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Politik Inland
11/04/2020

Der Tag, an dem der Terror zu uns kam

Paris, London oder Barcelona: Attentate und Anschläge gab es überall. Nur bei uns, auf unserer Insel der Seligen, lebte es sich lange Zeit sorglos. Die Geschehnisse von Montagabend haben die Sicht einer Generation auf ihre Stadt verändert.

von Barbara Mader, Elisabeth Hofer

Damals, im Pariser Terrorherbst, hörten sich auch Schweizerkracher wie Schüsse an.

Zwei Tage nach den schrecklichen Anschlägen im November 2015, bei denen 130 Menschen ermordet wurden, warf ein Idiot Schweizerkracher in die Menge, die vor der Notre-Dame Kirche betete. Sie lösten Massenpanik aus, Menschen liefen, so dachten sie, um ihr Leben, versteckten sich in Hauseingängen, riefen vor fremden Türen um Hilfe.

Bei uns, auf unserer Insel der Seligen, hielt man die Schüsse Montagabend in der Wiener Innenstadt für Schweizerkracher. Alles andere war nicht vorstellbar. Todesangst? Ein Gefühl, von dem die meisten Wiener kaum Ahnung mehr hatten. Schon gar nicht Mittzwanziger. Terror? Kannten sie höchstens aus dem Fernsehen.

„Ich habe geglaubt, mein Leben ist jetzt zu Ende.“ Ein Satz, der Montagabend nun auch in Wien gedacht wurde. Von jungen Menschen.

Der 25-jährige Julian war Montagabend auf dem Heimweg von der Spätschicht, wollte Richtung U-Bahn, als in seiner unmittelbaren Nähe Schüsse zu hören waren, ein Polizist schrie ihn an, er solle verschwinden, er lief zurück in das Lokal, in dem er als Kellner arbeitet. Der Schock sitzt tags danach tief. Szenen, die surreal wie aus einem Videospiel wirken. Hat er sie wirklich erlebt? „Es war so unwirklich, der Polizist hat tiefes Wienerisch geredet, da ist man ja versucht, das nicht ernst zu nehmen, auch, weil es so vertraut klingt. Und so brenzlige Situationen sind uns nicht vertraut. Aber ich glaube, der Mann hat mir das Leben gerettet.“

„Ich habe geglaubt, sie erschießen uns“

Auch die 27-jährige Viktoria hat Montagabend eine Erfahrung gemacht, die sie vermutlich für ihr Leben prägen wird. Ausgerechnet, als sie ein letztes Mal sorglos sein wollte, mit ihren Freundinnen ein letztes Mal vor dem Lockdown das Leben in der Freiheit genießen. Unterwegs in der Wiener Innenstadt, kam der eben noch fröhlichen Mädchenrunde bei der Garage am Hof die Polizei entgegengelaufen, die Gewehre im Anschlag. Panisch stürmten die Mädchen in den Keller eines Lokals. Eben unten angekommen, hörten sie Schüsse. „Ich habe mich an die Szenen im Pariser Bataclan erinnert. Ich habe geglaubt, die kommen jetzt zu uns in den Keller hinunter und erschießen uns alle.“

Viktoria ist nichts passiert. Sie blieb, ebenso wie ihre Freundinnen, unverletzt. Äußerlich. Doch die Stunden des Ausharrens, der Unsicherheit und der Angst werden Spuren hinterlassen.

Die Welt ist Montagabend mit einem Schlag eine andere geworden. Jetzt also auch für diese Generation. Den letzten ernsthaften Anschlag erlebte Wien in den 1980er Jahren. Wer danach geboren wurde, hat in dieser Stadt nie Bedrohung oder gar Terror erlebt. Und auch die Anschläge vom 11. September 2001 in New York sind für viele nur eine vage, kindliche Erinnerung.

Terror, das ist jedenfalls immer anderswo, nicht hier, nicht bei uns, nicht vor unserer Haustür. Wenn in Brüssel, London oder Madrid Bomben explodieren, dann sitzt man im Wien im Kaffeehaus und redet darüber, wie schlecht die Welt ist. So ist das. So war das. Bis vorgestern.

Freunde, seid ihr am Leben?

„Dann hat man plötzlich das Handy in der Hand, um zu tun, was man nie für möglich gehalten hätte, tun zu müssen – abzuchecken, ob es Freunden und Verwandten gut geht, ob sie am Leben sind“, erzählt Magdalena, Ende 20.

Sie erzählt von der besten Freundin, die sich in einem Innenstadt-Lokal am WC verschanzt hat und nun von der stets gut informierten Freundin wissen will, was denn nun wirklich los sei und wann sie wieder heraus kommen könne. Aber es gibt keine Antworten, nur Rat- und Hilflosigkeit. Das Handy, natürlich man lässt es jetzt gar nicht mehr aus der Hand. Im Fernsehen laufen Sondersendungen, aus denen man aber auch kaum schlauer wird und sich nur Stunde um Stunde Informationen wiederholen, die aber weder gesichert noch bestätigt sind. Auch die sozialen Medien spielen vollkommen verrückt. Jeder weiß ein bisschen was, jeder kennt jemanden, der jemanden kennt, der …

„Pray for Vienna“, schreiben die einen. Die anderen nutzen den Moment zur Religionskritik – und um überhaupt alles anzubringen, was sie immer schon gewusst haben wollen.

„Und wie geht man nun mit all den Videos um, die kursieren? Du willst sie eigentlich nicht sehen, aber du kannst nicht anders. Klick, klick, klick. Auf der Website mehrerer Tageszeitungen werden Videos des Anschlages gezeigt, heißt es und während du noch ,Skandal!’ twittern möchtest, gibst du schon die Webadresse der Tageszeitung ein. Als sie sich vor Überlastung nicht öffnen lässt, bist du ein bisschen erleichtert,“ beschreibt Magdalena den inneren Konflikt zwischen Verantwortungsgefühl und Neugier.

Und sie erzählt von der Mutter, die sagt, sie sei noch nie so froh gewesen, dass ihre Tochter nicht kochen kann. Die Tochter hat die Mutter angerufen – ungefähr zur gleichen Zeit, als die ersten Schüsse in der Innenstadt fielen. Wie lange man ein weiches Ei kochen müsse, wollte sie wissen. Und da wusste die Mutter, die kurz zuvor von dem Anschlag gehört hatte: Ihr Kind ist in Sicherheit. Es steht, ratlos aber sicher, zu Hause am Herd. Jetzt lacht die Mutter, aber in ihrer Stimme liegt die Erinnerung daran, wie verletzlich die Sicherheit ist. Seit Montagabend wissen also auch Mütter und Väter in Wien, wie es ist, wenn sie Angst um das Leben ihrer Kinder haben müssen.

„Alles ok, Mama“

Andere Mütter hatten Montagabend nicht so viel Glück wie Magdalenas Mutter, die ihr Kind geborgen daheim wusste. Andere Eltern sahen Bilder des Terrors auf dem Bildschirm und versuchten lange Zeit vergebens, ihr Kind zu erreichen. Schlecht war ihnen vor Sorge, bis endlich, endlich das erlösende SMS kam: „Alles, ok, Mama.“

Später sprachen diese Mütter und Väter für jeden einzelnen Polizisten und jeden einzelnen Wega-Beamten ein stilles Dankesgebet, weil er gut auf das Kind aufgepasst hat.

Die Polizei hat einen großartigen Job gemacht.

Dass sie das einmal sagen würden, das hätten sie, als sie selbst jung und ein bisserl rebellisch waren, nicht für möglich gehalten.

Aber damals hätten sie es auch nicht für möglich gehalten, dass der Terror einmal so nah zu ihren Kindern kommen würde.

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