Politik | Inland
25.06.2018

Ex-VP-Ministerin zu 12-Stunden-Tag: "Kniefall vor der Industrie"

Ex-ÖVP-Ministerin Andrea Kdolsky attackiert ihre eigene Partei – und will mit dem ÖGB demonstrieren.

In der ÖVP hat sie sich schon früher nicht nur Freude gemacht – nicht nur, weil sie mit ihrer Liebe zum Schweinsbraten öffentlich kokettiert hat: Andrea Kdolsky, ehemals schwarze Gesundheitsministerin der Ära Gusenbauer-Molterer, rieb sich schon vor zehn Jahren gern an manchen Vorstellungen der ÖVP; etwa beim Kinderkriegen oder der Ehe.

12 Stunden ungesund

Sie sagt auch zu den jüngsten Plänen ihrer Partei, die nun Türkis trägt, offen ihre Meinung. Dass beim 12-Stunden-Tag Betriebsräte nichts mehr mitzureden haben, ist für Kdolsky ein „ Kniefall vor der Industrie“, sagt sie im Rahmen der SchauTV-Interview-Serie „Warum eigentlich?“ zu KURIER-Politikchef Josef Votzi. „Ich habe nichts gegen den 12-Stunden-Tag“, so die Medizinerin, die als selbstständige Beraterin arbeitet; allein: „Das darf nicht zur Dauereinrichtung werden.“ Doch genau das ermögliche das Gesetz – mit allen negativen gesundheitlichen und sozialen Folgen.

Welche das sind? Etwa, dass es keine Infrastruktur für so lange Arbeitszeiten gebe. Inklusive Arbeitsweg käme man auf bis zu 14 Stunden, „und das wird dann zum echten Problem: So lang hat keine Kinderbetreuung offen“.

Den Einwand, dass es derartige Modelle gerade in ihrem Metier – dem Gesundheitsbereich – längst gebe, lässt sie nicht gelten. „Das funktioniert nicht gut und reibungsfrei“ – schon seit den 1990ern werde so versucht, dort die Arbeitszeiten zu verkürzen. Die Argumente dafür sind wiederum medizinische: Ein Versuch in Schweden etwa habe gezeigt, dass sich durch eine Reduktion auf sechs Stunden Arbeitszeit die Krankenstände mehr als halbierten, auch die Fluktuation habe sich massiv verringert. Der einzige Haken an dem Modell: „Es war teuer – zu teuer.“

„Politische Absicht“

Auch an der Gangart ihrer Partei bei diesem Thema hat Kdolsky einiges auszusetzen. Dass das Gesetz nicht normal eingebracht, sondern „durchgepeitscht“ werde, „ist für mich kein Demokratieverständnis“, sagt Kdolsky. „Wir haben nicht das Recht, drüberzufahren.“ Ebenso kritisch sieht sie den Zeitpunkt der Initiative: „Das ist politische Absicht.“ Man wolle vor den Kollektivvertrags-Verhandlungen im Herbst den Verhandlungspartner schwächen.

Und die Ankündigung, dass man Überstunden ja ablehnen könne, wie die Regierung das unter dem Motto „Freiwilligkeit“ verspricht? „Ich glaube nicht an das Freiwillige“, sagt Kdolsky dazu. „Es gibt nicht nur gute, engagierte, visionäre Arbeitgeber“ – im Gegenteil. Jene, die die Reform am meisten treffen würde, „etwa die die Kassiererin“, hätten keine Chance, sich zu wehren.

Bei der Großdemo am Samstag, die der ÖGB veranstaltet, will die Ex-Ministerin darum mitgehen – wenn die Termine es erlauben. Schließlich sei sie „mit Leib und Seele Gewerkschafterin“ gewesen; und angeeckt hat sie schließlich auch immer gerne.

Zur Person

Andrea Kdolsky (55), Medizinerin, war Ärztin am AKH, später Chefin der Landeskliniken Niederöstereich. 2007 wurde sie ÖVP-Gesundheitsministerin, sorgte mit ihrem Sager, sie rauche gern und liebe Schweinsbraten, für Furore. Ihre Gesundheitsreform scheiterte 2008 am Aus der Regierung. Danach zog sie sich ins Privatleben zurück, arbeitet als selbstständige Beraterin.

Die Kurier-News vom 25.6.