EX-VP-Chef Michael Spindelegger, 60

© Kurier/Christandl Jürg

Interview
12/21/2019

Ex-ÖVP-Chef Spindelegger: „Man sollte Türkis-Grün probieren“

Michael Spindelegger ist 60. Im Interview spricht der Ex-ÖVP-Chef über Sebastian Kurz und sein erstes Bier mit Werner Faymann.

von Daniela Kittner

KURIER: Herr Spindelegger, Sie werden heute 60 Jahre alt. Tut’s weh?

Michael Spindelegger: Naja, der Sechser vorn schmerzt schon. Schön wäre eine Art zeitloses Altern.

Wie gehen Sie mit dem Altern um? Was machen Sie, um fit zu bleiben?

Ich gehe sporteln, freitags habe ich von 7 bis 8 eine Stunde mit Trainer, Belastungstraining und Stretching.  Wichtig ist auch, den Blick nach vorne zu bewahren: Was will ich noch gerne tun? Ich bin jetzt gerade als Generaldirektor des ICMPD  für die nächsten fünf Jahre wiederbestellt worden. Das wird mich nachhaltig beschäftigen.

Sie beraten die EU in Migrationsfragen. Viele sagen, es stünde eine Flüchtlingsbewegung wie 2016 bevor.  Stimmt das?

Die Zahl der Ankömmlinge auf den griechischen Inseln steigt. Neu ist, es kommen nicht mehr  die jungen Männer, sondern Familien von Großeltern bis zum Enkerl.

Neu ist auch, dass es früher 80 Prozent Anerkennung als Flüchtlinge gab,  nun sind es  80 Prozent Ablehnung.  Es  geht jetzt mehr um Zuzug.

Wer soll künftig in Europa bestimmen, wer Asyl bekommt, und wer als Zuwanderer  kommen darf?

Es wird pragmatisch ein Mischsystem geben. Wenn jemand Schutz braucht, soll er den bekommen. Bei der Zuwanderung muss man irreguläre verhindern,  aber legale ermöglichen.  Außengrenzschutz und Asylsystem werden europäisiert.  Es gibt  derzeit Fälle, wo die gleiche Person in 18 EU-Ländern  in 18 Asylverfahren probiert, Asyl zu bekommen. Das ist nicht sinnvoll. Aber es werden weiterhin die Staaten selbst entscheiden, welche Zuwanderer sie nehmen. Da müssen wir viel stärker  berücksichtigen, welche Qualifikationen die Unternehmen brauchen.

Reizt es Sie, wieder in der Politik mitzumischen?

Es war eine tolle Zeit für mich, aber die ist vorbei. Jetzt möchte ich fachlichen Input in die Migrationspolitik bringen, um das Thema zu neutralisieren. Wir müssen von   vorurteilsgetriebenen Einstellungen hin zu sachlichen Lösungen kommen.

Von Ihnen wird bleiben, dass  Sie Sebastian Kurz entdeckt haben, indem Sie ihn zum Staatssekretär und Außenminister machten ...

Er hat sich als politisches Talent der Sonderklasse entwickelt. Darüber bin ich sehr froh. Ich bin ja anfangs sehr kritisiert worden, aber ich war immer von ihm überzeugt.

Jemand, der zuerst mit den Blauen, dann mit den Grünen koaliert – wie muss man da gestrickt sein?

Er hat ein sehr starkes Fundament. Er möchte gern für Österreich etwas zusammenbringen, aber nicht beliebig, sondern auf einem Wertefundament, einem Grundgefüge, das er nicht verrückt. Auf diese Weise kann er so unterschiedliche Koalitionen  zustande bringen.

Welche Werte sind das?

Es sind keine konservativ-verstaubten Anschauungen, sondern moderne: Leistung, Markwirtschaft, klare Standpunkte bei  Migration, ökosoziales Verständnis. Das macht einen modernen Konservativen aus.

Hatten Sie bei Türkis-Blau nicht die Sorge, dass Kurz zu weit ins rechtspopulistische Eck driftet?

Es ist eine Gratwanderung, Rücksicht auf den Regierungspartner zu nehmen. Aber Kurz gibt Grundsätze nicht preis, nur um zu regieren. Er hat  auch bei der FPÖ rote Linien gezogen, bei Antisemitismus zum Beispiel.

Sie sind viel  unterwegs. Wie wird in der EU und außerhalb die Reaktion auf Türkis-Grün sein?

Man wird sich das genau anschauen: Wie wird diese Regierung ausgestaltet sein? Wie wird mit dem Klimawandel umgegangen? Das hat  Signalcharakter, man schaut nach Österreich. Ob es funktionieren wird? Man sollte es jedenfalls ausprobieren.

Haben Sie noch Kontakt zu Politikern aus Ihrer aktiven Zeit?

Ich treffe mich regelmäßig mit Werner Faymann. Wir reden über das aktuelle Politikgeschehen und sind uns einig, dass wir es öffentlich nicht kommentieren sollten. Es ist so etwas wie Freundschaft entstanden.

Diesen Eindruck hatte man in Ihrer  Regierungszeit mit Faymann nicht.

Stimmt. Ich bin damals öfter gefragt worden, ob ich mit Faymann je auf ein Bier war, und habe das wahrheitsgemäß verneint. Wir haben uns später zufällig bei der UN-Generalversammlung getroffen, er war dort für Ban Ki-moon, ich für das ICMPD. In New York sind wir dann auf unser erstes Bier gegangen.

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