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Interview
12/15/2021

Bildungsminister Polaschek: "Die Schule kann nicht alles leisten"

Der neue Bildungsminister über bildungspolitische Herausforderungen in Zeiten der Krise, mangelndes Vertrauen in die Wissenschaft – und was ihn beim Amtsantritt irritiert hat.

von Christian Böhmer, Elisabeth Hofer

Herr Minister, Ihr Ressort gilt als sehr fordernd. Ein Großteil des Budgets ist unveränderlich, weil es sich um Gehälter handelt, und es reden mächtige Lobby-Gruppen wie Lehrergewerkschaft und Eltern mit. Sie kommen in der größten Gesundheitskrise noch dazu als politischer Quereinsteiger ins Ressort. Warum tun Sie sich das an?

Martin Polaschek: Weil ich eine Verantwortung empfinde, etwas für die Allgemeinheit zu tun. Ich war mit Leidenschaft Rektor einer Universität. Und ich war in meinen 16 Jahren als Vizerektor immer derjenige, der viele schwierige Aufgaben übernommen hat. Als mich der Bundeskanzler gefragt hat, ob ich bereit bin, zu übernehmen, habe ich mir gedacht: Ja, ich habe viele Fähigkeiten, um jetzt viele Probleme zu lösen.

Wer ist in Ihren Augen für die Bildung zuständig? Die Eltern? Die Pädagogen? Die Schulen? Der Staat?

Es ist ein Miteinander, bei dem natürlich die Schule den größeren Anteil hat. Einfach, weil die Kinder dort nicht nur unterrichtet werden, sondern im Austausch mit anderen Kindern auch soziale Kompetenzen lernen. Es ist wahnsinnig wichtig, dass Kinder eine gute Schulbildung bekommen, weil sie nur so die Möglichkeit haben, ein erfülltes Leben zu führen. Damit meine ich nicht so sehr, irgendwelche bestimmten Berufe zu bekommen, sondern generell am gesellschaftlichen Leben teilzunehmen.

Die Schule übernimmt zunehmend die Aufgabe, nicht nur zu bilden, sondern zu erziehen.

So ist es, aber man muss klar sagen: Die Schule kann nicht alles leisten. Die Eltern sind natürlich auch gefordert. Ich kann nur darauf schauen, dass die Kinder in der Schule ein möglichst gutes Umfeld haben und für die Herausforderungen der Zukunft vorbereitet sind. Wir haben ja keine Ahnung, wie die Welt in 20, 30 Jahren aussehen wird. Gerade dort, wo die Eltern sich nicht einbringen können, muss die Politik Angebote schaffen.

Nicht alle Eltern können den Kindern ausreichende Deutschkenntnisse vermitteln. Wollen Sie die Deutschklassen beibehalten, obwohl die Forschung sie für keine optimale Lösung hält?

Wir evaluieren das gerade. Dass es vermehrt Deutschförderung in den Schulen braucht, steht für mich außer Zweifel und ist weiterhin einer unserer Schwerpunkte. Ob das jetzige System funktioniert, oder ob es Änderungen braucht, wird man sehen.

37 Prozent der Schüler brauchen mittlerweile Nachhilfe. Verlangen die Schulen mehr, als sie den Kindern vermitteln können?

Die Frage ist, ob das tatsächlich so ist – oder ob die Eltern der Meinung sind, dass die Kinder Nachhilfe benötigen. Ich sehe, dass es hier Änderungsbedarf gibt, mittelfristig müssen wir uns da etwas überlegen. Aber das ist ein Langzeitprojekt, das wahrscheinlich fünf oder zehn Jahre braucht.

Sprechen wir über die Pandemie. War es klug, dass man Eltern entscheiden lässt, ob die Kinder Regelunterricht bekommen oder nicht?

In dieser Situation hat es durchaus Sinn gemacht, weil die Lebensrealitäten sehr verschieden sind. Wir werden uns anschauen, ob es in dieser Form funktioniert hat. Ich habe vor, in die Bundesländer zu fahren, um diese Frage vor Ort mit den Bildungspolitikern, Bildungsdirektoren aber auch mit Lehrern, Eltern und Kindern zu diskutieren.

Wie lange, glauben Sie, wird es noch Präsenzunterricht geben können?

Wir haben gewährleistet, dass wir bis zu den Weihnachtsferien das jetzige System fortsetzen. Glücklicherweise sind viele Lehrer geimpft. Mein Ziel ist es jedenfalls, den Präsenzunterricht aufrechtzuerhalten. Im Jänner starten wir mit einer Sicherheitsphase. Die konkrete Entscheidung wird auf jeden Fall rechtzeitig vor Weihnachten bekannt gegeben, um Planungssicherheit zu gewährleisten. Aber im Moment sind noch viele Fragen offen.

Gibt es schon Pläne für die Matura?

Wir werden die Matura wohl weiterhin in Präsenz machen und die Noten der achten Klasse einrechnen.

Sie sind Wissenschafter. Wie geht es Ihnen, wenn Sie Corona-Demos beobachten?

Ich habe nicht generell ein Problem mit Demonstrationen, aber ich habe ein Problem damit, dass dort zum Teil radikale Gruppierungen dabei sind und dass bei diesen Demonstrationen zwar Meinungsfreiheit eingefordert wird, gleichzeitig aber Andersdenkende bedroht werden. Und ich tue mir ehrlich gesagt schwer damit, dass sehenden Auges wissenschaftliche Fakten verleugnet werden.

Haben Sie eine Erklärung, warum die Wissenschaft für viele so wenig Autorität hat?

Das Ansehen der Wissenschaft ist in Österreich relativ gering im Vergleich zu anderen OECD-Ländern. Das ist schon sehr lange so. Es hat immer wieder Versuche gegeben, da mit Wissenschaftskommunikation etwas zu machen. Auf dieser Schiene wird man drauf bleiben müssen. Es hängt aber auch damit zusammen, dass einzelne Menschen immer wieder Öl ins Feuer gießen, was nicht gerade zu einer Deeskalation beiträgt.

Werden Sie jetzt ÖVP-Parteimitglied?

Die Frage stellt sich nicht. Aber ich bin der ÖVP nahestehend und fühle mich den Grundwerten der ÖVP in vielen Bereichen verpflichtet.

Was hat Sie am meisten überrascht, seit Sie Minister sind?

Dass ich mich vielmehr dafür rechtfertigen muss, warum ich in meinem Amt bin. Wir reden nicht über das, was ich gut kann oder was ich beitragen kann, sondern darüber, warum gerade der jetzt da ist. Das finde ich irgendwie komisch. Und es hat mich sehr überrascht, dass sich Menschen so viele Gedanken über meine Haare machen. Es war Lockdown, ich konnte seit längerer Zeit nicht zum Friseur gehen.

Der Kanzler hat sich die Haare von seiner Frau schneiden lassen.

Ich habe eine großartige Frau, aber ich glaube nicht, dass das zu ihren Fähigkeiten zählt.

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