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Politik | Inland
01/12/2019

FPÖ gegen Caritas: „Auf dem Rücken der Ehrenamtlichen“

50.000 Freiwillige setzen sich bei der Caritas für den guten Zweck ein. Ist der Angriff der FPÖ auch ein Angriff auf sie?

Eigentlich müsste Jutta Camen für eine Prüfung lernen. Stattdessen aber sitzt die 22-jährige Studentin in einem Café beim Wiener Westbahnhof und übt Malrechnen. Nicht für sich, sondern um Farzana M. aus Afghanistan Nachhilfe zu geben. „125 mal 24 – kannst du das einmal versuchen?“, fragt Camen.

Die Niederösterreicherin ist eine von 120 Studenten, die bei der gemeinsamen Initiative „Lernen macht Schule“ von der Caritas und der Wirtschaftsuniversität freiwillig mithelfen. Dabei unterstützen sie 240 Kinder und junge Erwachsenen aus sozial benachteiligten Familien beim Lernen. Seit vier Jahren trifft sie sich einmal in der Woche mit Farzana M., um ihr Deutsch zu verbessern oder bei Hausübungen zu helfen. Camen ist diese Art der ehrenamtlichen Betätigung ein Herzensanliegen: „Ich möchte etwas zurückgeben und anderen Leuten helfen.“

"Kommt Gesellschaft zugute"

Umso mehr empören sie die aktuellen Angriffe der FPÖ auf die Caritas. „Ich finde es krass solche Behauptungen in den Raum zu stellen. Erstens gibt es einen Unterschied zwischen Umsatz und Profit. Die Caritas ist eine NGO und nicht auf Gewinn ausgelegt. Das ist in der Diskussion völlig untergegangen.“ Und zweitens würde völlig außer Acht gelassen, dass Arbeit mit Flüchtlingen nicht nur den Flüchtlingen zugutekomme, sondern der ganzen Gesellschaft.

Kurzer Rückblick: Knapp vor Weihnachten ortete Caritas-Präsident Michael Landau ein „Empathie-Defizit“ bei der türkis-blauen Regierung. Daraufhin warf FPÖ-Klubchef Johann Gudenus der Hilfsorganisation „Profitgier“ im Zusammenhang mit Flüchtlingen vor. Anfang des Jahres legte Generalsekretär Christian Hafenecker noch einmal nach und sprach von einer „Asylindustrie“.

Seitdem herrscht politisches Hickhack. So nannte Ex-Raiffeisen-General Christian Konrad – einst Flüchtlingskoordinator - die Freiheitlichen „Rotzbuben“. Daraufhin erwiderte FPÖ-Generalsekretär Harald Vilimsky, dass die „von ihm mitbetriebene Willkommenskultur“ abgewählt worden sei. Einen Tag darauf rief Caroline Edtstadler, ÖVP-Staatssekretärin im Innenministerium, Caritas und FPÖ zur Mäßigung auf. Das sorgte für Kritik seitens der SPÖ. Klubobmann Jörg Leichtfried prangerte an, dass der Appell auch an Caritas-Präsident Landau gerichtet war. Und zuletzt meldete sich sogar Bundespräsident Alexander van der Bellen zu Wort, bezeichnete die Kritik der Caritas als legitim und die Beflegelung durch die FPÖ als „nicht in Ordnung“.

2.500 Freiwillige bei Integration

Was zwischen all den Presseaussendungen und –statements bisher untergegangen ist: die rund 50.000 Freiwilligen der Hilfsorganisation, wovon etwa 2.500 im Bereich Asyl und Integration tätig sind.

Jutta Camen gibt Farzana M. ein neues Rechenbeispiel und nimmt einen Schluck von ihrem Tee. Man sieht ihr an, dass sie sich gerne Zeit für die 21-jährige Afghanin nimmt. Und dass jede richtig gelöste Aufgabe auch ein kleiner Erfolg für sie ist. Mittlerweile seien die beiden Freundinnen, sie gehen gemeinsam Radfahren oder ins Kino. „Was mich wirklich stört, ist, dass der Begriff Gutmensch ein Schimpfwort ist. Die Politiker diffamieren uns Freiwillige damit und machen Politik auf dem Rücken der Ehrenamtlichen. Dabei tun wir doch nur etwas Sinnvolles.“

Tatsächlich ist der Staat auf Hilfsorganisationen und Ehrenamtliche wie Camen angewiesen – in der Pflege, in der Betreuung von Menschen mit Behinderung und eben in der Flüchtlingshilfe. 2015, im Jahr des großen Flüchtlingsansturms, bat die österreichische Regierung Hilfsorganisationen wie die Caritas und das Rote Kreuz um Unterstützung. Der Wunsch damals war, Quartiere für Flüchtlinge zu schaffen. Hätten NGOs und unzählige Freiwillige damals nicht vielerlei Aufgaben übernommen, wäre das dem Staat wesentlich teurer gekommen. Denn dafür hätte er zusätzliches Staatspersonal einstellen müssen, und das ist teuer.

Zwar werden der Hilfsorganisation Dienstleistungen vom Staat teilweise abgegolten. Von „Profit“ sei jedoch keine Rede, wie die Caritas gegenüber dem KURIER betont: „Zu keinem Zeitpunkt hat die Caritas von dem Entgelt profitiert. Im Gegenteil waren und sind viele der vorgesehenen Leistungsentgelte bei weitem nicht kostendeckend und die Caritas auf zusätzliche Spenden angewiesen.“ So sei es etwa mit den aktuellen Tagsätzen nicht möglich, eine WG für unbegleitete minderjährige Flüchtlinge zu führen. Da helfen oft nur Spenden, die 2017 8,3 Prozent des gesamten Caritas-Budgets ausmachten.

Gemeinnützigkeit ist in Österreich gesetzlich geregelt. Ihre Mittel investiere die Caritas ausschließlich in die Verwirklichung gemeinnütziger Zwecke, heißt es von Seiten der Organisation. Die Flüchtlingshilfe macht dabei nur einen kleinen Teil ihres Tätigkeitsfelds aus. Bei einem Budget von circa einer Milliarde Euro werden 20 Prozent für Asyl, Migration und Integration verwendet.

Projekt seit 2010

Vom Projekt „Lernen macht Schule“, das 2010 startete, ist nicht nur Jutta Camen überzeugt. Auch Farzana M. ist sich sicher, dass sie ohne Camen nie so schnell Deutsch gelernt hätte. Die schüchterne, junge Frau mit dem sorgfältig drapierten Kopftuch kam als 16-Jährige mit ihrer Mutter und Schwester nach Österreich – als Analphabetin, da sie in Afghanistan keine Schule besuchen durfte. Nun absolviert sie als anerkannter Flüchtling das Jugendcollege an der Volkshochschule, um später ihren Hauptschulabschluss nachholen zu können. In Jutta Camen hat M. nicht nur eine Lehrerin, sondern auch eine wichtige Bezugsperson gefunden. „Ich erzähle ihr alles. Ich vertraue ihr sehr.“

Dabei galt es am Anfang durchaus Hürden zu meistern. Camen: „Am Anfang war die Sprachbarriere sehr groß. Allein schon einen Termin mit ihr zu vereinbaren war eine Herausforderung. Und dann musste ich vor allem Deutsch mit ihr lernen.“

Wertevermittlung

Mittlerweile würden es bei den Treffen der beiden nicht nur um Deutsch und Mathematik, sondern auch um Themen wie Werte und Gleichberechtigung gehen. „Wir diskutieren viel darüber. Und mittlerweile ist Farzana soweit, dass sie erst einmal eine Ausbildung machen und einen Beruf ausüben will, bevor sie über Kinder nachdenkt“, sagt Camen. Was Farzana M. werden will, weiß sie noch nicht so genau: „Entweder Friseurin, Zahnarzthelferin oder Automechanikerin“, sagt sie.

Jutta Camen und Farzana M. umarmen sich zum Abschied. „Liebe Grüße an deine Mama“, sagt Camen und packt ihre Sache. Der Abschied ist kein langer, am Wochenende gehen die beiden gemeinsam klettern.