Grazer Uhrturm

In der steirischen Politik gehen die Uhren manchmal etwas anders

© FREMD/Christandl Jürg

Politik Inland
11/17/2019

Der "Styrian Spirit" - nur noch ein laues Lüftchen?

Modell Steiermark: Der Grazer Soziologe Manfred Prisching im Gespräch über das politisch-geistige Klima im Land.

von Rudolf Mitlöhner

Es gab Zeiten, da fand die steirische Landespolitik österreichweit Beachtung. Das „Modell Steiermark“, erstmals bereits im Jahr 1972 vom damaligen Landeshauptmann Friedrich Niederl präsentiert, ist vor allem mit der Ära von Josef Krainer jun. (1980–1996) verbunden: Es ging um eine Verbindung zwischen Tradition und Weltoffenheit im Sinne des Diktums des steirischen Kulturpolitikers Hanns Koren (alle ÖVP) „Heimat ist Tiefe, nicht Enge“.

Ungeachtet dessen galt aber die steirische VP dieser Zeit auch als Wegbereiter einer Annäherung von Schwarz und Blau. Traditionell protestantische Gegenden wie die Region um Schladming im Ennstal waren deutschnational geprägt (ähnlich wie in Kärnten). Nicht umsonst wurde bereits 1951 unter der Ägide von Josef Krainer sen. das Gesprächsforum (heute würde man sagen: Thinktank) „Ennstaler(!) Kreis“ gegründet.

„Welcher Wahlkampf?“

Und heute? Findet sich etwas von diesem einstigen „styrian spirit“ im aktuellen Landtagswahlkampf? „Welcher Wahlkampf?“ repliziert Manfred Prisching auf die entsprechende Frage des KURIER. „Es gibt ein paar Plakate, und sonst ist nicht viel.“ Prisching, 68, ist emeritierter Professor für Soziologie an der Grazer Karl-Franzens-Universität und seit Jahrzehnten präziser Beobachter des politischen Geschehens (nicht nur) seines Heimatbundeslandes. Und er ist ein Repräsentant jenes geistigen Milieus, welches das steirische „Modell“ im skizzierten Sinne trug.

Die gegenwärtige Situation beurteilt er mit skeptischem Blick. Die Zeiten, „als noch an allen Ecken und Enden thematisch diskutiert wurde“, seien vorbei, „das gibt es nur noch in kleinen Kreisen“ – wie etwa bei dem zweijährlich stattfindenden Pfingstdialog „Geist & Gegenwart“ auf Schloss Seggau oder dem von Landeshauptmann Hermann Schützenhöfer initiierten Zukunftssymposium „Österreich 22“.

Prisching vermisst in der Politik generell „systemisches Denken“: „Es fehlt der Versuch, deutlich zu machen, dass man die Dinge verstanden hat.“ Auf Landes- wie Bundesebene übrigens, meint er. Aber, so schränkt er ein: „Visionen haben wir selbst nicht, also ist es anmaßend, sie von den Politikern zu verlangen.“

Dass die steirische VP diesmal den ersten Platz zurückerobert, gilt als so gut wie sicher. 2015 überließ Franz Voves, dessen SPÖ ganz knapp voran lag, Schützenhöfer den Landeshauptmann-Sessel – wohl auch um Schwarz-Blau zu verhindern (VP und FP hatten eine klare Mehrheit von 28 Sitzen im 48-köpfigen Landtag). „Auch Schützenhöfer hätte das politisch nicht überlebt, wenn er seinerseits den Landeshauptmann hergeschenkt hätte, den er mithilfe der FPÖ ja hätte haben können“, meint Prisching – und das wusste Voves.

Die letzten Großkoalitionäre

Eine Fortsetzung von Schwarz-Rot ist sehr wahrscheinlich, wenngleich unter anderen Mehrheitsverhältnissen: nicht nur mit einer deutlich gestärkten VP, sondern auch einer massiv geschwächten SP. Wobei Prisching deren Spitzenkandidaten und LH-Stellvertreter Michael Schickhofer attestiert: „Sehr solide und anständig“, aber er leide unter der „konfusen Bundespartei“.

Dass es Schickhofer kaum gelang, neben Schützenhöfer an Profil zu gewinnen, kann man indes nicht mit den allgemeinen SP-Verwerfungen erklären. Schützenhöfer seinerseits sei seit der letzten Wahl „in sein Amt hineingewachsen“, habe „die Unsicherheiten des Beginns überwunden“ und spiele glaubwürdig die „Landesvaterrolle“, so Prischings Einschätzung.

An Schwarz-Grün glaubt der Soziologe trotz der Entwicklungen auf Bundesebene und trotz auch in der Steiermark prognostizierter Grün-Gewinne nicht: Schützenhöfer gilt als (einer der letzten) Großkoalitionär(e), er ticke „eher sozialpartnerschaftlich“.

Prischings kritischer Blick gilt nicht nur der Politik: Auch die Kirche – gerade in der Steiermark stets eine prägnante Stimme im öffentlichen Diskurs – habe an Relevanz verloren. Man sei „beschäftigt mit sich selbst“, der Bischof der Diözese Graz-Seckau, Wilhelm Krautwaschl, „eher ein pastoraler Mensch“. Aber die Kraft für „Zeitdiagnostisches“, wie das Krautwaschls Vorgänger Egon Kapellari genannt hätte, für geistige Wegmarken in Kultur und Gesellschaft, sei kaum noch vorhanden.

eine Newsletter Anmeldung Platzhalter.

Wir würden hier gerne eine Newsletter Anmeldung zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diesen anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.

Um diesen Artikel lesen zu können, würden wir Ihnen gerne die Anmeldung für unser Plus Abo zeigen. Leider haben Sie uns hierfür keine Zustimmung gegeben. Wenn Sie diese anzeigen wollen, stimmen sie bitte Piano Software Inc. zu.