© APA/HERBERT NEUBAUER

Politik Inland
01/09/2019

Die Caritas: Zu grün? Zu politisch?

Die katholische Hilfsorganisation ist manchen Katholiken zu aufmüpfig. Landau sei ein „Herz-Jesu-Sozialist“, heißt es da.

von Wolfgang Zaunbauer, Raffaela Lindorfer

„Ein Caritas-Präsident muss immer auch lästig sein und an jene Not erinnern, die wir nur allzu gerne vergessen, und wo wir wegschauen.“

Diese Worte von Kardinal Christoph Schönborn anlässlich der Wahl von Michael Landau zum Caritas-Präsidenten 2013 nahm sich Landau als Arbeitsauftrag zu Herzen: Sei es das Regierungsprogramm („schwächelt massiv“), Sozialpolitik („zum Schämen“), das Aus der Lehre für Asylwerber („völlige Fehlentscheidung“) oder die Senkung der Mindestsicherung („Empathiedefizit“) – wann immer Landau eine Entwicklung zulasten Schwacher sieht, meldet er sich zu Wort.

Vielen – vor allem in freiheitlichen, aber auch katholisch-konservativen Kreisen – tut er das zu oft, zu pointiert, zu parteipolitisch. Landau sei ein „Herz-Jesu-Sozialist“, heißt es mitunter. Unter ihm und seinem Vorgänger Franz Küberl sei die Caritas zu einer „grün-affinen“ politischen Organisation geworden, die mit der katholischen Kirche eigentlich gar nichts mehr zu tun habe.

Zumindest letzteres ist leicht zu widerlegen. Die Caritas ist eine rein kirchliche Angelegenheit. Genau genommen sind es in Österreich neun eigenständige Organisationen, die als Vereine kirchlichen Rechts jeweils dem Diözesanbischof unterstehen. Dieser ernennt den Direktor. Die neun Direktoren wiederum wählen aus ihren Reihen einen Präsidenten der Caritas Österreich. Seit 2013 ist das Landau.

Ist die Caritas politisch? Gar zu politisch? „Natürlich ist die Caritas politisch“, sagt der katholische Publizist Heinz Nussbaumer zum KURIER. „Sie muss politisch sein, wenn sie ihre Aufgabe ernstnehmen will.“ Parteipolitisch dürfe sie jedoch nicht sein.

Zwangsläufig politisch

Aus Sicht des Wiener Theologieprofessors Paul Zulehner ist nicht nur die Caritas politisch, sondern die Kirche überhaupt: „Die Kirche ist keine politische Partei, aber politisch parteilich.“

Die Caritas selbst wiederholt mantraartig ihre zwei Aufgaben: Menschen in Not helfen und Probleme aufzeigen. Aus letzterem ergebe sich zwangsläufig, dass man sich zu bestimmten Fragen zu Wort melde.

Ist die Caritas zu grün? Tatsächlich gab es in der Vergangenheit einen bemerkenswerten Personalaustausch zwischen Organisation und Partei: So wechselte Generalsekretär Stefan Wallner zu den Grünen, die grüne Ex-Abgeordnete Judith Schwentner dockte bei der Caritas an.

Der Versuch, die Caritas ins grüne Eck zu stellen, sei absurd, heißt es dazu aus der Organisation. Schließlich sei die ÖVP-Mandatarin Eva-Maria Himmelbauer eine frühere Caritas-Mitarbeitern. Und man habe sogar einen blauen Betriebsrat. Man lasse sich von keiner Seite instrumentalisieren, heißt es.

Weder von der FPÖ, die mit der losgetretenen Asyldebatte (in dieser wirft sie der Caritas „Profitgier“ vor) vom Thema Mindestsicherung ablenken wolle, noch von einer anderen Partei.

Dass es aus katholischen Kreisen Kritik an der Caritas gibt, ist für Theologen Zulehner nicht überraschend: „Die Politik bildet die Zusammensetzung unseres Kirchenvolkes ab. Und da gibt es halt auch Katholiken, denen die FPÖ näher ist als das Evangelium.“

Als „Aushängeschild eines Evangeliums, das sich um die Schwachen kümmert“, sei es die Pflicht der Caritas, den Finger in die Wunde zu legen. „Das tut natürlich manchen weh.“

Bei aller Kritik sei die Mehrheit der Bevölkerung froh, dass es die Caritas gibt, ist Heinz Nussbaumer überzeugt. „Sie hält dagegen, wenn wir Gefahr laufen, etwas wie eine selbstverständliche Mitmenschlichkeit zu verlieren.“

Kirchenintern wird kaum offen Kritik an der Caritas geäußert. Das war auch schon anders, als etwa der frühere St. Pöltner Bischof Kurt Krenn Landaus Vorgänger Küberl massiv für dessen „Politisieren“ kritisierte.

Heute darf sich der Caritas-Präsident der Rückendeckung durch Erzbischof Schönborn gewiss sein. „Ein Caritas-Direktor, der nicht manchen auf die Nerven geht, ist ein schlechter Caritas-Direktor“, erklärte dieser vorige Woche ganz ähnlich wie schon 2013.

Nicht ganz unglücklich

In der Caritas will man zur Debatte mit der FPÖ nichts mehr sagen. Lieber würde man über die aktuellen Probleme reden: Die Lage der Obdachlosen angesichts der eingesetzten Kälte (Kältetelefon in Wien 01-480 45 53). Oder den drohenden Pflegenotstand.

Ganz unglücklich ist man über die Diskussion aber auch nicht. So freut man sich über einen „spürbaren Zuwachs“ an Spenden in den vergangenen zwei Wochen.