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Politik Inland
04/04/2020

Faßmann: "Wenn 1,1 Mio. Schüler den Stift fallen lassen, hilft das niemandem"

Der Bildungsminister zur Frage, wann die Schulen wieder aufsperren, ob die Ferien gekürzt werden und ob die Matura stattfindet.

von Bernhard Gaul

KURIER: Nach welchen Kriterien wird entschieden, wann die Schulen wieder aufsperren können?

Heinz Faßmann: Das ist eine Entscheidung der Bundesregierung und des beratenden Krisenstabes. In diesem sind eine Reihe von Wissenschaftlern, Virologen, Epidemiologien, Statistikern, es ist also eine Entscheidung, die auf Fakten basiert. Der wesentliche Parameter ist dabei die Entwicklung der Neuinfektionen, die Anzahl soll konstant oder besser noch rückläufig sein.

Sie gehen nicht davon aus, dass die Schulen erst wieder im September öffnen werden?

So ist mein Plan und meine Absicht, abhängig von der Gesamtsituation.

Es werden aber nicht alle 1,1 Millionen Schüler auf einmal wieder in die Schule zurückkehren können. Planen sie da einen Stufenplan?

Ein Stufenplan hieße, dass zuerst nur die Schulstufen kommen können, wo es besonders wichtig ist, also 4., 8., und 12. Schulstufe. Ein Teil nur am Vormittag, einer nur am Nachmittag ginge auch, das müssen wir noch durchdenken.  Das würde für die Schule eine Art Entdichtung bedeuten, dass nicht gleich alle in der Schule sind und wir eine Ausdünnung erzielen, damit die Infektionskette nicht sofort wieder anspringt.

Wir sind nun an einem Punkt angelangt, wie das noch nie jemand erlebt hat, dazu kommt eine Rekordarbeitslosigkeit und eine auch für Familien eine unklare Situation, wie es weitergeht. Ist Ihnen und dem Ministerium klar, was das für die Eltern und Kindern eigentlich heißt? Machen Sie alles, was derzeit möglich und nötig ist, um diese Situation bestmöglich zu gestalten?

Das ist unsere Intention, diese Situation wirklich bestmöglich zu gestalten. Auch eine Situation, wo wir keine Masterpläne aus der Tasche ziehen können, weil es in der Geschichte nichts vergleichbares gab. Wir versuchen hier, die Belastung auf viele Schultern zu verteilen. Wenn die Eltern mir rückmelden, dass die Belastung zu groß ist, dann reagieren wir auch und sagen, bitte, liebe Lehrerinnen und Lehrer, weniger Druck ins System hinein. Jetzt ist sicher nicht die Zeit der größten Expansion des Lehrstoffes.

Bei bisher über 200.000 Kündigungen in nur zwei Wochen werden auch viele Eltern andere Sorgen haben, als mit ihren Kindern für die Schule daheim zu üben. Kann auf diese Situation überhaupt ausreichend eingegangen werden?

Wir haben das im Auge, gesamtheitlich, es ist ja ein gesamtgesellschaftliches Problem. Ich kann nur nicht jenen folgen, die deshalb fordern, bei der Schule gar nichts mehr zu machen und den Laden zu schließen. Denn ich sehe auch hier, dass es zur Bewältigung der Situation besonders wichtig ist, so etwas wie eine Tagesstruktur hineinzubekommen. Was wir machen, über das distance learning, wie gut oder mäßig das auch immer funktioniert, bedeutet Tagesstruktur für die Kinder. Das ist noch immer das beste Rezept, um schwierige Situationen zu bewältigen. Da denke ich an Viktor Frankl, der ja immer sagte: Wir brauchen eine Aufgabe. Dann können wir auch mit schwierigen Situationen umgehen.

Also unterm Strich planen sie schon so, dass es in diesem Schulsemester noch Unterricht geben wird?

Ja, denn wenn 1,1 Millionen Schüler den Stift fallen lassen, hilft das niemandem.

Der KURIER hat viele eMails auch von Schülern bekommen. Von den Sängerknaben kam etwa die Forderung zu den ausstehenden Prüfungen: „Wir verstehen, dass die Zentralmatura die Idee einer gleichen Bewertung für alle vertritt. Aber lohnt es sich, damit eine andersartige Ungleichbehandlung, nämlich durch unterschiedliche Familienverhältnisse, soziale Schichten, unterschiedlichen Zugang zu elektronischen Medien und unterschiedlich gebildeten Eltern einzuhandeln?

Ich bin mir sicher, dass die Voraussetzungen daheim sehr unterschiedlich sind. Auch wenn ich an der Zentralmatura festhalte, auch terminlich, werden wir sicher Wege finden, dass diese Zentralmatura auf das Coronajahr Rücksicht nimmt, das ist doch keine Frage.

Das gilt auch für Schularbeiten und Tests?

Aufgrund der langen Zeitspanne werden viele Schularbeiten und Tests entfallen, und die werden wir sicher nicht nachholen können. Aber wir müssen ja den Lehrern die Möglichkeit geben, das Schuljahr abzuschließen. Wenn es dafür eine Prüfung braucht, wird man die auch machen.

Anders gefragt: Kann man in diesem Corona-Schuljahr ein „Nicht genügend“ im Zeugnis eigentlich argumentieren?

Das kann sicher nicht der Bildungsminister, das müssen wir den Lehrern überlassen. Und diese muss ich nicht extra darauf hinweisen, dass sie besondere Rücksicht auf diese schwierige Situation nehmen sollen. Bis zum 16. März, bis zur Schulschließung, haben wir ja fast ein Dreivierteljahr hinter uns gebracht. Da liegen bereits viele Leistungsnachweise vor.

Muss man weiter die Kosten zahlen für Mittagessen, Nachmittagsbetreuung oder Hort?

Wir haben für den Bundesbereich, für den ich zuständig bin, klar gesagt: Wenn man etwas nicht konsumiert, dann muss man dafür auch nicht zahlen und haben Abstand genommen von der Einhebung der Gebühren für Internate, Horte und ganztägige Schulformen. Das ist schon eine klare Ansage unsererseits.

Und was ist mit den vielen privaten Anbietern, die ja Miete und Personal weiterzahlen müssen?

Denen kann ich das nicht vorschreiben. Ich habe ihnen nahegelegt, sich die Modelle des Bundes anzusehen. Aber rechtliche Handhabe habe ich da keine.

Welche Vollmachten und Möglichkeiten haben Sie jetzt vom Parlament bekommen?

Zuerst einmal die Möglichkeit für einen Härtefallfonds, der für die Stornierung von Schulveranstaltungen aufkommen wird. Das ist mir auch wichtig, um die Eltern zu entlasten und ein bisschen Druck herauszunehmen. Bei den Unis geht es um eine Ausnahmeregelung, wenn Forschungsprojekte nicht abgeschlossen sind, aber die befristeten Verträge für die Forscher auslaufen. Diese wollen wir verlängern können, damit sie die Projekte nach Corona abschließen können. Und eine Verordnungsregelung für die Festlegung von Fristen, wann endet das Sommersemester, wann endet die Nachfrist des Wintersemesters? Damit das nicht 22 öffentliche Universitäten und 21 Fachhochschulen uneinheitlich machen. Es geht also um Stabilität für das System.

Wird die Schulzeit in die Ferien verlegt, im Juli oder August?

Nein, die Sommerferien werden nicht angegriffen.

Eine Web-Umfrage von Peter Hajek zeigt, dass die überwiegende Mehrheit der Eltern sagt, sie hätten kein Problem damit, dass die Schule bis in den Juli verlängert wird, auch um mehr als zwei Wochen. Dennoch ziehen Sie das nicht in Betracht?

Zum jetzigen Zeitpunkt kann ich das nicht sagen, weil auch das von der weiteren Entwicklung abhängig ist. Was konkreter geplant ist, ist eine Art „sommerschool“ einzurichten. Insbesondere für jene Schüler, wo es eine Notwendigkeit gibt, oder die sich besonders schwergetan haben, und auch für die außerordentlichen Schüler. Bevor sie in ein neues Schuljahr mit möglichen Defiziten gehen, sollten sie eine Gelegenheit bekommen, diese Defizite ausgleichen zu können.

So ein System mit Nachhilfe über den Sommer war schon im Regierungsprogramm festgelegt, wo Junglehrer helfen sollen. Das kommt jetzt als sommerschool?

Ja, daran wird beschleunigt gearbeitet. Das betrifft aber eben vor allem jene knapp sieben Prozent der Schüler, die wir jetzt nicht oder kaum erreicht haben. Aber auch außerordentliche Schüler, also Schüler mit Defiziten.

Das wird also kein Angebot für alle Schüler sein?

Das Angebot wird weitreichend sein als Förderprogramm für jene mit Defiziten. Aber nein, nicht für Vorzugschüler. Den Ehrgeiz braucht es an der richtigen Stelle. Es geht ja um eine gute Einteilung unserer Ressourcen, und die Frage, was uns wichtiger ist. Und das ist vorerst einmal die Hilfe für Schüler mit Lerndefiziten.

Was sind die Erfahrungen über die Schulen? Da wird es doch auch jene geben, die dieses distance learning ganz hervorragend machen und jene, die das weniger gut machen.

In Zeiten wie diesen, ist die Managementqualität der Direktorinnen und Direktoren besonders gefragt. Manche machen das ausgezeichnet, manche ein bisschen weniger gut, ja.

Sie wollen Schülern auch Computer zur Verfügung stellen? Was ist da geplant?

Bei jenen, die wir letztlich aus technischen Gründen nicht erreichen, weil die eben keine Laptops, Smartphones und Internetverbindung haben, dort möchten wir unterstützenden eingreifen.

Wie wird das ablaufen?

Wir haben 900 Beratungslehrer, Schulpsychologen und Schulsozialarbeiter ersucht, in dieser Form der aufsuchenden Sozialarbeit mit jenen Schülern Kontakt aufzunehmen, die wir nicht erreichen und auch aktiv nachprüfen, warum das nicht funktioniert. Da mag es unterschiedliche Antworten geben, eine wird aber sein, dass technische Ausrüstung fehlt. Die sollen jetzt Geräte bekommen.

6,8% ist eine große Zahl an Schülern, wissen sie da schon mehr, warum?

Wir müssen erst schauen, was die Ursachen sind. Manche von ihnen sind offenbar gar nicht mehr in Österreich.

Es wird aber auch in der Karwoche weiter die Möglichkeit für eine Betreuung an Schulen in der Karwoche geben?

Ich habe mich sehr gefreut, dass sich bisher 21.618 Pädagoginnen und Pädagogen freiwillig für die Osterbetreuung gemeldet haben. An den einzelnen Tagen der Osterferien werden also zwischen 1.600 und 2.300 Pädagogen tatsächlich für die Osterbetreuung eingesetzt, wir rechnen mit 1.400 bis 1.800 Schülern.

Fürchten Sie nicht, dass das alles für ihr Schulbudget früher oder später ein Problem wird?

Da müssen Sie den Finanzminister fragen. Natürlich ist das eine erhebliche Aufgabe, das Budgetdefizit klug und intelligent zurückzuführen, ohne mit radikalen Maßnahmen wieder ein sich anbahnendes Wirtschaftswachstum abzuwürgen. Eine schwierige Aufgabe. Was wir im Bildungsbereich planen, sind aber sehr verantwortungsbewusste Aufgaben.

Haben Sie durch diese Blitzdigitalisierung schon etwas gelernt, was Sie auch für die Zeit nach Corona mitnehmen werden?

Ja. Es war gut, dass wir nachgedacht haben, wie wir digitale Klassen errichten können. Ich bedauere die lange Unterbrechung im vergangenen Jahr meiner Amtszeit nach Ibiza, wo ich das nicht realisieren konnte. Ich hätte das gerne realisieren wollen, und jetzt kann ich sagen, ich hätte es auch schneller realisieren müssen. Wir werden das also rascher umsetzen. Zweitens werden wir Erkenntnisse bekommen, wie solche Selbstlernprozesse funktionieren. Die Kinder und Schüler entdecken da ja ganz neue Dinge, wo wir immer dachten, dass muss alles der Lehrer diktieren, was los ist. Prof. Spiel von der Uni Wien macht jetzt eine Studie über selbstorganisiertes Lernen, das halte ich für eine wichtige Geschichte. Drittens die oft schon geforderte Individualisierung des Unterrichts, die ja jetzt stattfindet. Derzeit müssen die Lehrer sehr individuell eingehen, auf das, was möglich ist und sie antworten Schülern mit Mails oder per Telefon. Und viertens: Dass das Image der Lehrer sicher aufgewertet worden ist. Eltern merken plötzlich, wie schwierig das Lernen mit den Kindern sein kann.

Wir hören, dass Lehrer derzeit sehr viel mehr arbeiten müssen, auch weil sie sich jetzt überhaupt viel Neues erarbeiten wie etwa diese Blitzdigitalisierung. Was sind da Ihre Erfahrungen?

Es hat hier einen Adaptionsschub gegeben, und auch ältere Lehrer agieren jetzt mit digitalen Endgeräten, was sie vorher vielleicht weniger gemacht haben. Eine Verweigerungshaltung gibt es nicht, wir sehen aber schon den Altersunterschied, die jungen Lehrer beherrschen Videotelefonie und Chats und dergleichen sehr gut, ältere Lehrer setzen mehr auf bewährte Kommunikationswege. Es muss aber auch klar sein, dass dieses distance learning, wie wir es jetzt machen, das Lernen in der Schule nicht ersetzen kann, weil es ja in der Schule nicht nur um das Lernen geht, sondern auch um soziale Kontakte. Die sind mindestens ebenso wichtig, diese emotionale, soziale Entwicklung. Wir brauchen beides, das Lernen und die soziale Entwicklung.

Sehen Sie Möglichkeiten, durch die Digitalisierung der Schulen nachher auch ein wenig sparen zu können im System?

Unsere Investitionen sind gut überlegt, meine Intention ist jetzt nicht, nachzudenken, wie wir im System sparen können. Wir sehen ja jetzt, wie wichtig Forschung ist. Um schnell auf Situationen reagieren zu können. Es ist klar, dass die langfristige Lösung der Krise auch über Therapeutika gehen wird und über Impfungen, und nicht über Ausgangsbeschränkungen.

Schularbeiten, Matura, da gibt es einige andere Staaten, die sagen, wir sagen das alles ab, der Druck auf die Familien ist schon sehr groß. Warum wollen sie die Matura nicht absagen?

Ich stimme mich da schon mit den mitteleuropäischen Bildungsministern ab, die alle nicht absagen, auch Italien oder die Schweiz nicht, auch nicht in den deutschen Bundesländern. Bildungswissenschafterin Spiel sagte dazu, es geht ja auch um ein Ritual eines Abschlusses einer langen Schullaufbahn. Andererseits auch um eine zertifizierte Schnittstelle zum tertiären Bildungssystem. Alle jene die sagen, wir sollten alles absagen und abschaffen, die verlagern ja nur die Problematik in die nächste Stufe, zu den Unis und Hochschulen.

Die häufigste Bitte in den Mails von Schülern an uns war: Macht doch eine Durchschnittsmatura aus den Noten der vergangenen zwei Jahre. Wäre das nicht eine Option?

Da muss man aber auch berücksichtigen, dass die Vergangenheit da nachwirkt, und das kann auch zu einer neuen Form der Ungerechtigkeit führen. Wer in der siebenten Klasse nicht sehr gut war, sich dann aber enorm gesteigert hat, den holt die Vergangenheit wieder ein, und das wäre ungerecht. Und wir hätten das Problem der Stigmatisierung, dass dieser Maturajahrgang immer zu hören bekommt, ihr habt ja nur eine CoViD-19-Matura. Aber natürlich gibt es bei der Matura Stellschrauben, an denen man drehen kann. Wir sind ja nicht fern der Welt, wir wissen, was gerade passiert. Und wir werden eine Matura haben, die die reale Situation reflektiert.

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