Sophie Karmasin mit ihrer Mutter Helene und dem 2013 verstorbenen Vater Fritz

© KURIER/Semotan Rudolf

Politik Inland
03/30/2022

Die Karmasins – das zerstörte Erbe

Montag wurde die Ex-Ministerin aus der U-Haft entlassen. Keine andere Familie prägte die Kommunikation so wie die Karmasins.

von Ida Metzger

Sie war die Grande Dame der Motivforschung. Jede Botschaft zwischen den Zeilen entschlüsselte sie auf den Punkt. Jeden geheimen Code der Spitzenkandidaten knackte Helene Karmasin wie keine andere. Ihrer Tochter Sophie fehlte offenbar diese feine Sensorik in sensiblen Fragen.

Schon als Frauenministerin (2013–2017) lieferte sie mitunter Anlässe mit schiefer Optik. Einmal biss Karmasin in einem zweiminütigen Video genussvoll in eine Schwedenbombe, um sich den schweren Polit-Alltag zu versüßen und sinnierte dabei: „Es gibt ja auch nicht einen Familientypus in Österreich, sondern viele – wie bei den Schwedenbomben.“

An sich wäre das Video kein Problem – wäre Karmasins Ehemann damals nicht gerade Geschäftsführer von Schwedenbomben gewesen. Die Ministerin verstand die Kritik anfangs nicht, leitete doch ihr Gatte das Traditionsunternehmen zum Zeitpunkt des Videodrehs noch nicht, rechtfertigte sie sich. Später nahm sie das Video offline.

Erste Vorboten

Man könnte diese kleine Episode als Vorboten bezeichnen für das, was Sophie Karmasin einige Jahre später auf den Kopf fallen sollte. Als Ministerin 20 Prozent Provision für einen Deal zu beziehen, ist prinzipiell nicht strafbar. Wenn dann aber das Geld aus einer illegalen Quelle stammen soll, ist man mit dem Vergehen der Geldwäsche konfrontiert – so wie jetzt Karmasin. Das ist nur eines von insgesamt fünf Delikten (Untreue, Bestechlichkeit, Vergehen der Geldwäsche, illegale Preisabsprachen, Betrug), die Karmasin von der Wirtschafts- und Korruptionsstaatsanwaltschaft vorgeworfen werden.

Drei Wochen saß sie in U-Haft, am Montag hob das Oberlandesgericht die Entscheidung des Haftrichters auf, weil eine Tatbegehungsgefahr nicht mehr gegeben sei. Mit dieser Zäsur im Leben der Sophie Karmasin hat es sich wohl „ausgeforscht“. Eine bittere Entwicklung für die Erbin, die das jahrzehntelange Business der honorigen Familie hätte weiter tragen sollen.

Helene (86) und Fritz Karmasin († 2013) haben eine Familie begründet, die fünf Jahrzehnte lang das Geschäft mit der Kommunikation in Österreich prägte wie keine zweite. Sie hatten die Deutungshoheit in den Print- wie TV-Medien und erklärten der Nation, warum ein Politiker bei den Frauen besser oder schlechter ankam, was zum Wahlerfolg oder zum Debakel führte.

Marke Karmasin

Aber die Karmasins erklärten auch die Markensprache, warum wir gerne „bio“ essen oder mit Billigairlines in den Luxusurlaub fliegen. „Sie bildeten ein Powercouple, das sich wunderbar ergänzte. Von den beiden Karmasins war Helene die Kreativere. Fritz war ein cleverer Bursche, der es verstand, mit beiden Sozialpartnern ins Geschäft zu kommen“, so ein ehemaliger Wegbegleiter von Fritz Karmasin, der nicht genannt werden will.

Begonnen hat die Erfolgsgeschichte in den Sechzigerjahren. Fritz Karmasin übernahm den Österreich-Ableger des Gallup-Instituts. Seine Frau Helene gründete das Institut für Motivforschung, aus beiden ging die Karmasin Motivforschung GmbH hervor. Fritz Karmasin erstellte große Umfragen. Helene Karmasin analysierte individuelle Motive für Entscheidungen.

„Als die Tierstudie vom Finanzministerium veröffentlicht wurde, war klar, das ist alles Marke Karmasin. Ich war oft bei solchen Präsentationen dabei, wo Unternehmenschefs an den Lippen von Helene Karmasin hingen. Der Erfolg der Helene Karmasin war, dass sie den Personen an der Spitze von Unternehmen erklärte, wie sie zum Star der Unternehmensbotschaften werden konnten. Im Prinzip köderte Helene Karmasin die Chefs mit deren Eitelkeit“, so ein Wegbegleiter.

Sophie trat in die Fußstapfen ihrer Mutter, fokussierte sich auf Motivforschung und beerbte ihre Mutter auch als ORF-Politik-Analystin gemeinsam mit Peter Filzmaier. Für Außenstehende war Sophie Karmasin sicherlich ins gemachte Nest geboren worden.

Doch als sie 2013 völlig überraschend Familienminister wurde, kursierten die ersten Gerüchte, dass das Umfrageinstitut nicht mehr so floriere wie zur Zeit ihrer Eltern. Denn warum tätigt man so einen Schritt, wenn der Erfolg des Unternehmens eng mit dem Namen Karmasin verbunden ist?

Branche in Unruhe

Die 85 Prozent Anteile an der Karmasin Motivforschung trat sie als Familienministerin vorerst an ihren Ehemann ab. Mit diesem Schachzug hoffte sie, dass das Unternehmen auch weiterhin für Aufträge des Bundes offenstehe. 2014 wurde die komplette Firma verkauft und damit auch das legendäre Gallup-Institut.

Ihrer ehemaligen Assistentin Sabine Beinschab (Karmasin nannte sie „Sabinchen“) vermittelte sie lukrative Aufträge aus dem Finanzministerium und schnitt dabei 20 Prozent mit.

Als Karmasin Ende 2017 die Politik verließ, wurde das Beratungsunternehmen ihres Ehemannes in Karmasin Research & Identity umbenannt. Karmasin wurde Geschäftsführerin. Nach ihrem Ausscheiden als ÖVP-Familienministerin versuchte sie, am IHS anzudocken. Das sollte über das Vehikel „Insight Austria“ gelingen. Der heutige Arbeitsminister Martin Kocher war als Leiter des IHS daran beteiligt, das Zentrum zu gründen. Ab Juni 2018 war Karmasin dann für „Insight Austria“ tätig.

Tatsache ist aber auch: Seit Karmasin in U-Haft genommen wurde, herrscht in der Branche große Unruhe. Man befürchtet weitere Geständnisse – vor allem von Karmasin. Warum ist die Branche besorgt? Preisabsprachen seien gang und gäbe; eine total reine Weste habe kaum jemand in dieser Branche, packt ein Insider gegenüber dem KURIER aus.

Deswegen findet der Insider die Art und Weise, wie Karmasin jetzt von Kollegen hingerichtet wird, heuchlerisch. „Sie ist die kleinste Fliege, auf die jetzt geklatscht wird.“

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