landespartei wird unter ihrer Führung zugetraut, zweitstärkste Kraft hinter der ÖVP zu werden.

Politisch hat Svazek in Salzburg mangels Mandat (noch) kaum Macht oder Profil, selbst für gestandene Landespolitiker ist sie kaum einzuschätzen. "Sie ist frech – im positiven wie negativen Sinne. Und sie hat den Mut, über Dinge zu reden, von denen sie keine Ahnung hat", sagt ein politischer Mitbewerber bei der anstehenden Wahl im April. Dass man sich auf die junge, zierliche Frau mit den rehbraunen Augen keinen Reim zu machen vermag, erklärt sich Svazek selbst mit ihrem Wesen: "Ich gehe auf jeden offen zu, das irritiert viele offenbar, weil ich dieses Klischee der Blauen halt nicht erfülle." Mit jemandem per Sie zu sein, fände sie "komisch", in freiheitlicher Tradition politisch zu polarisieren sei "nicht ihre Art", erklärt sie: "Man muss nicht immer 110 Prozent geben, man wird auch bei 100 gehört." Gehört werden: das versucht Svazek bei ihrem Hobby übrigens zu vermeiden. Die 25-Jährige lernt gerade autodidaktisch E-Gitarre – mit Kopfhörern, "um die Nachbarn nicht zu belästigen", wenn sie das komplizierte Intro von "Hotel California" übt.