Eröffnung: Der lange Weg vom Hitlerhaus zum „Haus der Rechtsstaatlichkeit“
Mit seinem strahlend weißen Putz sticht das Haus in der historisch gewachsenen Häuserzeile deutlich hervor. Einen Hinweis gibt lediglich der Gedenkstein aus Mauthausen, der einige Meter davor am Gehsteig steht und auf dem die Worte „Millionen Tote mahnen“ eingraviert sind.
Aber sonst? Die charakteristischen Fenster mit den halbrunden Stuckbögen, der gelbe, abgebröckelte Putz, der braune Schmutz: weg.
Zwei deutsche Journalisten, die an diesem Sommertag nach Braunau gereist sind, hätten Adolf Hitlers Geburtshaus beinahe nicht gefunden. Das Haus, das jeder kennt, ist nicht mehr wiederzuerkennen. Mission erfüllt.
Nach einem drei Jahre andauernden Umbau, der 20 Millionen Euro kostete, sind im Juni die Braunauer Stadtpolizei und das Bezirkspolizeikommando eingezogen. Heute, Mittwoch, findet die feierliche Eröffnung statt.
Wo genau wohnte die Familie Hitler?
Das Haus, in dem Adolf Hitler 1889 geboren wurde, ist für rund 45 Polizeibeamte nun ein Arbeitsplatz: hell, modern, effizient. 3.000 Quadratmeter inklusive Tiefgarage, in Teilen klimatisiert.
„Ist schön geworden, oder?“, sagt Bezirkspolizeikommandant Stefan Haslberger beim Rundgang mit Journalisten. Er fühlt sich jedenfalls wohl.
Die Tatsache, dass die Familie Hitler für einige Monate sein „Vormieter“ war, ändert daran nichts. Wobei er Wert darauf legt, dass alle neuen Beamten im Bezirk auf das Thema sensibilisiert werden. Ein entsprechendes E-Learning-Tool, bei dem es auch um Straftaten nach dem Verbotsgesetz und Verstöße gegen das Symbolegesetz geht, ist Pflicht.
In dem Gebäudekomplex, der im 17. Jahrhundert erbaut wurde, sind nur einzelne Fragmente vergangener Zeiten erhalten geblieben. Eine alte Treppe aus Mauthausner Granit, die nicht genormt und deshalb gesperrt ist. Die Arkaden im Lichthof, der einzelne Gebäudeteile verbindet. Früher – um 1889 – befand sich im vorderen Teil ein Gasthaus, im mittleren Wohnungen und im hinteren eine Brauerei.
Wo genau die Familie Hitler die paar Monate gewohnt hat, ist nicht überliefert. Ein Gastwirt soll ein beliebiges Zimmer ausstaffiert und Besuchern vorgeführt haben, erzählt man sich in Braunau.
Streit mit der Eigentümerin
Ab 1960 waren nacheinander eine Bibliothek, eine Schule, eine Bank und später eine Tagesheimstätte der Lebenshilfe untergebracht.
Kompliziert wurde es erst, als die Sozialorganisation 2011 ausgezogen ist – notgedrungen: Die Eigentümerin hatte jegliche Sanierung und nötige Umbauten wie einen Lift oder barrierefreie Wege verweigert. „Sogar kleinste Veränderungen bedurften ihrer Zustimmung“, erinnert sich Braunaus ÖVP-Bürgermeister Johannes Waidbacher.
Er war damals gerade erst ins Amt gekommen und glaubte an eine „relativ rasche Lösung“. Auf politischer Ebene seien sich in der Stadtgemeinde ja alle einig gewesen, etliche Konzepte für die Nachnutzung hatte man gemeinsam erarbeitet und der damaligen Eigentümerin vorgelegt. „Aber bis zum heutigen Tag haben wir von ihr kein einziges Ja oder Nein gehört“, sagt Waidbacher.
Ob es bei der rund 75-jährigen Frau ideologische Motive gebe? „Nein“, sagt Waidbacher. „Es liegt an ihr persönlich.“
So sah das "Hitlerhaus" vor dem Umbau aus.
Zugegeben – es waren nicht immer die besten Ideen. Waidbacher schaffte es mit seinem Sager, man könne Mietwohnungen errichten, sogar in die New York Times. ÖVP-Innenminister Wolfgang Sobotkas Gegenvorschlag, das Haus abzureißen, sorgte nicht minder für Empörung. Denselben Plan hatte vorher schon ein Politiker aus Russland, der 2012 angekündigte, das Haus zu kaufen. Dagegen ging der Vorschlag der Braunauer FPÖ, in Hitlers Geburtshaus eine Geburtenstation einzurichten, fast unter.
Ein Innsbrucker Historiker, der mit seiner Idee eines „Hauses der Verantwortung“ hausieren ging, hielt das Thema Nachnutzung über die Jahre am Köcheln, während das Innenministerium als Hauptmieter mit der Eigentümerin keinen Schritt vorankam.
Unterdessen verfiel das leer stehende Gebäude mit der Adresse Salzburger Vorstadt 15 vor den Augen der Bevölkerung – und den Kameralinsen Ewiggestriger, die nach Braunau pilgerten, um vor Hitlers Geburtshaus zu posieren. Von Neonazi-Motorrad-Gangs bis hin zu Reisebussen, die einen Zwischenstopp in der Innviertler Kleinstadt einlegten, war alles dabei, schildert Bezirkspolizeikommandant Haslberger.
Die Zeiten, als es an Hitlers Geburtstag zu Ausschreitungen zwischen rechten und linken Demonstranten kam, seien aber lang vorbei. „Wer nicht hier wohnt, stellt sich das schlimmer vor, als es ist.“
Dennoch litten die Braunauer darunter, dass ihre Heimatstadt in der ganzen Welt als „Hitlers Geburtsstadt“ verachtet, verehrt oder im besten Fall belächelt wurde.
2016 zog das Innenministerium mit dem damaligen Ressortchef Sobotka einen Schlussstrich: Die Eigentümerin wurde auf Grundlage eines im Nationalrat einstimmig beschlossenen Gesetzes enteignet.
Das Gesetz legte einen klaren Rahmen fest: Dem Haus sollte der Wiedererkennungswert entzogen werden, um „Pflege, Förderung und Verbreitung nationalsozialistischen Gedankenguts zu unterbinden“.
„Keine Assoziation mehr mit Hitler“
Dass – „ausgerechnet“ – die Polizei einziehen sollte, erregte gleich wieder die Gemüter. Dafür hat Stephan Mlczoch als Leiter der Abteilung für historische Angelegenheiten im Innenministerium nur bedingt Verständnis.
Ja, die Polizei habe im NS-Regime als Staatsgewalt Verbrechen begangen. Mit dieser Polizei habe die Polizei von heute aber nichts mehr zu tun, sagt Mlczoch und verweist darauf, dass keine Institution in Österreich mehr Vertrauen genießt als die Polizei (69 Punkte im OGM-Vertrauensindex von Oktober 2025).
Mit seiner dunklen Geschichte, der Bedeutung von Befehls- und Zwangsgewalt und den Grenzen von Gehorsam hat sich das Innenministerium im Rahmen eines Projekts gründlich auseinandergesetzt. Einem externen Forschungsteam wurden die Archive geöffnet und Personalakten zur Verfügung gestellt.
Entstanden ist daraus eine Wanderausstellung mit dem Titel „Hitlers Exekutive“, die zuletzt im Schloss Hartheim zu sehen war und ab 18. September in Braunau Halt macht.
Nicht im „Geburtshaus“, wohlgemerkt – dort finde künftig keine Assoziation mit Hitler mehr statt, sagt Mlczoch: Durch den Einzug der Polizei sei es nun ein „Haus der Demokratie und Rechtsstaatlichkeit“.
„Kümmert euch um die Lebenden“
Der Weg, den Braunau mit dem Innenministerium beschritten hat, habe nichts mit Verleugnung zu tun, betont Braunaus Bürgermeister Waidbacher – das sei ohnehin sinnlos. „Es ist ein historisches Faktum, dass Adolf Hitler hier auf die Welt gekommen ist, damit werden wir für immer leben müssen.“ Er würde sich nur eines wünschen: „Dass man es nicht überhöht.“
Waidbacher zitiert Branko Lustig, KZ-Überlebender und Hollywood-Regisseur, der vor einigen Jahren Braunau besuchte: „Hitler ist tot. Kümmert euch nicht um die Toten, sondern um die Lebenden.“
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